AUTORISIERT: Aufklärung und Pornografie "Auf Millionen Samenzellen aufpassen?"


Früher schlugen neugierige Teenager im Lexikon unter G wie Gebärmutter nach, wenn sie anfingen, sich für Sexualität zu interessieren. Heute liefern Pornoportale detaillierte Darstellungen. Wie sich die Aufklärungsarbeit mit Jungen und Mädchen dadurch verändert, erklärt die Frauenärztin Gisela Gille.
Von Johannes Gernert

Frau Gille, Sie klären seit fast 30 Jahren junge Menschen an Schulen auf. Ist die Aufgabe in Zeiten von allgegenwärtiger Internetpornografie schwieriger oder leichter geworden?

Ich glaube für mich ist die Aufgabe nicht schwieriger geworden, weil ich Ärztin bin. Das macht den Mädchen erst mal klar, dass es nicht nur um sexuelle Praktiken geht. Da wissen sie, dass sie alle Unsicherheiten über ihren Körper loswerden können. Meist hat das zunächst gar nichts mit der Pornografisierung zu tun. Diese Fragen werden dann erst später thematisiert - in einer Sprache allerdings, von der man einen Schreck kriegen kann.

Weswegen erschrecken Sie sich da?

Ja, wenn es um "wichsen" geht. Mädchen benutzen Ausdrücke wie "Titten". Vor 20 Jahren hätte kein Mädchen diesen Körperteil an sich selber so bezeichnet. Das sind Umgangsworte geworden. Sprache signalisiert, wie wir mit Sexualität umgehen. Hören Sie sich doch mal die ganz normale Sprache an und denken ein bisschen über das Wort "Geschlechtsverkehr" nach. Das ist sowas von verklemmt und gespreizt. Wenn Sie mal nach schönen Worten suchen in der deutschen Sprache, die dem umfassenden Aspekt von Sexualität nur halbwegs gerecht werden, da finden Sie gar nix. Zusammen schlafen, wie verklemmt ist das denn?! Das meiste stammt aus einer sehr schambesetzten, prüden Zeit, wenn sie es negativ ausdrücken wollen. Jetzt haben wir eine Sprache mit umgekehrten Vorzeichen und man sagt, wir seien wunderbar frei. Ich würde allerdings sagen: Diese Sprache schützt auf ihre Art vor einer ehrlichen Annäherung. Sie können sich auch hinter markanten Worten vor ihrer Clique verschanzen.

Wie präsent ist die Pornografie beim Aufklären?

Eher indirekt. Wenn Mädchen an ihren Traumboy denken, hat das überhaupt nichts mit dem zu tun, was man in diesen Filmen sehen kann. Anspruchsvolle Mädchen der Mittel- und Oberschicht, die intelligent sind, die leistungsfähig sind und sich moralisch auch ein Stück überlegen fühlen, diese Mädchen ziehen sich ja mittlerweile massiv von dem allen zurück. Sie verwehren das Erwachsenwerden und flüchten sich in die Magersucht, weil Pornografie und der sexualisierte Umgang mit Liebe überhaupt nicht das ist, was sie sich erträumen. Sie weigern sich, diesen Zuschreibungen an ihren Körper zu genügen.

Ist Magersucht nicht auch eine Anpassung an andere Schönheitsideale?

Das hat beide Elemente: Verweigerung und Anpassung. Es liegt aber sicher auch daran, dass sie Fremdansprüche nicht erfüllen möchten. Und einer dieser Ansprüche ist der mechanistische Umgang mit Liebe und Sexualität. Wenn Mädchen mir erzählen, dass sie jetzt bereuen, dass sie mit sechs Jungen geschlafen haben und eine sich meldet und fragt: "Frau Gille, wann fängt das eigentlich an, dass das schön ist", dann bekomme ich schon den Eindruck, dass der Konsumartikel Sexualität einfach nicht trägt. Da spalten sich zu einem gewissen Grad natürlich auch die sozialen Schichten. Die Mädchen, die in die Magersucht abdriften, sind in den Gymnasien und Hochschulen - nicht an der Hauptschule. Die Mädchen dort sind oft ein bisschen orientierungslos und spielen das ein wenig nach, was ihnen in den Jugendmedien oder auf den Pornoportalen vorgemacht wird. Trotzdem beschweren sich die Teenagerinnen an den Hauptschulen, dass die Kerle alle nur das eine wollen.

Eigentlich könnte man erwarten, dass durch die Pornos zumindest die anatomischen Kenntnisse zunehmen. Ist das so?

Natürlich, aber die Frauen, die da agieren, sind ja immer sehr schnell bereit. Ich kann mich noch erinnern: Vor 15 Jahren raschelte das Taft-Kleid relativ zügig zu Boden und die Sache war klar. Mittlerweile raschelt nichts mehr und es geht gleich zur Sache. Das ist für Jungs schwierig, wenn Mädchen in Natura so gar nicht agieren, sondern ziemlich kompliziert sind. Nun kann man auch nicht die Jungs sagen. Es gibt sehr rücksichtsvolle Jungs. Aber natürlich ist es viel selbstverständlicher geworden, dass es schnell zur Sache geht. Manche wollen vor allem wissen, wo die erogenen Zonen sind. Die denken, sie müssten da nur auf einen Knopf drücken und dann geht die Frau ab wie Schmidts Katze.

Was setzen Sie dem entgegen?

Ich spreche ja nur mit Mädchen. Der Beziehungsaspekt ist Mädchen wichtiger. Damit tun sich Jungs im jungen Alter sehr schwer. Jungs wachsen in ihre Sexualität mit dem ersten Samenerguss hinein. Die Mädchen dagegen bekommen die Regel. Das führt sie ganz tief in sich selbst hinein, beginnt mit Bauschmerzen und hat mit Kinderkriegen zu tun. Deshalb differiert das bei den 15-Jährigen ganz enorm. Es ist sicher nicht richtig, die männliche Sexualität nur als triebgesteuert, die weibliche aber als Vanille-Sex darzustellen. Trotzdem starten beide erst mal anders. Dass Pornos bei den Jungs, mit denen die Natur zunächst etwas anderes vorhat, eine natürliche Neugier befriedigt, ist ganz verständlich. Mädchen finden eher über Liebe zu Sex. Jungs finden dagegen meist über den Sex zur Liebe.

Rein rechtlich ist es ja gar nicht möglich, gemeinsam mit Jugendlichen Pornos anzuschauen. Wäre das vielleicht trotzdem sinnvoll - um auch einmal das Überzeichnete und Lächerliche daran deutlich zu machen?

Wenn jemand das kann, als Pädagoge, kann das sehr gut funktionieren. Aber da müssen sie schon sehr drüber stehen. Ich weiß auch gar nicht, ob das überhaupt möglich ist, weil viele Menschen da ihre eigene Biografie quer stecken haben. Man muss es nicht zeigen, man kann aber auch darüber diskutieren. Wer hat denn solche Filme gesehen? Was fandst du daran super? Aber da brauchen sie auch wieder gut ausgebildete Leute. Und Sexualkunde ist leider ein Fach, das an kaum einer Hochschule gut gelehrt wird, wenn es das überhaupt dort gibt.

Was sind die Fehler?

Viele Lehrer, die ich kennenlerne, machen sehr vieles richtig. Aber man kann es nicht von jedem Biolehrer verlangen. Eine junge Lehrerin, die eine lange Missbrauchskarriere hinter sich hat, möchte sicher nicht über dieses Thema sprechen. Es muss auch nicht immer der Biolehrer sein, der so etwas macht. Es muss aber jemand sein, der den Jungs zeigt, dass es nicht nur um, wie lang, wie hoch, wie weit, wie oft, gehen kann.

Kann man überhaupt einen verantwortungsvollen Umgang mit Pornografie vermitteln?

Pornografie schockiert und karikiert, befriedigt aber eine gewisse Neugier - wenn man mal wissen will, wie Sex eigentlich geht. Früher mussten Kinder im Lexikon unter G wie Gebärmutter nachgucken. Heute kann man sich das viel schneller und auch direkter ansehen.

Sie korrigieren diese Bilder, malen Schwangerschaften dazu, Geschlechtskrankheiten.

Ich bin Ärztin. Wenn es jemandem zusteht und nicht als moralisierend ausgelegt wird, dann mir. Ich kämpfe seit Jahren dafür, dass sich da etwas bewegt. Die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche bei Teenagerinnen hatte sich verdoppelt, als ich das 2002 bei einer Veranstaltung an die Presse brachte. In diesem Jahr geht es rasant nach unten. Soweit wir wissen, hat sich die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche 2008 bei Minderjährigen noch einmal um 14 Prozent vermindert. Wenn die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung feststellt, dass der häufigste Grund für die fehlende Verhütung beim ersten Mal ist: Es kam zu spontan. Dann fehlt da Aufklärung.

Die Zahlen sinken also trotz der Sorglosigkeit, die Pornos vermitteln?

Weil wir etwas dagegen setzen. Man muss die Dinge thematisieren. Nicht nur Schwangerschaften oder Aids, auch Chlamydien beispielsweise: Daran stirbt man zwar nicht, aber man wird unfruchtbar. Wenn ich mit den Mädchen darüber rede, können Sie eine Nadel fallen hören. Eine sagte mir dann kürzlich: "Oh, Gott, und das für so eine Nummer." Da will einer kein Kondom benutzen, weil er sagt, das turne ihn ab. Und dafür kann sie vielleicht ihr ganzes Leben lang keine Kinder mehr kriegen? Das kann man viel besser verstehen als Aids. Kondome sind außerdem auch aus Gründen der Empfängnisverhütung wichtig. Jedes zweite Mädchen vergisst mal die Pille. Die Jungen sind sich oft ihrer Fruchtbarkeit nicht bewusst. Die sagen, sie passen auf. Wie willst du denn auf 500 Millionen Samenzellen aufpassen, frage ich sie dann?


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