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Modedesigner Matthew Williamson: Mit Hippie-Style düsteren Zeiten entfliehen

Der Brite Matthew Williamson ist bereits der sechste renommierte Designer, der seine Ideen an die Modekette H&M verkauft. Warum er anfangs zögerte und welche Rolle Madonna bei der Zusammenarbeit spielte, verrät Williamson im Interview mit stern.de.

Herr Williamson, noch heute zaubert die bloße Erwähnung der Sommerkollektion des Jahres 2000 den Managern von H&M Sorgenfalten auf die Stirn. Das so genannten "Hippie-Fiasko" gilt mit seinen zu modischen, zu farbigen, zu jungen Entwürfen als einzige echte Designpleite des schwedischen Modeherstellers. Und jetzt haben Sie eine Kollektion entworfen, in der es wieder sehr modisch, sehr jung und sehr, sehr bunt zugeht. Ein Risiko?

Es war damals eine schwierige Zeit für Farben, denke ich. Die Mode kämpfte sich gerade aus dem Minimalismus heraus. Jetzt sind wir längst bereit für anderes als Schwarz und Grau. Die Leute von H&M jedenfalls waren sehr aufgeschlossen. Ich konnte machen, wozu ich Lust hatte. Und ich habe ihnen eine Zusammenfassung der Teile geliefert, mit denen ich mir als Designer einen Namen gemacht habe.

Hatten Sie Befürchtungen, eine so riesige Modemaschine wie Hennes & Mauritz könnte Schwierigkeiten damit haben, ihre zarten Fummel passend umzusetzen und zu produzieren?

Anfangs hatte ich Bedenken, aber alle - vom Designteam und den Schnittemachern bis hin zu den Drucktechnikern und Produktentwicklern - haben sorgfältig und vorsichtig gearbeitet. Sie haben meine Entwürfe umgesetzt, wie ich es erhofft hatte. Sie haben sehr viel Energie in die Kollektion gesteckt.

Wann kam der erste Kontakt mit den Schweden zustande?

Ich bin Margareta van den Bosch, der damaligen Chefdesignerin, im März 2007 zum ersten Mal begegnet. Ausgerechnet, als Madonna ihre H&M-Entwürfe in der Bar des Londoner Langham-Hotels vorstellte. Wir einigten uns ziemlich schnell auf eine zukünftige Zusammenarbeit, doch damals war ich Kreativdirektor bei Emilio Pucci. Es wäre zu viel Arbeit für mich gewesen, ich habe ja auch noch meine eigene Linie, um die ich mich kümmere. Im Juni 2008 hatten wir dann die ersten Detailgespräche. Margarete van den Bosch wollte unbedingt, dass ich eine Sommerkollektion mache.

Und sie wollte, dass Sie eine Männerkollektion entwerfen. Es war Ihre erste.

Nach zwölf Jahren als Modedesigner konnte ich endlich mal darüber nachdenken, was ich selber gern anziehen würde. Ich habe meinen Kleiderschrank nach meinen Lieblingsstücken durchsucht und sie überarbeitet. Beim Zeichnen schwebte mir dann ein Engländer vor, der nach Kuba reist und dann über die griechischen Inseln und Ibiza zurückkehrt. All meine Kollektionen haben mit Reisen und Eskapismus zu tun.

Sie haben vieles bei Emilio Pucci gelernt?

Ja, wir hatten eine ähnliche DNA. Pucci war die einzige Marke, die mich schon früh sehr interessierte. Emilio Pucci glaubte daran, dass es in der Mode darum gehe, die Frauen in einfachen Kleidungsstücken schön aussehen zu lassen. Und er liebte die Farben.

Sind Sie so begeistert von Farben, weil Sie im grauen Manchester aufwuchsen?

Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass Farben unsere Laune ändern können. Man bekommt Reaktionen, wenn man Farben trägt. Und das gefällt mir. Die Kleider, die ich entwerfe, sind nicht für Frauen, die verschwinden wollen.

Zu Lebzeiten Goethes galt schon die Zusammenstellung von Grün und Blau als "närrisch", die Kombination verschiedener Rottöne als höchst delikate Angelegenheit.

Jede Zeit hat so ihre Vorstellungen. Es gibt ja Millionen von Möglichkeiten, Farben zu kombinieren. Das ist überwältigend. Es macht also von Anfang an keinen Sinn, über ihre vermeintlich richtige Zusammenstellung nachzudenken. Ich wähle Farben impulsiv aus.

Mittlerweile weiß die Welt, dass Mode nicht elitär sein muss, und Edelschneider willens sind, Straßenschick ebenso zu liefern wie Haute Couture. Das Konzept, hochwertiges Design zu moderaten Preisen zu verkaufen, hat sich durchgesetzt. Aber wird es auch weiter bestehen?

Davon bin ich überzeugt. Denn erstens sind diese Zusammenarbeiten bezahlbar, was in schlechten Zeiten besonders wichtig ist. Zweitens sind sie immer überraschend und spannend. Und drittens treffen sie den Zeitgeist: Designermode und Modekette, High-Fashion und Streetwear - so ziehen sich modebewusste Frauen heute an. Es geht nicht mehr darum, sich von Kopf bis Fuß in ein einziges Label zu kleiden.

Einer Ihrer beiden Finanzinvestoren, die isländische Baudur Group ist insolvent. Welche Folgen hat das für Sie?

Die haben eine Minderheitsbeteiligung. Und alles, was ich sagen kann, ist: Ich bin zufrieden mit dem Abkommen, das wir haben. Die Lage ist unter Kontrolle.

Interview: Dirk van Versendaal