Der Designer Matthew Williamson hat für H&M geschneidert. Mit ähnlicher Mode haben die Schweden früher einmal ein Fiasko erlebt. Von Dirk van Versendaal

Da guckt niemand mehr weg: Bikini-Oberteil mit psychedelischen Mustern© Pressefoto
Wenn die 60-jährige Grace Jones einen dreiviertelnackten Auftritt hinlegt, Schauspieler wie Adrien Brody oder Lucy Liu an Bord der "Majesty Cornucopia" mit den bekanntesten Dragqueens von New York abtanzen und Modelgrößen wie Helena Christensen, Bar Refaeli und Daria Werbowy sich verschwitzt unters trunkene Volk auf Pier 17 mischen - ist das dann noch eine Party von Hennes & Mauritz oder schon eine Orgie?
Der schwedische Modegigant ist geradezu tollkühn geworden für nordische Verhältnisse. Die sonst so nüchternen Schweden ließen es bei der Kollektionspremiere ihres aktuellen Gastdesigners Matthew Williamson so richtig in die laue New Yorker Frühjahrsnacht hinein krachen. Warum auch nicht? Auf die Pionierarbeit Karl Lagerfelds von 2004 folgten Stella McCartney und das holländische Designduo Viktor & Rolf; 2007 legte Roberto Cavalli nach, im vergangenen Herbst hatte die Avantgardistin Rei Kawakubo mit Comme des Garçons ihren großen Auftritt - und nun ließ man Williamson freie Hand bei der Gestaltung seiner quietschbunten Kimono-Kaftane, Sarongs und Stickwesten.
Gut, am finanziellen Nutzen mancher Kooperation mag Zweifel bestanden haben, der Imagegewinn, den sie allen Beteiligten brachten, stand jedoch immer außer Frage. Aber wird das auch diesmal so sein?
Pleiten und Reinfälle kennt man kaum bei H & M. Mit Ausnahme der Sommerkollektion des Jahres 2000. Bei bloßer Erwähnung des sogenannten Hippie-Fiaskos fällt den Schweden heute noch der Kleiderbügel aufs Knäckebrot. Die Entwürfe waren zu modisch und farbenfroh geraten, unter die Stretch-Tops passte kein BH mehr, die pinkfarbenen Schlaghosen wurden im Schlussverkauf verramscht, der damalige Geschäftsführende Direktor Fabian Månsson nahm seinen Hut.
Und nun wieder: üppig bestickte Tunikablusen, Paillettentops, exotische Stoffdrucke - fast wie damals. Entworfen von einem Designer, der sagt, all seine Kollektionen hätten "mit Reisen und Eskapismus" zu tun.
"Zehn Jahre in der Mode sind eine Ewigkeit", meint Margareta van den Bosch, seit 22 Jahren kreatives Oberhaupt von Hennes & Mauritz. "Wir waren zu früh dran mit den Farben, damals, als die Mode sich gerade erst vom Minimalismus und vom Schwarzgrau befreite. So einen Fehler haben wir nicht wieder gemacht."
Die 66-Jährige dürfte auch diesmal dafür gesorgt haben, dass Williamsons bunte Kür mit dem Pflichtprogramm unterfüttert wurde, den schmalen Hosen, kurzen Röcken und Accessoire-Bestsellern wie Bikinis, Flip-Flops und Sonnenbrillen.

Matthew Williamson hat klare Vorlieben: "Ich mag Kleider, die von Frauen getragen werden, die sich nicht verstecken wollen"© Brendan McDermid/Reuters
Offenbar waren sich van den Bosch und ihre Kollegen des Erfolgs sicher. Sie vertrauten Williamson nicht nur den Entwurf einer limitierten Damenkollektion an, die bereits Ende April Premiere hatte und, wie üblich, innerhalb weniger Stunden in ausgewählten Verkaufsstellen eingetütet war. Sondern sie ließen ihn auch eine umfangreiche Sommerkollektion für Frauen und Männer entwerfen, die ab 19. Mai in mehr als 1600 H & M-Filialen weltweit ausliegen wird.
Matthew Williamson kennt sich mit kreativen Gastauftritten bestens aus. Er entwarf Jeans für Levi's, Handys für Motorola, Flaschen für Coca-Cola. "Ich bin ein kommerzieller Designer, der möchte, dass Frauen Geld für seine Produkte hinlegen und sie benutzen", sagt er.
Dass in dem Eskapisten und Farbromantiker auch ein knallharter Realist steckt, mag vor vier Jahren das italienische Traditionslabel Pucci dazu bewogen haben, ihn zum Kreativdirektor zu berufen. Problemlos fand sich der im grauen Manchester aufgewachsene Brite in die mediterrane Welt Puccis hinein.
Es ist ihm nicht auf den ersten Blick anzusehen, dass er zu einer solchen Rolle taugt: Immer ein wenig blass, ein bisschen verfroren sieht er aus, auch die Party, die ihm zu Ehren den New Yorker Pier 17 beinahe zum Schwanken brachte, durchstand er mit der leicht angestrengten Miene eines Modearbeiters, der dann doch lieber vorm Zeichentisch als auf dem Tanzboden steht. Nicht, dass er schüchtern wäre. Er kennt jede Menge Leute, vor allem die wichtigen. Seine guten Kontakte zeigten sich bereits, als er am Ende der Lehrjahre auf der renommierten Londoner Modeschule Saint Martins 1997 seine Debüt-Schau "Electric Angels" auf den Catwalk schickte - getragen von Models wie Kate Moss, Helena Christensen und Jade Jagger.
Dass er sich die nächsten Jahre über Wasser halten, sogar einen Laden in einer Seitenstraße der edlen New Bond Street öffnen konnte, hatte der emsige Kontaktknüpfer seinen Eltern zu verdanken. Um dem talentierten Sohnemann im Atelier zur Hand zu gehen, hängte Mutti ihren Job als Optikergehilfin an den Nagel, Daddy verließ seinen TV- und Elektrobedarfsshop in Manchester. Sie blieben sechs Jahre.
Mit seiner Leidenschaft für "Kleider, die von Frauen getragen werden, die nicht verschwinden wollen", gelang es Williamson in dieser Zeit, etliche Celebrity-Kundinnen um sich zu scharen: Aktricen wie Keira Knightley und Gwyneth Paltrow, It-Girls wie Sienna Miller oder Mischa Barton.
Nachdem Pucci und Williamson sich im vergangenen Herbst nach sechs Kollektionen getrennt hatten, wollte der 38-Jährige fortan seine eigene Marke ausbauen. Der Zeitpunkt war schlecht gewählt: Als er Mitte Februar seinen Flagship-Store in New York öffnete, hatte einer seiner beiden Finanzinvestoren, die isländische Baugur Gruppe, gerade die Insolvenz angemeldet. Für den Engländer hat es also Sinn, eine H & M-Billigversion seiner Klassiker zu schneidern und von einer weltweit präsenten Werbekampagne zu profitieren.
Den Schweden dürfte Williamson vermutlich dazu dienen, das derzeit schwächelnde britische und amerikanische Geschäft anzukurbeln. Auf beiden Märkten ist Williamson eine Größe, anders als in Deutschland. Doch nicht nur deshalb müssen deutsche Kundinnen am 19. Mai keine Endlosschlangen und leer geräumte Regale befürchten. Erstmals nämlich verzichtet H & M auf die Limitierung einer Designerkollektion, die Entwürfe Williamsons wird es in ausreichender Menge geben.
Das freut vor allem Margareta van den Bosch. Denn ein besonderes Ärgernis waren ihr stets jene Beutejäger, die an sich reißen, was zwischen zwei Arme passt - um es Stunden später bei Ebay gewinnbringend zu verkaufen.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 21/2009