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SEXGEFLÜSTER: Stellungnahme

Kolumnistin Hannah Garbaty darüber, wie viel Technik eigentlich mit lustvollem, wirklich gutem oder gar kosmischem Sex zu tun hat.

Im Laufe seines Liebeslebens tut es jede(r) irgendwann: im berühmten Kamasutra zu stöbern und sich mit den hier vorgestellten Positionen zu beschäftigen. Und jede(r) bleibt anschließend mehr oder weniger ratlos zurück, denn nach dem Studium ist man nicht unbedingt um erotische Anregungen reicher. Im Gegenteil ? 64 Stellungen hin und her, die meisten davon sind nur für Schlangenmenschen, Primaballerinas oder Zirkusartisten realisierbar. Welche Frau schafft es schon, eines ihrer Beine über den eigenen Kopf zu legen und das andere gleichzeitig zur Seite zu strecken? Oder ihren Körper rückwärts hinabzubeugen, bis sie mit ihrem Kopf durch die Schenkel gelangt, um so dem Liebsten Mund und Muschi darzubieten? Und vor allem: Wozu soll das gut sein???

Nichts gegen Abwechslung ? keine Frage. Es gibt nun mal Stellungen, die für Mann und Frau unterschiedlich lustvoll sind und die allesamt durchaus ihren Sinn machen. Sicher haben Sie schon selbst am eigenen Leibe erfahren, dass die Missionarsstellung nichts für Männer ist, die dazu neigen, allzu schnell zu kommen. Und dass alle Positionen, bei denen die Frau auf ihrem Liebsten hockt oder sitzt, prima dazu angetan sind, gleichzeitig das Perlchen zu liebkosen. Oder dass die Hündchen-Stellung für Männer so toll ist, weil sie dabei wunderbar tief eintauchen können. Dann wäre da noch das beliebte Löffelchen ? in natura oder umgekehrt ? das mit seiner herrlichen Kombination aus Kuscheln, Innigkeit und lustvoller Wonne bei Ihm und Ihr die fantastischsten Gefühle auslösen kann. Und diverse freudvolle Positionen mehr, die sich zwei Menschen aussuchen, um sich gegenseitig Lust zu bereiten...

Lust ist fein. Doch sie allein reicht noch nicht.

Für wirklich guten Sex ist es völlig unerheblich, ob gestanden, gelegen, gesessen oder gehangen wird, ob man sich gleich an der Wand neben der Tür aufeinander stürzt, sich beim Kochen »stört« oder der Schreibtisch abgeräumt wird. Ich empfinde Sex erst dann als richtig gut, wenn die Gefühle mit im Spiel sind. Sonst vögele, fick, bums oder kopuliere ich. Das kann durchaus lustvoll sein, natürlich! Aber auch nicht mehr.

Und damit wäre ich beim Thema. Guter Sex braucht Stellungen, ganz klar. Schließlich muss man schon beim Küssen nicht nur Stellung beziehen, sondern auch eine einnehmen. Doch guter Sex findet nicht durch häufige Stellungswechsel und möglichst exotische Positionen, sprich: Technik statt. Guter Sex entsteht durch die Verschmelzung von Gefühlen und Genuss, Körper und Herz, Hingabe und Lust. Dann wird die ganze Angelegenheit magisch. Und erst dann ist Sex wirklich gut.

Technik ist natürlich kein Hinderungsgrund. Doch schon in dem Moment, in dem ich über Stellungswechsel nachdenke, ist doch die ganze Magie dahin! Ich bin der festen Überzeugung, dass die besten Stellungen die sind, die zwei Menschen im freien Fluss der Leidenschaft einnehmen. Gibt man sich einander hin, dann wechselt man nicht die Position, dann tanzt man miteinander den Tanz der Liebe ? wenn ich es mal so poetisch ausdrücken darf.

Dafür gibt es sogar noch eine Steigerungsstufe, ich nenne ihn den kosmischen Sex. Haben Sie schon mal erlebt, wie es ist, wenn sich nicht nur die Körper, sondern auch die Augen lieben? Dabei entsteht etwas ganz Großartiges, etwas, das mit »Lass jucken, Kumpel«, Orgasmusjagd oder auch nur dem puren Abreagieren von Lust nicht das geringste gemein hat.

Um überhaupt nur die Chance auf kosmischen Sex zu haben, sind dementsprechend alle Positionen tabu, bei denen ich meinem Liebsten den Rücken zukehre. Beim Doggy-Style fühle ich mich sowieso immer merkwürdig einsam. Die Reiterstellung rückwärts kommt mir in jedem Falle bizarr vor, dann könnten wir ja gleich telefonieren. Statt dessen favorisiere ich die gute, alte Missionarsstellung oder alle sitzenden Positionen ? richtig herum natürlich. Nur so ist es mir möglich, gemeinsam mit dem Liebsten in ekstatische Höhen zu fliegen: mit dem Körper und dem Herzen und den Augen.

Doch verstehen Sie mich nicht falsch: Wenn ich hier so von magischem und kosmischem Sex schwärme, dann soll der »normale« lustvolle Sex nicht abgewertet werden. Es ist ein fantastisches Gefühl, zu spüren, wie der Körper auf all die feinen Sachen reagiert, die mir ein Bettgefährte angedeihen lässt. Es ist noch wunderbarer, einen Orgasmus zu erleben. Und dabei wird natürlich von vorn, hinten und der Seite, von oben und unten, mit Mund, Finger, Muschi und Schwanz gewerkelt, wie es mir und meinem Sexpartner eben gerade schön ist. Solange wir beide anschließend sagen können: »Niemand ist so entspannt wie ich...«, ist alles in bester Ordnung. Und das hinzukriegen, ist schon mal eine nicht ganz so einfach zu bewerkstellende Angelegenheit.

Lustvoller Sex kann sich in guten Sex entwickeln, wenn zwei Menschen wirklich Gefühle füreinander hegen. Wenn sie sich die Mühe machen, einander kennenzulernen ? sowohl seelisch als auch körperlich, kurz: Wenn sich die Liebe hinzugesellt. Dann streichele und fühle ich ganz anders, dann achte ich noch viel stärker auf die Reaktionen meines Liebsten, dann kann ich mich richtig fallen lassen. Und dafür ist völlig unerheblich, in welcher Stellung wir lieben, wie oft wir wechseln und wie viele wir insgesamt im Liebesspiel eingenommen haben... Dafür genügt eine einzige, die aber richtig. Das Zauberwort heißt Intensität.

Kosmischer Sex passiert natürlich nur ganz, ganz selten, sogar wenn die ganz große Liebe mit im Spiel ist. Sagen Sie selbst: Wie oft schließen Sie beim Sex die Augen? Auch ich halte es nur ganz selten aus, dem Liebsten bei der Sache selbst in die Augen zu gucken. Und damit ist es ja auch noch nicht getan: Man muss den Mut aufbringen, sich direkt ins Herz sehen zu lassen. Und in das andere zu schauen. So etwas kann man sich nicht vornehmen, es geschieht oder nicht. Ich selbst habe es vielleicht zwei oder drei Mal erlebt ? ich kann mich also mit Fug und Recht als glücklichen Menschen bezeichnen. Ansonsten bin ich schon begeistert, wenn ich gleichbleibend guten Sex habe.

Lange Rede-kurzer Sinn: Wer seinen Ehrgeiz darauf verschwendet, möglichst viele oder möglichst wahnwitzige Positionen einzunehmen, der hat keine Ahnung, wie sich wirklich guter Sex anfühlt ? geschweige denn, zu welch Großartigkeiten die körperliche LIEBE fähig ist.

In diesem Zusammenhang muss ich noch eine Sache loswerden:

Zahlreiche Zeitschriften veröffentlichen unter Titeln wie » So bringen Sie Ihr Sexleben wieder in Schwung« oder »Wie Sie für Ihren Partner wieder begehrenswerter werden« Tipps für außergewöhnliche Stellungen und plädieren nicht nur für das Ausprobieren des »Schreienden Affen, der einen Baum umarmt«, sondern möglichst auch noch für den Quickie beim Bungeejumping und diverse Scherzchen mehr. Bevor Sie diese Tipps wirklich in Betracht ziehen, sollten Sie mal darüber nachdenken, warum Sie sich mit Ihrem Partner eigentlich so entsetzlich langweilen. Oder ob Ihr Gefährte eigentlich noch Gefühle für Sie hegt.

Und statt der Stellungen vielleicht lieber den Partner wechseln.

In freudiger Erwartung auf Ihre Meinungen und Abenteuer verbleibt bis zur nächsten Woche

Ihre Hannah Garbaty

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