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Machtkämpfe: Geben und nehmen

Verständnis zeigen, tolerant sein, aber rechtzeitig Grenzen ziehen: Paar-Berater und Buchautor Michael Mary sagt, wie Sie die alltäglichen Machtkämpfe meistern.

Martina, 32, und Thomas, 33 sind frisch verheiratet und zusammengezogen. Jetzt merkt Thomas: Seine Frau hat einen Schuh-tick - 100 oder 150 Paare stapeln sich in den Schränken. Thomas sorgt sich weniger um die Kosten als mehr um den Geisteszustand seiner Frau.

Thomas sollte die Schuhvorliebe seiner Frau akzeptieren. Sie ändern zu wollen hätte keinen Sinn. Dennoch sollte Thomas einen klaren eigenen Standpunkt dazu haben. Vielleicht können die beiden sich auf eine gemeinsame Bewertung einigen, zum Beispiel "Suchtverhalten". Dann muss sie sagen, wie sie damit umgehen will - und er ebenfalls. Er könnte ihr klar machen, warum er es problematisch findet, wenn sie so viele Schuhe nach Hause schleppt, und Konsequenzen vorschlagen und verlangen. Das Hintergrundthema könnte "Geben und nehmen" sein. Wer gibt was? Wer nimmt sich was? Ist die Bilanz ausgeglichen? Danach sollten beide über konkrete Regeln sprechen: Was halten wir gemeinsam für richtig? Wer darf wie viel für sich ausgeben und wovon?

Isabelle, 19, kommt ständig zu spät. Paul, 21, nervt das. Er macht Isabelle in immer kürzeren Abständen Vorwürfe, die aber folgenlos bleiben.

Auch Paul könnte regelmäßig später zu den Verabredungen auftauchen und brauchte dann nicht mehr zu warten. Möchte er das jedoch nicht, müsste er ihr erklären, wie er sich fühlt, anstatt ihr Vorwürfe zu machen. Dabei könnte helfen, Isabelle bei einer wichtigen Sache einmal lange warten zu lassen und dann die sicherlich stattfindende Auseinandersetzung so zu führen, dass sie hinterher begriffen hat, was in ihm abläuft, während er wartet. Sie fühlt sich wichtig, wenn sie ihn warten lässt, und er fühlt sich unwichtig, wenn er warten muss. Sie sollten sich beraten, wie sie es hinkriegen, dass sich beide trotz des Problems wichtig und ernst genommen fühlen.

Bernd, 55, liebt sein Auto über alles. Er putzt und wienert es ohne Ende, und wenn jemand die Türen zu fest zuschlägt, mosert er. Am Wochenende verbringt er Stunden mit Schrauben, Saugen, Polieren. Seine Frau Elke, 54, findet das spießig, mag das Thema aber kaum noch ansprechen, weil er dann sofort aufbraust.

Wenn Elke will, dass er sich mit dem Thema beschäftigt, muss sie ihr Verhalten ändern. Sie könnte sich etwa weigern, in das Auto einzusteigen mit der Begründung, sie wolle es nicht schmutzig machen. Sie könnte den Bus nehmen. Wenn sie das eine Weile durchhält, wird sich etwas bewegen. Oder sie könnte darauf bestehen, ein eigenes Auto zu bekommen, damit seines verschont bleibt. Am Ende der dann kommenden Auseinandersetzungen sollte Bernd begriffen haben, wie der Autotick sie nervt. Dann muss er entscheiden, ob er liebr allein im blitzeblanken Auto sitzt oder ob es ihm wichtiger ist, seine Frau dabeizuhaben.

Anne, 23, hat ein Problem mit der Unordnung ihres Freundes Ole, 22. Er liebt das Chaos, sie braucht Ordnung. Schon oft haben die beiden darüber diskutiert. Gebessert hat sich Ole jedes Mal nur für einige Tage, dann war alles wieder beim Alten. Sie hält das nicht mehr aus.

Hier wird ein Machtkampf ausgetragen: Wer bestimmt, wie es aussieht? Ole hat es da leichter, sich durchzusetzen, weil er nur etwas liegen zu lassen braucht. Aber im Grunde wird diesen Kampf keiner gewinnen, die Beziehung wird leiden. Beide werden ein Opfer in Bezug auf ihre Ordnungsvorstellungen bringen, einen Kompromiss finden müssen, mit dem beide ohne allzu großen Stress leben können. Darüber und über die Grenzen ihrer Bereitschaft zu Kompromissen sollten sie verhandeln. Ansonsten könnten sie ja mal die Möglichkeit getrennter Wohnungen in Betracht ziehen.

Erwin, 47, baut leiden schaftlich gern Modellflugzeuge. Nun haben er und seine Frau Anika, 47, eine kleine Wohnung, und er nimmt jedes Wochenende und häufig auch abends die Küche in Beschlag. Oft ist er mit seinen Modellen unterwegs - manchmal einen ganzen Tag lang. Alle Rede-versuche von Anika wehrt Erwin ab: Sie solle sich nicht so haben, andere Männer würden stattdessen in die Kneipe gehen. Ob ihr das lieber sei?

Anika sollte keine Vorwürfe machen, sondern für Erwin die Distanz spürbar machen, die in ihr entsteht. Beispielsweise, indem sie etwas Eigenes, von ihm Unabhängiges tut und ihm auch klar macht, warum. So kann sie Gewohnheiten aufbrechen. Er wird das spüren und reagieren - dies ist dann der Ansatzpunkt für einen tieferen Austausch.

Cornelia, 34, hatte schon immer einen esoterischen Touch. Neuerdings pendelt sie alles aus: Wann sie das Gemüse im Garten pflanzt, ob sie zum Arzt gehen oder wann sie in den Urlaub fahren soll. Von dem Hokuspokus hält ihr Mann Heinrich, 35, gar nichts. Nachdem sie neulich sogar das Pendel befragte, ob sie denn Sex haben sollten, ist er endgültig ausgerastet.

Was immer Cornelia tut, sie tut, was sie will, und das ist gut so. Überzeugen lassen muss sich Heinrich von ihren Sichtweisen nicht, dass kann er ihr klar machen. Aber seinen Willen wird er ihr auch nicht aufzwingen können. Die beiden sollten darüber beraten, wie sie mit ihrer Andersartigkeit umgehen wollen. Wenn sie Sex nur nach dem Pendel will, wird er dagegen wenig tun können. Er wird aber hoffentlich nicht mitmachen, was sie will.

Friedrich, 42, ist Segler. Seine Lebenspartnerin Angela, 39, kann das Geschaukele nicht ertragen, in einem Boot wird ihr schlecht. Dass er mal ein paar Stunden mit der Jolle unterwegs ist, ist für Angela in Ordnung. Doch jedes Jahr macht Friedrich mit Freunden einen 14-tägigen Törn. Nach schweren Vorhaltungen ihrerseits hat er jetzt gedroht, dass sie sich wohl trennen müssten: Er jedenfalls lasse nicht von seinem Hobby.

Da steht wohl eine Machtfrage im Raum. Er sagt: "Du wirst mich nicht zwingen, eher gebe ich die Beziehung auf." Angela sollte sich fragen, ob sie mit einem Segler, der zwei Wochen im Jahr ohne sie wegfährt, eine Beziehung führen will. Eigentlich spricht nichts dagegen, es sei denn, sie wüsste nichts mit sich anzufangen und würde eine Partnerschaft als Einrichtung ansehen, die sie jederzeit vor Langeweile bewahren soll. In dem Fall sollte sie etwas Eigenes finden, das ihr Spaß macht, ansonsten verliert sie eine gute Beziehung. Friedrich könnte auch von sich aus das Thema "Wie wollen wir mit unterschiedlichen Interessen umgehen" auf den Tisch bringen und klare Absprachen suchen, statt gleich mit der Keule zu drohen. Er sollte auch erklären, was für ihn an seinen Unternehmungen ohne sie so wichtig ist.