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Modehaus Pucci: Kleiner Prinz

Mit dem englischen Designer-Star Matthew Williamson will das legendäre Florentiner Modehaus Pucci sich seinen Platz am Fashion-Firmament zurückerobern.

Von Dirk van Versendaal

Man sollte besser nicht wissen, wie Mode für gewöhnlich entsteht: in engen Ateliers, zwischen Stofffetzen, Bügelbrettern, Schneiderpuppen und hektischen Assistenten - von Glamour keine Spur. Doch es gibt Ausnahmen. Diese hier spielt sich im Tanzsaal eines Florentiner Palastes ab, über dessen Marmorböden einst Päpste und Könige schritten, und da diskutiert dann der vornehm blasse, blauäugige Jüngling mit der weltgewandten Marchesa, an ihrer Seite wacht eine aparte Pariserin, schmuckes Mitglied der französischen Manager-Kaste. Ja, Kulisse und Personal sind bühnenreif, wenn im Modehaus Pucci an einer Kollektion gebastelt wird.

Der junge Mann heißt Matthew Williamson, mittlerweile 34 Jahre alt, aber frisch in Diensten von Laudomia Pucci, Tochter des legendären Firmengründers Emilio, dem "Prince of Prints". Im Hintergrund hält sich Catherine Vautrin, Vorstandsvorsitzende und verlängerter Arm des französischen Luxusgüterkonzerns LVMH, der sich vor sechs Jahren den Großteil des italienischen Unternehmens einverleibt und es auf Touren gebracht hat. "Wir haben eine schlafende Schönheit geweckt", so umschreibt Vautrin den Umstand, dass die Pucci-Umsätze sich seither verfünffacht haben.

Viele bunte Farben und Kleider für gute Laune

Damit die Schöne nicht wieder entschlummert, wurde nun Williamson engagiert, denn sein Name steht für das, was auch Pucci groß gemacht hat: viele bunte Farben und Kleider, die man anzieht, wenn man gute Laune hat. Zudem hat er es noch geschafft, etliche Celebrity-Kundinnen um sich zu scharen: Keira Knightley und Sienna Miller zum Beispiel und Gwyneth Paltrow. Hollywoods schönste Aktricen taugen besonders, das Image einer Modemarke zu verjüngen sowie den Accessoires-Bereich auszubauen. Genau daran hat es unter dem bisherigen Designer bei Pucci gefehlt: Christian Lacroix steht für meisterhafte Couture und damenhafte Eleganz, aber nicht für Innovationen. "Eine Neuinterpretation von Pucci tut sicher gut", meint Laudomia. "Matthew steht für einen zeitgemäßen Chic." Und dass der im grauen Manchester aufgewachsene Engländer sich mühelos in die mediterrane Welt Puccis einfinden würde, überrascht niemanden - schließlich hat er mit seiner guten Bekannten Jade Jagger jeder Menge Partys auf Ibiza beigewohnt.

Nicht dass Williamson sich zu Ruhm und Ehren gefeiert hätte: Nach dem Besuch der Londoner Modeschule Saint Martins brachte er - ohne jede finanzielle Unterstützung - 1997 die spektakuläre Debüt-Schau "Electric Angels" auf den Catwalk. Seine pinkfarbenen Tunikakleider im Hippie-de-Luxe-Stil machten ihn zum Shootingstar der Londoner Modeszene. Dass er sich die nächsten Jahre über Wasser halten, sogar einen Laden im Umfeld der New Bond Street eröffnen konnte, hat er vor allem seinen Eltern zu verdanken. Um dem talentierten Sohnemann im Atelier zur Hand gehen zu können, hängte Mutti ihren Job als Optikergehilfin an den Nagel, Daddy verließ seinen TV- und Elektrobedarf in Manchester. Sie kamen für sechs Monate nach London und blieben sechs Jahre. Nun haben sie sich nach Manchester aufs Altenteil zurückgezogen, derweil ihr Matthew in die große weite Welt zieht.

Das Pucci-Imperium steht auf imposanteren Fundamenten (siehe Kasten) - dennoch will Matthew Williamson sich nicht von der fabelhaften Biografie des Gründervaters, der 1992 mit 78 Jahren starb, einschüchtern lassen. Und sich mit den Meriten eines Christian Lacroix zu messen, der dem Florentiner Modeunternehmen zum Revival verhalf, sei ebenso kontraproduktiv - "Wir sind Welten voneinander entfernt." Besser, man besinnt sich auf Gemeinsames: die Leidenschaft für exotische Stoffdrucke und "für Kleider, die von Frauen getragen werden, die nicht verschwinden wollen". Und was den Umgang mit Farben angehe, da kommen sich Matthew und der Marchese in ihrer Besessenheit sehr nahe. Emilio Pucci hatte seine Farben nicht nur mit Nummern, sondern auch mit Namen versehen: Nil, Smaragd und Pulver gibt es da, Saphir, Mondschein, Schildkröte, Ozean. Einmal machte er 500 Unterwasseraufnahmen nahe des Fischerdorfes Marina Piccola di Capri, um Teile seiner Türkis- und Blausammlung erweitern und taufen zu können. Matthew Williamson dagegen kombiniert in seiner Londoner Dreiraumvilla Zitronengelb und Bonbonpink, streicht das Esszimmer in Knallrot, tüncht nach einem halben Jahr doch wieder alles in Weiß, um kurz darauf den nächsten kunterbunten Anstrich in Angriff zu nehmen. "Es gibt eine Million Möglichkeiten, Farben zu kombinieren. Es ist also sinnlos, über ihre Zusammenstellung nachzudenken. Ich wähle Farben impulsiv."

Wenn das bei Pucci so einfach wäre. Denn Emilio arbeitete mit seiner ganz eigenen Farbpalette, und "die darf unter keinen Umständen verlassen werden", wie Laudomia mit gehöriger Strenge bemerkt. Aus mehr als 250 Nuancen und Farbkompositionen besteht sie, es fehlt aber zum Beispiel ein so genanntes echtes Rot. Das mochte Emilio nicht, dafür liebte er Pink, Lila, Rosa, Orange in allen Schattierungen. Laudomia Pucci hält ein Auge darauf, dass es unter Williamson nicht etwa zu illegalen Farbexperimenten kommt. "Mein Vater hat mir nicht nur ein Unternehmen hinterlassen, sondern auch ein moralisches Erbe." Beim Designer hat sich der anfängliche Schreck ob derlei Einschränkungen gelegt. "Ich kann mich trotzdem kreativ austoben."

Für seine erste Pucci-Kollektion wagte sich Williamson jetzt an die nicht gerade einfachen Pastelltöne, an "Eiscreme und Sorbet", was "wohl mit den vielen Eisdielen in Florenz zu tun hat". Ansonsten aber verließ ihn ein wenig die Kolorierwut, wie manche Kritiker nörgelten, denn allzu oft versteckte Williamson das Erbe des Hauses Pucci im Mantelfutter, als gelegentlichen Farbtupfer auf Gürteln oder Tüchern. Weil aber die Nüchternheit den modischen Nerv der Zeit trifft und weil auch andere Designer für den nächsten Herbst und Winter auf lustige Farben rigoros verzichten, waren am Ende auch die Marchesa und die aparte Pariserin zufrieden: "Amüsant, ironisch, leicht", lobte Laudomia die Interpretationen des blauäugigen Jünglings.

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