Ein Bild und seine Geschichte Verkannter Vorreiter


Talentiert, clever und listig: Lewis Hine ist ein Pionier des sozial engagierten Bildjournalimus, sein Zyklus über Kinderarbeit in den USA ein Stück Fotogeschichte - trotzdem blieb er lange unbekannt.
Von Philipp Gülland

Wie ein Widerspruch steht sie da: Stark und trotzdem fragil, noch so jung und zugleich schon verlebt, kindlich und doch merkwürdig erwachsen. Ihr Name ist nicht überliefert, sie dürfte etwa zehn Jahre alt sein. Wie lange sie wohl schon hier arbeitet? "Girl worker in a Carolina Cotton Mill, 1908" hat Lewis Hine die querformatige Aufnahme betitelt - natürlich schwarzweiß, mit einer für heutige Begriffe geradezu monströsen 13x18 Plattenkamera aufgenommen, zeigt sie genau das.

Makelloser Moralist

Es ist ein bemerkenswert simples Foto, fern der statischen Arrangements seiner Zeitgenossen hat es ein klares Ziel: Dokumentation, Interpretation, Veränderung. Lewis Hine ist kein bloßer Lichtbildner, er hat eine Mission; seine Arbeit prägt ein moralischer Anspruch. Lewis Wickes Hine ist einer der ersten, vielleicht sogar der erste, "concerned Photographer" - ein bis zur Besessenheit eingagierter Bildjournalist, der auf der Jagd nach glaubhaften Bilddokumenten einem ganzen Genre den Weg bereitet.

Dabei sind seine Bilder trotz aller Schlichtheit immer makellos, stilsicher - sauberes Handwerk ohne große Effekthascherei. Hines Ansatz ist ein intuitiver, und sein Bauchgefühl täuscht ihn selten. "Ein gutes Foto", sagt er einmal, "ist nicht einfach die Reproduktion eines Objekts oder einer Gruppe von Objekten - es ist eine Interpretation der Natur, eine Wiedergabe der Eindrücke, die der Fotograf erhält und die er anderen vermitteln möchte."

Bilder für den Durchbruch

Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts ist die Kinderarbeit noch immer ein gravierendes gesellschaftliches Problem, nicht nur in den USA. Über 1,7 Millionen Kinder zwischen 10 und 15 Jahren arbeiten 1907 in Fabriken, Bergwerken, auf den Feldern, putzen Schuhe oder tragen Zeitungen aus - oft 60 Stunden pro Woche. Die Industrie freut sich über rentable Arbeitskräfte, die Familien brauchen jeden Cent, ein Teufelskreis. Hines erkennt schon früh die verheerende Wirkung: "Was hier die Wirtschaft spart, zahlt später die Gesellschaft tausendfach zurück." notiert er. Mit Bildern will er seinen Beitrag zur Abschaffung der unhaltbaren Zustände leisten. Ein riskantes Unterfangen, denn die Fabrikbosse hängen an ihren jungen, billigen Arbeitskräften und kämpfen zur Not gewaltsam gegen alle, die sich ihnen in den Weg stellen.

Mit List und Schauspieltalent führt Hine sie hinters Licht; gibt sich mal als Bibelverkäufer, mal als Versicherungsvertreter oder Industriefotograf aus und kommt so immer an seine Bilder - ohne mit dem oft brutalen Werkschutz aneinander zu geraten. Seine in Publikationen des National Child Labour Committees erschienenen Aufnahmen sollen dem Kampf gegen die Kinderarbeit schließlich zum Durchbruch verholfen haben.

Von Kommunikation und Kunst

Lewis Hines Nutzung der Fotografie als zeitgemäßes Kommunikationsmittel ist virtuos, sie macht ihn zum Vorreiter des modernen Fotojournalismus - unter Eingeweihten legendär. Zugleich bricht sie der späteren Rezeption seines Werkes das Genick. Hine, der immer die Nachricht zum Dreh und Angelpunkt seines Schaffens gemacht hat, wird als Künstler nicht ernst genommen; sein Potenzial verkannt. Eine Anstellung als Fotograf bei der FSA, eine der Institutionen der Dokumentarfotografie, wird ihm von Roy Stryker persönlich verweigert, das Museum of Modern Art will 1947 den Nachlass des sieben Jahre zuvor völlig verarmt Verstorbenen nicht ankaufen und Fotografiekritikerin Susan Sontag übergeht ihn noch Jahrzehnte später, als sie ohne Umschweife Walker Evans für den bedeutendsten Kamerakünstler hält, der sich mit Amerika beschäftigt hat. Heute erzielen seine Vintage-Prints auf Auktionen Höchstpreise. Wie so vielen Künstlern wurde auch Lewis Hine die Anerkennung zu Lebzeiten verwehrt.


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