"Mein Gott, die waren alle Kaufleute"

13. August 2005, 09:00 Uhr

Der Vater stand acht Jahre an der Spitze der Deutschen Bank; der Sohn hat deren Verstrickung in den Nationalsozialismus erforscht. Ein Gespräch mit Hilmar und Christopher Kopper - über die Geschichte der Bank und familiäre Konflikte.

"Nach Schuld und Sühne haben wir jungen Leute nicht gefragt." Hilmar Kopper (r.) mit Sohn Christopher im 35. Stock der Zentrale der Deutschen Bank in Frankfurt©

Hat sich die Deutsche Bank im Nationalsozialismus schuldig gemacht?

Christopher Kopper: Sie hat sich schuldhaft verstrickt. Sie konnte nicht neutral bleiben. Denn ihr ganz normales Geschäft wurde plötzlich politisch. Etwa wenn ein Immobilien- oder Unternehmensverkauf der Arisierung jüdischer Vermögen diente.

Ist es nicht beschämend, dass sie für solche Geschäfte Provisionen kassiert hat?

Hilmar Kopper: Erst mal waren die Provisionen nicht so bedeutend wie manchmal dargestellt. Und dann sind auch in gewisser Weise Abwicklungsleistungen erbracht worden, indem zum Beispiel Käufer und Verkäufer zusammengeführt wurden. Das war eine Art "rassistischer M & A"*. Geschäfte, die vom Staat zwangsweise den Kreditinstituten oktro-yiert wurden.

Dennoch beteiligten sich die einen mehr und die anderen weniger.

Hilmar Kopper: Es kann schon sein, dass einige Banken an diesen Geschäften größeres Interesse gezeigt haben. Aber, mein Gott: Die waren alle Kaufleute. Das Unrechtsbewusstsein und der böse Vorsatz, jemanden zu schädigen, war nach meiner Einschätzung nicht vorhanden. Im Gegenteil: Manchmal ging es gerade darum, das Vermögen der jüdischen Kunden so gut wie möglich zu schützen.

Die deutschen Großbanken haben Konten und Depots ihrer jüdischen Kunden auf Anweisung des Staates aufgelöst.

Hilmar Kopper: Dies war keine kaufmännische, sondern eine rein bürokratische Handlung. Das Gesetz wurde geändert, und die Bank war gezwungen, es zu beachten. Sonst machte sie sich strafbar. Was damals geschehen ist, hat natürlich eine gewisse Tragik, weil es eine bestimmte Bevölkerungsgruppe betraf. Aber was ist der Unterschied von so einer staatlichen Anordnung zu dem, was wir jetzt gerade erlebt haben. In Deutschland hat der Staat ein Gesetz gemacht, das die Banken zwingt, ihn in die Konten der Bürger gucken zu lassen und das Bankgeheimnis zu verletzen.

Aber die Bundesrepublik Deutschland hat nicht die Absicht, die Inhaber dieser Konten zu ermorden.

Hilmar Kopper: Sie können doch nicht sagen, das hätte damals schon etwas mit der Ermordung der Juden zu tun gehabt. Das lasse ich auf meinen Kollegen nicht sitzen. Niemand wusste, was später kommen würde. Sie wurden vom Staat gezwungen, Erfüllungsgehilfen zu sein. Das passiert heute genauso wie damals auch. Wir geben dem Staat heute Kontrollmitteilungen, machen Angaben über Zinseinkünfte, und jetzt müssen wir ihm sogar Einsicht in Konten gewähren. Ich will die beiden Vorgänge natürlich nicht moralisch vergleichen: Aber so sind Staaten, die das Gesetzgebungsmonopol haben.

Warum haben die Banken ihren Kunden nicht geholfen?

Hilmar Kopper: Das hat es doch gegeben, sehr oft sogar. Den Briefen Thomas Manns habe ich gerade entnommen, dass ihm geraten wurde, Geld in die Schweiz zu bringen. Das war damals nicht legal, genauso wie derselbe Rat auch heute nicht legal wäre.
Christopher Kopper: Als 1938 die Juden gezwungen wurden, ihr Vermögen zu melden, war es für eine Flucht wegen der rigiden Devisenkontrollen eigentlich schon zu spät. Plötzlich radikalisierte sich die Rassenpolitik des Regimes sehr schnell. Und es lässt sich zeigen, dass sich die Banken in der Folge bereitwilliger an Arisierungen beteiligten und dabei weniger als zuvor die Interessen jüdischer Kunden im Auge hatten.

Sind Banken grundsätzlich unfähig zum Widerstand?

Hilmar Kopper: Die Banken waren nicht besser und nicht schlechter als der Rest der Gesellschaft. Es hat mich fast erstaunt in Christophers Buch, wie wenige Banken und Bankiers eine enge Beziehung zum Nazi-Regime hatten.

*Kürzel für "Mergers & Acquisitions" = Fusionen und Übernahmen

Übernommen aus ... Stern Ausgabe 32/2005

Kopper & Sohn Hilmar Kopper diente der Deutschen Bank fast 50 Jahre lang. Der heute 70-Jährige fing 1954 als Lehrling an, zog 1977 in den Vorstand ein und wurde nach der Ermordung Alfred Herrhausens 1989 dessen Nachfolger als Sprecher des Vorstands. Bis 1997 stand er an der Spitze der Bank. Als Aufsichtsratsvorsitzender von DaimlerChrysler ist er noch immer ein mächtiger Mann. Sein 1962 geborener Sohn Christopher, promovierter Historiker, beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Geschichte der deutschen Geschäftsbanken im Nationalsozialismus. Diese Woche erscheint sein neues Buch "Bankiers unterm Hakenkreuz". (Hanser, 303 S., 24,90 Euro)

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