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SEXGEFLÜSTER: Lügen Sie ruhig!

Angeblich soll der Deutsche in seinem Leben durchschnittlich 8,7 Sexpartner haben. Erotik-Kolumnistin Hannah Garbaty plädiert dafür, auf keinen Fall die Wahrheit zu sagen, wenn es doch mehr geworden sind.

Es ist ungefähr 5 Jahre her, da verlor ich einen vielversprechenden Mann, weil ich zu ehrlich war.

Wir hatten uns in einem Café kennengelernt, fühlten uns magisch zueinander hingezogen und redeten stundenlang über das Leben im allgemeinen und besonderen, über die Liebe im allgemeinen und besonderen und natürlich auch über uns im allgemeinen. Das Besondere hatten wir uns noch ein wenig aufgehoben.

Als es dann soweit war, dachte ich in meiner Naivität, wir hätten uns ein Vertrauensverhältnis aufgebaut, das ermöglichte, uneingeschränkt ehrlich sein zu können. Und versetzte dem zarten Beziehungspflänzchen damit den Todesstoß.

Peter und ich lagen in köstlicher postkoitaler Stimmung beieinander. Ich kuschelte und schmuste noch ein wenig an ihm herum und schwelgte in Erinnerung an die letzte Stunde, in der ich auf das Feinste geliebt und verwöhnt worden war. Auch der Prinz hatte ein sattes, zufriedenes Lächeln im Gesicht und ich wusste, warum ? hatte ich ihn doch bis zum Wahnsinn getrieben und ihm ein gigantisches orgiastisches Feuerwerk geschenkt. Alles hätte also richtig schön sein können, wenn Peter nicht plötzlich gefragt hätte: »Hast Du eigentlich schon mit vielen Männern geschlafen?« Und ich dummes Huhn, das ich zu dieser Zeit war, kicherte und outete mich: Ob er sich noch an Jennifer Rush?s Song »25 Lovers« erinnern könnte? Die hatte ich schon mit 29 Jahren erreicht... (Meine beste Freundin und ich hatten während eines Weiberabends kurz vor unserem 30. Geburtstag mal spaßeshalber durchgezählt.)

Stille. Als er seine Sprache endlich wiedergefunden hatte, spürte ich sofort am Tonfall, dass etwas nicht stimmte. Mit einer merkwürdigen Mischung aus Unsicherheit und leiser Verachtung fragte er mich: »Und wie viele kamen seitdem noch dazu?« Obwohl alle Alarmglocken schrillten, rang ich mich trotzdem zur Ehrlichkeit durch und gab ihm also nach kurzem Nachdenken noch mal 8 Männer drauf. Was ja eigentlich nicht viel war in 4 Jahren ? schließlich war ich Single und auf der Suche. Gerade mal 2 Lover pro Jahr ? kaum der Rede wert.

Mit deutlichem Entsetzen entzog sich Peter meinen Schmusereien, stützte sich auf den Ellenbogen und sah ungläubig auf mich herab: Ob ich allen Ernstes schon mit 32 Männern geschlafen hätte?!?

Nun ja...Ja!

Durch sein fassungsloses Erstaunen fühlte ich mich bemüßigt, ihm zu erklären, dass ich damals zwischen meinem 18. und 25. Lebensjahr eine ziemlich wilde Ausprobierzeit hatte. Danach kam eine große Liebe, die aber leider nur 3 Jahre hielt und den anschließenden Frust kompensierte ich mit amourösen Abenteuern.

Zum Zeitpunkt des Geschehens war ich seit 4 Jahren wieder ernsthaft auf der Suche nach Mr. Right und da gerät man ja bekanntlich auch noch mal an so manchen Frosch, bis der Prinz kommt. Für den ich Peter zu diesem Zeitpunkt immer noch hielt.

Doch er sah mich wohl nicht mehr als Prinzessin, denn kurz nach diesem Gespräch verabschiedete er sich für immer. Natürlich gab er andere Gründe an, aber ich war ja nicht blöd. Ganz augenscheinlich wollte er nicht mit einer Frau zusammen sein, die so wenig jungfräulich und unerfahren war wie ich.

Diese Geschichte ist nun schon wieder eine ganze Zeit her und ich verrate Ihnen sicher nichts Überraschendes, wenn ich sage, dass ich auch in den letzten 5 Jahren nicht abstinent gelebt habe. Doch nie wieder hat ein Mann die Wahrheit über mein sexuelles Vorleben erfahren.

Ist es nicht ein wenig schizophren? So sehr, wie die jeweiligen Geliebten auch genießen, dass ich weiß, wie man einem Mann erotische Sternstunden beschert, so sehr wünschen sie sich insgeheim, ich hätte mir dieses Wissen in aller Keuschheit angelesen.

So funktioniert das mit der sexuellen Erfahrung aber nun mal nicht ? man lernt aus der lustvollen und kühnen Praxis.

Wer das große Glück hat, seine Erfahrungen in festen Beziehungskisten zu machen, der ist gut dran. Daraus ergeben sich dann sicher auch einige Männer bzw. Frauen weniger, mit denen man das Bett oder andere Stätten des aufregenden Treibens geteilt hat. Trotzdem kommt bei mir immer große Freude auf, wenn ich Statistiken lese, in denen der Durchschnittsdeutsche bekennt, er hätte bisher in seinem ganzen Leben mit 8,7 Menschen geschlafen. Wobei die Männer 11,7 und die Frauen 4,6 Sexpartner enthüllen. Haha!!

Wo sind eigentlich die One-Night-Stands geblieben, die fast jeder mal erlebt hat? Wo die ganzen Versuche, bei denen man dachte, es wird sich eine schöne Beziehung entwickeln und trotzdem war nach 2 Wochen alles vorbei? Und derlei körperliche Begegnungen mehr, die ein ganz normaler Mensch nun mal im Laufe seines Lebens erlebt... Die Statistiken erzählen einem ganz augenscheinlich jede Menge vom Pferd.

Und trotzdem. Obwohl sich kein halbwegs sinnliches Geschöpf von dem Verdacht befreien kann, dass solche Umfragen entweder in Klein Kleckersdorf gemacht werden oder die Befragten schlichtweg geschwindelt haben, scheinen sich diese Zahlen massiv ins Hirn zu brennen. Wenn man dann selbst mal ganz ehrlich durchrechnet, dann hält man sich entweder für das promiskuitivste Wesen unter der Sonne ? oder steht einfach zu seiner Vergangenheit. Man muss sie ja in der Tat nicht jedem dahergelaufenen Interviewer auf die Nase binden. Und auch nicht jedem bzw. jeder potentiellen Liebsten.

Sicher, auf einige meiner Erlebnisse hätte ich im Nachhinein auch gut verzichten können, gerade aus der Sparte ONS. Doch die meisten Liaisons will ich auf gar keinen Fall missen, auch wenn sie nur einen Urlaub lang dauerten, sich der Mann in meinem Bett zwar als geschickter Liebhaber, aber nicht als potentieller Partner entpuppte oder ich einfach nur mein Mütchen kühlen musste.

Alles war zu diesem Zeitpunkt wichtig, meist auch sehr schön, ich habe jede Menge über mich und den Umgang mit dem begehrten anderen Geschlecht gelernt - und mich auch nicht abgenutzt. Eher im Gegenteil: Ich bin regelrecht aufgeblüht, selbstbewusster geworden, ich weiß, wie ich mir und meinem Liebsten optimalen Spaß im Bett bereiten kann und genieße deshalb den Sex mehr, als ich mir vor nunmehr ca. 45 Liebhabern auch nur ansatzweise hätte vorstellen können. Doch wie es zu dieser Entwicklung gekommen ist, ist ganz allein meine Angelegenheit.

Seit meiner Erfahrung mit Peter schweige ich fein still, wenn ein Mann in meinem Leben mir neugierige Fragen nach meiner sexuellen Vergangenheit stellt. Je nach Verfassung bekommt er von einem gleichgültigen »Oooch, unwesentlich« über ein kokettes »Es hat gereicht, um Dich glücklich zu machen« bis hin zu einem enthusiastischen »Die Nacht mit Dir hat alle Erinnerungen ausradiert« nur nichtssagende Nettigkeiten zu hören. Auf dass er sich entspannen, seinen romantischen Vorstellungen freien Lauf lassen und sich dem freudvollen Hier und Jetzt widmen kann!

Nun soll diese Kolumne ganz sicher kein Plädoyer für häufig wechselnden Geschlechtsverkehr sein ? zumal es ja leider noch immer viele Leute gibt, die unverantwortlich an die Sache selbst herangehen. Sie wissen schon, was ich meine: keine Kondome, Lieblosigkeit, Egoismus und ähnliche Dinge, die dafür sorgen, dass man sich ihrer mit Sicherheit im Nachhinein nicht mit einem verschmitzten Lächeln erinnert.

Aber wenn man nun mal die körperliche Liebe immer schon sehr geliebt, sich kein Vergnügen entsagt und dementsprechend eine ganze Menge Leute beglückt hat, dann ist eben eine bewegte sexuelle Vergangenheit entstanden - mit der die meisten Leute sehr schlecht umgehen können, Männer ebenso wie Frauen.

Und deshalb plädiere ich in diesem ganz speziellen Falle für das große Schweigen. Oder sogar eine ausgemachte Lüge. Doch am allermeisten plädiere ich für etwas weniger Neugierde. Fragen Sie einfach nicht ? Genießen Sie!

In freudiger Erwartung auf Ihre Meinungen und Abenteuer verbleibt bis zur nächsten Woche

Ihre Hannah Garbaty