"Ingo Thiel – Ein Kind wird gesucht"
145 Tage Angst und Empathie: Heino Ferch als Ermittler im "Fall Mirco"

  • von Wilfried Geldner
Ingo Thiel (Heino Ferch, links) und Mario Eckartz (Felix Kramer) ermitteln im Fall des vermissten Jungen Mirco. Auf der Suche nach Zeugen, die vielleicht zum Tatzeitpunkt an der Stelle waren, wo das Kind zum letzten Mal gesehen wurde, kommen die Polizeibeamten an ihre Grenzen.
Ingo Thiel (Heino Ferch, links) und Mario Eckartz (Felix Kramer) ermitteln im Fall des vermissten Jungen Mirco. Auf der Suche nach Zeugen, die vielleicht zum Tatzeitpunkt an der Stelle waren, wo das Kind zum letzten Mal gesehen wurde, kommen die Polizeibeamten an ihre Grenzen.
© ZDF / Kerstin Steller
Im September 2010 ist der zehnjährige Mirco in der Nähe von Grefrath verschwunden. Ein Fall, der eine ganze Nation, aber vor allem den Leiter der "Sonderkommission Mirco" bewegt. Der erste Fall der "Ingo Thiel"-Krimireihe mit Heino Ferch in der Hauptrolle erzählt das Drama wahrheitsgetreu nach.

Als am 3. September 2010 der zehnjährige Mirco in den Abendstunden nicht mehr nach Hause kam, setzte sich eine der größten Suchaktionen in Deutschland in Bewegung: Die Arbeit der "Sonderkommission Mirco" mit 80 Beamten soll eine der aufwendigsten und kräftezehrendsten der neueren Polizeigeschichte gewesen sein. Zwar wurden Mircos Fahrrad und Kleidungsstücke sowie später auch das Handy des Jungen gefunden. Doch trotz des Einsatzes von Hundertschaften, von Tornados mit Wärmebildkameras und Tauchern, blieb Mirco verschwunden. Die Mutter versuchte vor der TV-Kamera, in einer Botschaft Verbindung mit dem Täter aufzunehmen. Eine gläubige Frau, die verzeihen wollte, wie es ihr der Glaube befahl. "Ingo Thiel – Ein Kind wird gesucht" (2017) greift den "Fall Mirco" noch einmal auf – auf direkte Weise, ohne fiktionale Erfindungen hinzuzufügen. ARTE wiederholt den ersten Film der auf realen Fällen basierenden Krimireihe zur besten Sendezeit.

Akribisch wie die Suche selbst, die 145 Tage lang dauerte, wird in Urs Eggers (2020 mit 65 Jahren verstorben) Kriminalfilm die Polizeiarbeit nachgezeichnet: die Zeugenbefragung von Nachbarn und Passanten, die Aufrufe im Rundfunk, Beobachtungen doch bitte zu melden. Die Suche mit dem Hubschrauber oder mit dem Spürhund, der sich an Mircos gebrauchten Klamotten orientiert.

Das hat alles Tempo, es wird durch die Dringlichkeit des Falles motiviert. Nichts wirkt dramaturgisch aufgesetzt, die Mutter Sandra wird von Silke Bodenbender äußerst glaubhaft verkörpert. "Wer von euch glaubt, dass wir den Jungen noch lebend finden", fragt Heino Ferch, der im Film Ingo Thiel, den Leiter der Gladbacher Soko spielt, schon früh in die Runde. Ihn trifft nichts als betretenes Schweigen. Auch die Frauen im Männerbund der Ermittler, zuständig für den Opferschutz und die Fallanalyse, können kaum Hoffnung versprechen. Polizeiroutine, Enttäuschungen und Anteilnahme sind gut verteilt.

Bislang sieben "Ingo Thiel"-Fälle

Neben dem dramatischen Fall ist es Heino Ferchs Auftritt, der in Erinnerung bleibt. Zwischen Wut und Zurückhaltung schwankt er, wenn nichts vorangehen will. Immer weiter nähern sich die Opferfamilie und der Polizist einander an. Und zweifellos findet die lange so vergebliche Suche ihren Höhepunkt, wenn Thiel am Ende Mircos Mutter und dessen Vater (Johann von Bülow) gegenübertreten muss, um die Verhaftung des Täters und den Fund ihres Kindes zu vermelden. Der sadistische Täter, Angestellter eines großen Telekommunikationsunternehmens, war einmal mehr ein unauffälliger, angepasster Familienvater, der nach der Tat seinen normalen Alltag weiterlebte.

In seiner Machart geht der Film über übliche Fiction-Methoden weit hinaus, Schnitt und Kamera treiben das Geschehen ohne Umschweife voran, alle Schauspieler enthalten sich pathetischer Gesten. Insgesamt war es sicher ein durchaus gewagtes Spiel, einen bis hin zu "Aktenzeichen XY" bekannten Fall mit feststehendem Ausgang noch einmal als Spielfilm zu erzählen. Doch den Autoren (Katja Röder, Fred Breinersdorfer) und Regisseur Urs Egger gelang es, eine erstaunliche Nähe zu den damals Betroffenen und Empathie für sie herzustellen.

Insgesamt trat Heino Ferch als Ermittler Ingo Thiel bislang siebenmal in Erscheinung, zuletzt 2025 in "Die Frau ohne Gesicht". Alle Krimis der Reihe basieren auf realen Fällen, wie auch Ferchs Figur ihr gleichnamiges Vorbild in der Wirklichkeit hatte: Der echte Ermittler Ingo Thiel, der bei der Entstehung der Krimis beratend zur Seite stand, starb im Sommer 2025 nach kurzer schwerer Krankheit im Alter von 62 Jahren.

Ingo Thiel – Ein Kind wird gesucht – Fr. 27.02. – ARTE: 20.15 Uhr

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