HOME

Untreue: Klaren Kopf behalten

Was tun, wenn Sie glauben, dass Ihr Partner Sie betrügt? Was, wenn er fremdgegangen ist? Diplom-Psychologin Dr. Anna Schoch gibt Erste Hilfe.

Ines, 25, gesteht Stefan, 27, mit dem sie seit zwei Jahren zusammen ist, dass sie ihn betrogen hat. Auf einer Party mit einem Studienkollegen sei es passiert. Schneller Sex im Bad der Gastgeber. Sie sagt, dass es ihr leidtue. Es sei nur ein Ausrutscher gewesen, ohne tiefere Bedeutung. Schlicht zu viel Rotwein.

One-Night-Stands wie den von Ines sollte man prinzipiell nicht beichten. Wer einen Seitensprung gesteht, erwartet insgeheim Absolution. Aber mit einer einfachen Entschuldigung ist es nicht getan. Für den Betrogenen wiegt ein solcher Seitensprung meist viel schwerer als für den Betrüger. Oft scheitert die Beziehung daran. Oder es dauert Monate, ja sogar Jahre, bis wieder Vertrauen aufgebaut ist, das aber durch die geringste Irritation jederzeit wieder zusammenbrechen kann.

Vieles spricht dafür, dass Ole, 37, fremdgeht: Er riecht anders, trägt neuerdings teure Hemden, ist unkonzentriert, verbringt die Abende immer öfter "mit Freunden". Verena, 35, Hausfrau, drei Kinder und seit neun Jahren mit dem Betriebswirt verheiratet, überlegt: Soll ich ihm meinen Verdacht auf den Kopf zusagen?

Verena muss sich erst einmal darüber klar werden, ob sie die Wahrheit wirklich wissen will. Was wird sie tun, wenn Ole sagt: "Stimmt, ich habe eine Freundin - ich gehe!"? Hält sie das aus? Verena muss vorher nachdenken: Was will ich eigentlich? Wie ist mein Lebensentwurf? Will ich um ihn kämpfen? Wenn schon direkte Konfrontation gesucht wird, sollten drei Grundregeln beachtet werden: Erstens darf man nicht nur mit Vermutungen ankommen, die Beweise müssen handfest sein. Zweitens sollte man dem Partner sagen, was man fühlt: zum Beispiel, dass man verunsichert ist, Angst hat. Und drittens sollte man klar sagen, was man jetzt erwartet. Das ist oft am schwersten, weil die Empörung den Blick für die Lösung versperrt.

Vor einem halben Jahr ist Thomas mit seiner Affäre aufgeflogen: Seither zappt der 56-jährige Internist unentschlossen zwischen seiner 34-jährigen Geliebten Nicoline und seiner langjährigen Lebensgefährtin Svenja, 48, hin und her und erzählt den beiden Ärztinnen abwechselnd das "Morgen trenn ich mich"-Märchen.

Wenn Svenja mutig ist, setzt sie sich mit der Geliebten in Verbindung. Da werden die Frauen vermutlich aufdecken, dass Thomas beide belügt. Der Freundin erzählt er, dass er mit seiner Lebensgefährtin nur noch Streit hat. Auf der anderen Seite behauptet er, dass die Affäre ohne Bedeutung sei. Nicoline wird feststellen, dass Svenja nicht das von Thomas beschriebene 90 Kilo schwere, asexuelle Aschenputtel ist. Und Svenja wird merken, dass Nicoline von ihrem Partner dieselbe schöne Zukunft versprochen wurde wie ihr selbst. Die Frauen könnten ihn mit seinen Lügen konfrontieren. So etwas hasst jeder Betrüger. Im Übrigen sollte sich Svenja genau überlegen, was sie will. Wenn sie die Beziehung erhalten möchte, er sich aber weiterhin nicht entscheiden kann, sollte sie sich eine Auszeit nehmen, ihm sagen: "Zieh erst mal aus. Ich ertrage deine Lügen nicht mehr." Sonst wird sie irgendwann depressiv. Oft frühstücken Männer nach einem halben Jahr "wildem Leben" recht gern wieder zu Hause.

Als Jonas, 45, Steuer unterlagen sucht, fällt ihm zufällig die Handyrechnung seiner Frau Catrin, 41, in die Hände. Eine ihm unbekannte Nummer taucht bis zu 20-mal am Tag auf. Er ruft dort an, eine Männerstimme sagt "Hallo".

Hier gelten wieder die drei Grundregeln für die Konfrontation. Eines muss Jonas zudem wissen: Frauen haben meist eine stärkere emotionale Bindung an ihren Affärenpartner als Männer. Jonas könnte aber auch versuchen, sich mit dem Nebenbuhler zu treffen. Männer sind untereinander im Allgemeinen solidarischer als Frauen. Es kann durchaus sein, dass der Affärenpartner dann kneift und sagt, dass er es bedauert, sich in die Ehe eingemischt zu haben.

Werner, 38, entdeckt nach zehn Jahren Ehe, dass er ein Faible für SM hat. Seine Frau Beate, 38, steht darauf überhaupt nicht. Er bittet sie darum, seine Bedürfnisse mit anderen Frauen ausleben zu dürfen.

Werner hat entweder zehn Jahre mit einer Lüge gelebt, oder er ist ein Produkt der allgegenwärtigen Sexindustrie, meint, endlich auch ein so ausschweifendes Leben führen zu müssen, wie ihm die Medien tagtäglich vorgaukeln. Besteht er darauf, den Freibrief für die Domina zu bekommen, falls seine Frau ihn im Schlafzimmer nicht auspeitscht, muss sich Beate darüber klar sein: Ihr Mann lebt keine liebevolle Beziehung mit ihr, er betrachtet sie als sexuelles Objekt. Sie sollte ihm deutlich machen, dass er seine Obsession besser mit einem Therapeuten bearbeiten sollte.