"Ostfriesentotenstille", eine Adaption der Romane "Totenstille im Watt" und "Totentanz am Strand" von Bestsellerautor Klaus-Peter Wolf, beginnt ungewohnt brutal: Ein Einbrecher mit Teufelsmaske überfällt den betrunkenen Johann Ricklef (Guido Renner), bedroht ihn mit einem Messer und trennt einen seiner Finger ab. Dabei zitiert er mahnend Kafka: "'Die Verwandlung' ist die Geschichte einer Metamorphose. Johann, du kannst dich ändern! Behandle deine Frau wie eine Königin und sei deinem Kind ein guter Vater!". Ein belesener Psychopath – Deutschlehrer vielleicht? Womöglich ein Grund, weshalb der 14. "Ostfrieslandkrimi", so wie sein Vorgänger, ausnahmsweise beim Kultursender ARTE erstausgestrahlt wurde statt, wie üblich, im ZDF. Dort kann man den Film dafür nun am Samstagabend zur besten Sendezeit erneut sehen.
Am Tag nach besagtem Überfall werden Hauptkommissarin Ann Kathrin Klaasen (Picco von Groote) und ihr Mann und Kollege Frank Weller (Tom Radisch) ins Krankenhaus gerufen. Ricklef, der sich nachts einweisen ließ, will nun nichts mehr von einem teuflischen Einbrecher wissen – er habe sich den Daumen im Rausch selbst abgeschnitten. Den rechten Daumen? Als Rechtshänder?
Die Begegnung mit Ricklefs eingeschüchtert wirkender Frau Susanne (Daniela Schulz) verstärkt das Gefühl der Ermittler, dass hier etwas nicht stimmt – tatsächlich ist Ricklef wohl schon lange gewalttätig gegenüber Susanne und ihrem Sohn Frithjof. Eine anonyme Meldung von dessen Schule und eine Anzeige einer Ex-Freundin blieben folgenlos.
Der Arzt, dem die Menschen vertrauen – ein Mörder?
Der Film schwenkt kurz ins Seifenopernhafte: Dr. Bernhard Sommerfeldt (Sven Schelker) ist jung, attraktiv und charmant. Von der Sonne bestens ausgeleuchtet wie in einem Werbefilm, schlendert er mit seiner Freundin Beate (Sinja Dieks) – Frithjofs Lehrerin – durch das malerische Norden. Frauen und Kinder begegnen ihm mit fast überschwänglicher Freude, als wäre er der Heiland persönlich. Das aus Erfahrung skeptische Krimipublikum ahnt es sofort: Dieser Scheinheilige ist der Masken-Mann! Nur wenig später bestätigt sich dieser Verdacht – ein Wissensvorsprung für die Zuschauerinnen und Zuschauer.
Denn kurz darauf begeht Sommerfeldt seinen ersten Mord: Er tötet Beates Exfreund Michael Pelz, der junge Frauen mit K.-o.-Tropfen betäubte, nackt filmte und die Videos im Darknet verkaufte. Anhand der Messerstiche erkennt die Polizei, dass es sich beim Täter um den Mann handeln muss, der zuvor Ricklef überfallen hat.
Mephisto als Rächer der Missbrauchten und Misshandelten
Ausgerechnet zu Dr. Sommerfeldt schleppt Kommissar Rupert (Barnaby Metschurat) seine Kollegin Ann Kathrin wegen ihrer anhaltenden Bauchschmerzen. Während der Arzt passenderweise den teuflischen Mephisto aus Goethes "Faust" zitiert, diagnostiziert er eine Gastritis und rät der Polizistin zu mehr Ausgleich: "Täglich in menschliche Abgründe schauen, das macht was mit der Psyche." Wer wüsste das besser als ein Psychopath?
Als Ricklef, des Maskenmanns Warnungen zum Trotz, seinen Sohn ins Koma prügelt, sieht Sommerfeldt erneut rot. Mit diesem zweiten Mord wird auch den Ermittlern klar: Jemand übt hier Selbstjustiz, und er ist stolz darauf. Der Plan: Ein Zeitungsartikel soll den narzisstischen Täter aus der Reserve locken. Und es funktioniert: Kurz darauf sitzt Sommerfeldt in Anns Büro ...
Hier könnte "Ostfriesentotenstille" auf klassische Weise zu Ende geführt werden, und das wäre völlig zufriedenstellend. Stattdessen öffnet das letzte Drittel ein ganz neues, abstruses Kapitel rund um Sommerfeldts Vergangenheit und führt die Handlung vom hohen Norden bis ins fränkische Bamberg. Ein seltsamer Bruch auf mehreren Ebenen.
Es muss sich dringend etwas ändern
Die große Stärke von "Ostfriesentotenstille" ist das zentrale Thema des sehenswerten Krimis: häusliche Gewalt und Femizide. Die Polizei könne Gefährderansprachen halten und Annäherungsverbote ausstellen, doch das reiche nicht, beklagt Ann Kathrin Klaasen: "Jeden dritten Tag wird in Deutschland eine Frau von ihrem Partner oder Expartner getötet, gerade weil sie ihn anzeigen oder verlassen will. Das ist doch sch...e."
Die wohl eindringlichste Szene des Films ist ein Dialog zwischen Kommissar Weller und Susanne Ricklef am Krankenbett ihres künstlich beatmeten Kindes. "Immer das Gerede von den Leuten, warum ich ihn nicht schon früher verlassen habe – weil ich Angst hatte, dass genau das passiert", erklärt sich die gebrochene Mutter. "Der wäre uns überall hin gefolgt." Erst jetzt scheint der sichtlich erschütterte Weller, der Ann zuvor noch vorwarf, den Fall zu nah an sich heranzulassen, das Versagen von Polizei, Justiz und Politik zu begreifen: "Es tut mir sehr leid, dass wir Sie nicht beschützen konnten." Eine eindringliche Botschaft: Es muss sich dringend etwas ändern!
Zwei neue "Ostfrieslandkrimis" sind bereits abgedreht, die Dreharbeiten zu zwei weiteren begannen Anfang des Jahres unter anderem auf der Insel Langeoog und im Hafen von Bensersiel. Die Ausstrahlungstermine der Filme stehen noch nicht fest.
"Ostfriesentotenstille" – Sa. 28.03. – ZDF: 20.15 Uhr