"Tatort: Showtime"
Die Sendung mit der bösen Maus

  • von Eric Leimann
Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Freddy Schenk (Dietmar Bär) ermitteln im "Tatort: Showtime" in und hinter den Kulissen der legendären Kindersendung "Sachen und Lachen".
Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Freddy Schenk (Dietmar Bär) ermitteln im "Tatort: Showtime" in und hinter den Kulissen der legendären Kindersendung "Sachen und Lachen".
© © WDR/BAVARIA FICTION/Martin Valentin Menke
Der Kölner "Tatort: Showtime" ist ein Seitenhieb auf die Fernsehwelt selbst. Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Freddy Schenk (Dietmar Bär) ermitteln in und hinter den Kulissen einer legendären Kindersendung. Deren Star (Max Giermann) und sein schwieriges Ensemble beklagen einen toten Kameramann.

Im "Tatort: Showtime", dem neuen Fall von Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Freddy Schenk (Dietmar Bär), trägt deren Antagonist einen sprechenden Namen: Frank Anders (Max Giermann) ist seit Jahrzehnten ein Star des Kinderfernsehens. Als Gesicht der Sendung "Sachen und Lachen" klärt er in wechselnden Kostümen und Rollen junge Fernsehzuschauer über die Wunder der Welt auf. Wie ist die Demokratie entstanden? Was muss man über das Weltall wissen? Und natürlich: Welches Verhalten ist richtig und welches falsch. Privat jedoch ist Frank Anders anders. Abseits der Kamera ist der TV-Star ein Narzisst und cholerischer Wüterich. Als Franks langjähriger Kameramann Stefan Glück (Niels Bormann) – genannt Happy – ermordet im Kofferraum seines ausgebrannten Autos gefunden wird, beginnen die Kölner Kommissare auf dem Studiogelände zu ermitteln. Das das für Familienmensch Freddy Schenk fast schon ein Fan-Ding ist, weil er mit seiner Enkelin stets "Sachen und Lachen" gemeinsam schaute, ist er in Sachen Selfies mit dem Star durchaus aufgeschlossen. Beim kinderlosen Max Ballauf löst dies eher Befremden aus.

Je mehr die Ermittler in den Produktionsalltag der TV-Show eintauchen, desto deutlicher wird: Die Stimmung unter den ambitionierten Kinderunterhaltern ist alles andere als gut. Frank Anders' Frau Caro (Silvina Buchbauer) ist Produzentin und Managerin der Produktion – und chronisch gestresst. Mit einem der Hauptcharaktere, einem Mann im Tapir-Kostüm (Erkan Acar), hat Frank regelmäßigen Stress.

Dazu kommt: Auch in Liebesdingen und im "Kundenkontakt" mit Kindern und deren Familien scheint hinter den Kulissen der Show manches im Argen zu liegen. Dazu erfährt man im Lauf der 90 Krimiminuten mehr von Regisseurin Annabelle Mayers (Julia Riedler) oder auch Praktikantin Marie Wolters (Bineta Hansen). Als Herrin über stundenlanges Archivmaterial ständig laufender Kameras verbringt die junge Frau ihren Arbeitstag in einer dunklen Studiokammer, um aus Outtakes Social Media-Material zusammenzuschneiden. Für die Ermittler durchaus ein Glücksfall, so können sie Zeuge von Interaktionen im TV-Studio werden, die nie für die Augen der Öffentlichkeit gedacht waren.

Ein von der Decke hängender Mann im Adlerkostüm

In ihrem Januar-Fall "Tatort: Die Schöpfung" ermittelten Max Ballauf und Freddy Schenk noch an der Oper. Nun geht es zum Fernsehen – "Medientage" in Köln sozusagen. Die Atmosphäre der beiden Krimis ist allerdings durchaus unterschiedlich. Während der Opern-"Tatort" eher ein kühler Kunst-Krimi über Abläufe und Gewerke des Klassikbetriebes war, menschelt es in "Showtime" durch und durch. Dass der WDR-Krimi inhaltlich mit einer Bildungsinstitution-Sendung für Kinder spielt, ist durchaus doppelbödig zu verstehen. Immerhin entsteht im gleichen Haus ja auch "Die Sendung mit der Maus". Man stelle sich nur vor, da ginge es hinter den Kulissen genauso böse zu – Generationen von Fans wären nachträglich traumatisiert.

Auch wenn es beim fiktiven "Sachen und Lachen" keine Maus gibt, ist der sehr unterhaltsame Film voller Tiere. Auf dem Studiogelände, wo sich die Ermittler regelmäßig verirren, weil hier in etwa die Größe der Hollywood-Studios von Warner Brothers oder Universal behauptet wird, weisen schon mal Menschen in riesigen Fantasietier-Outfits den Weg, oder ein von der Decke hängender Mann im Adlerkostüm erklärt, wo es lang gehen könnte. Man merkt dem launigen und auch in seinen Dialogen gut geschriebenen Krimi an: Regisseurin Isabell Šuba ("King of Stonks") hatte bei ihrem ersten "Tatort" ebenso viel Spaß wie die gut aufgelegten Drehbuch-Routiniers Arne Nolting und Jan Martin Scharf ("Club der roten Bänder").

Tiefe Abgründen hinter vielen Formen der Komik

Kleines Beispiel: Als der Tapir-Darsteller, ein gestresster Mann mit Künstlerseele, der stets in einem albernen, arg bauchigem Kostüm herumlaufen muss, von den Kommissaren gefragt wird, warum er nach einem schlimmen Streit mit Frank Anders nicht gekündigt hätte, antwortet er: "Der Arbeitsmarkt für Tapire ist gerade etwas eng." Auch fast alle anderen Protagonisten, inklusive der Kölner Co-Ermittler Norbert Jütte (Roland Riebeling) und KtU-lerin Natalie Förster (Tinka Fürst), bekommen in diesem launigen Abgesang auf die heile Welt der Fernsehunterhaltung ihre schönen Szenen und guten Punchlines.

Der größte Coup ist allerdings die Besetzung der Episoden-Hauptrolle mit dem genialen Parodisten und Verwandlungskünstler Max Giermann ("Switch Reloaded"). Der 50-jährige Komödienstar darf hier tiefe Abgründe hinter vielen Formen der Komik zeigen und dabei glänzen. "Showtime" ist einer der launigsten "Tatort"-Folgen seit langem – und nicht ohne Botschaft. Eine könnte lauten: Treffe niemals dein Idol, denn du könntest enttäuscht sein. Eine andere: Schaue niemals hinter die Kulissen von Film und Fernsehen, denn dahinter ist entweder nichts oder gar das Gegenteil der behaupteten Empathie am Set: Fernsehen kann sogar sehr böse sein.

Tatort: Showtime – So. 12.04. – ARD: 20.15 Uhr

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