Seit sechs Jahren bin ich mit meiner jetzigen Partnerin zusammen. Ich identifiziere mich als bisexuell. Mit 17 Jahren habe ich mich geoutet und lange Zeit erst einmal nur Männer gedatet. Das lag sicherlich am gesellschaftlichen Druck. Es gibt immer noch die Erwartungshaltung, als Frau mit einem Mann zusammenzusein. Ich finde, dass Interaktionen zwischen Frauen und Männern immer noch oft romantisch und sexuell codiert sind.
Wenn ich auf Männer getroffen bin, haben sie mir immer schnell klargemacht, dass sie Interesse an mir hatten. Es stört mich, dass scheinbar wenige Männer an einer reinen Freundschaft mit Frauen interessiert sind, außer sie sind schwul. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass viele Männer nur in Kontakt mit Frauen kommen, wenn sie selbst „einen Nutzen daraus ziehen“.
Seit ich aber mit einer Frau zusammen bin, ist mir bewusst geworden, dass ich dabei bleiben möchte.
Wie diese Geschichte entstanden ist
Dieses Protokoll beruht auf den Aussagen einer Quelle, die wir aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes anonymisiert haben. Die Redaktion hat das Gespräch sorgfältig auf Plausibilität und Authentizität geprüft und verifiziert.
„Männer sollten mehr Respekt gegenüber Frauen haben“
Klar gibt es progressive Männer, die sich mit dem Patriarchat und dessen Auswirkungen auf die gesamte Gesellschaft auseinandersetzen. Ich finde, sehr viele Männer haben nicht genug Respekt gegenüber Frauen. Wenn ich Männer in meinem Umfeld gefragt habe, was sie an ihrer Partnerin eigentlich mögen, kam häufig etwas zurück wie: „Ich mag, was sie mir gibt.“
Warum sprechen Männer so selten die Charaktereigenschaften von Frauen an? Es geht weniger um die Attribute wie Ehrlichkeit und Aufmerksamkeit, sondern um die Frage, was kann die Frau für mich leisten. Das stößt mir bei Männern sehr auf. Eine absolute Greenflag sind für mich Männer, die mehrere Freundinnen haben und nicht zwangsläufig romantisches Interesse an ihnen haben.
In meiner früheren Beziehung mit einem Mann gab es auch sexualisierte Gewalt. Diese Erfahrungen haben dazu geführt, dass ich für mich stark infrage gestellt habe, ob ich noch mit Männern zusammen sein will. Aus heutiger Perspektive erkenne ich viele Warnsignale, die ich früher nicht gesehen habe: Grenzüberschreitungen, Lovebombing, stark verinnerlichte Rollenbilder. Es gab viele problematische Aussagen, auf die ich mich heute gar nicht mehr einlassen würde.
Früher fand ich es hot, wenn sich aus dem Rumknutschen einfach mehr ergeben hat. Heute finde ich, es sollte selbstverständlich sein, nach Konsens zu fragen. Männer sollten einfach mal die Frage stellen: „Hast du Lust, mit mir Sex zu haben?“ oder „Willst du mich küssen?“. Ich würde mir wünschen, dass Männer mehr proaktiv kommunizieren und nicht nur initiieren.
Viele Männer reden sehr schlecht über ihre Ex-Partnerinnen. Mit der Aussage „Meine Ex ist voll crazy gewesen“ schieben sie die Verantwortung und Schuld von sich. In vielen Kennenlernphasen mit Männern haben diese sehr abfällig über ihre ehemaligen Partnerinnen gesprochen, das hat mich sehr gestört. Männer sollten da mehr Respekt gegenüber Frauen haben.
„Sex mit Frauen ist für mich erfüllender als mit Männern“
Ich habe in Gesprächen mit Männern oft das Gefühl, ich müsste das Gespräch am Leben halten. Nachgefragt wird kaum und ich bin die Einzige, die wirklich Interesse an der anderen Person zeigt. Tiefere Gespräche wurden immer von mir initiiert. Emotional und in der Bandbreite der Gesprächsthemen bin ich heute mit meiner Partnerin auf einem ganz anderen Level.
Ich erlebe bei Männern auch ein geringeres Bewusstsein für Gerechtigkeit. Die meisten Männer, die ich getroffen habe, hatten ein sehr traditionelles Bild ihrer Zukunft – Familie, Haus und Kinder. Ich will keine Kinder und bin bei Männern damit auf viel Unverständnis gestoßen.
Sex mit Frauen ist für mich erfüllender als mit Männern. Es ist viel mehr Sensibilität und Empathie dabei. Ich habe gemerkt, dass wir offen darüber sprechen, was uns gefällt. Wir sind sehr viel losgelöster von Rollenbildern. Für viele Männer ist penetrativer Sex immer noch das Nonplusultra. Mit meiner Partnerin habe ich eine ganz andere Art der Sexualität entdeckt. Mit Männern habe ich mich oft sehr performend gefühlt, das fand ich sehr anstrengend.
Eine kurze Zeit lang habe ich Dating-Apps genutzt. Als ich bemerkt habe, dass ich immer neugieriger auf Frauen wurde, habe ich mich auf einer queeren Dating-App angemeldet. Ausgerechnet dort hat mir ein Mann ein ungefragtes Dick-Pic geschickt.
Man sagt ja: „A good man is an average woman.“ Eine Frau setzt für mich den Standard, den ein Mann mindestens erfüllen muss, um für mich noch interessant zu sein. Reflexionsbewusstsein, Verantwortung zu übernehmen und Empathie sind mir am wichtigsten.
Mich beunruhigt das zunehmende Auseinanderdriften der politischen Einstellungen von Männern und Frauen. Jüngere Frauen sind häufiger einem linkeren, progressiveren Spektrum zuzuordnen, Männer stärker rechts oder rechtsaußen. Diese Differenz beobachte ich in meinem Umfeld auch. Auch wenn Männer sich reflektiert zeigen, sprechen ihre Taten dann doch oft eine andere Sprache.
"Oh, er tut ja nur so"
Heterosexuelle Frauen, die aufgrund ihrer Sexualität nur Männer daten können, tun mir wirklich leid. Mit den „performative males“ kann man die Idioten ja nicht mal mehr von den anderen unterscheiden. Frauen müssen erst in die Falle tappen, um dann zu merken – oh, er tut ja nur so.
Ich kann Frauen sehr gut verstehen, die nach solchen Erfahrungen vom Männerdating ermüdet sind. Auf Social Media sehe ich immer mehr Posts unter dem Hashtag „Boysober“. Ich finde Männer zwar attraktiv, kann sie aber nicht mehr ertragen.
#Boysober
"Boysober" beschreibt das Phänomen, bei dem Frauen bewusst darauf verzichten, Männer zu daten. Das Wort setzt sich aus den englischen Begriffen für Junge beziehungsweise Mann (boy) und nüchtern (sober) zusammen. Dabei geht es darum, sich selbst zu priorisieren und sexuelle oder emotionale Abhängigkeiten zu hinterfragen.
Die Beziehung zu Männern wird mit einer Droge verglichen, die einen kurzzeitigen Rauschzustand auslöst, aber auf lange Sicht auslaugt. #Boysober ist eine Gegenbewegung, bei der Frauen auf Beziehung oder Sexualität mit Männern verzichten, um sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen.
Ich selbst bin mit meiner Bisexualität in einer angenehmen Position – ich kann mich einfach entscheiden. Ich finde es trotzdem schade, dass romantische Beziehungen immer als das höchste Ziel für Frauen angesehen werden.
Wenn Frauen aufhören, Männer zu daten, steigt das Bewusstsein für Freundschaften und andere Formen der Beziehung. Ich finde es wichtig, sich von dem Gedanken loszumachen, dass die romantische Beziehung die wichtigste im Leben ist.
*Name von der Redaktion geändert