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Pierre und Gilles: Schillernder Kitsch

Das Künstlerpaar Pierre und Gilles hat es geschafft, einen eigenen visuellen Kosmos zu kreieren: ein Meer von Schönheit, Farbe, Phantasie, in das man gerne eintaucht. Der Betrachter wird dabei angelockt von prächtigen, schwülstigen, kitschigen Bildern.

Von Sabina Riester

Sie halten sich an der Hand. Sich selbst, der eigenen inneren und äußeren Schönheit bewusst und dem andern vertraut wenden sie ihre wohl gerundeten nackten Körper vom Betrachter ab und ihre Augen unvermittelt klar in dessen Blickfeld. "Adam et Eve", das Urpaar visualisiert vom Künstlerpaar, Liebespaar, Lebenspaar Pierre et Gilles, einem kreativ schaffenden Duo, das seit über 30 Jahren mehr ist als nur ein Fotograf und ein Maler, mehr als nur die Summe von Pierre und Gilles.

Gemeinsam schaffen sie ihren visuellen Kosmos im Niemandsland zwischen Geschlechtern, Kulturen, Religionen, Haltungen; eine Bilderwelt, die vom ersten Blick an als "die ihre" erkannt wird, ein Meer von Schönheit, Farbe, Phantasie, in das man gerne eintaucht, angelockt von den prächtigen, schwülstigen, kitschigen Bildern. In diesen Kameragemälden - Pierre fotografiert und Gilles koloriert die Bilder anschließend - visualisiert das Paar die Süße und Schwere, die in jedem Leben steckt. Künstler Pierre und Künstler Gilles verschmelzen durch ihre Arbeit zur perfekten kreativen Einheit, ihre kennzeichnende optische Handschrift gelingt nur gemeinsam, wenn die Arbeit des einen vollkommen im Werk des andern aufgeht. Und auch in den Bildern befindet sich alles im Zustand der Symbiose.

Eine Rüstung verdeckt den linken Arm

Die Pole begegnen sich: Nicht nur in der Darstellung von Paaren, auch in den in ihrem Werk dominierenden Einzelporträts ist immer mehr enthalten als nur eine Figur, nur ein Charakterzug. Alles ist in jedem: Hinter dem gestählten Kämpfer ("Spartacus"), der in Kriegerpose mit geballter Faust und drohendem Schwert in die Kamera blickt, steckt die Verletzlichkeit des Menschen. Nur unzulänglich ist sein Körper durch Eisen geschützt. Eine Rüstung verdeckt den linken Arm und die Waden, der Rest ist nackt, bloß, allzu leicht verwundbar. Und in den Augen der zarten blondgelockten Hellseherin ("La voyante") liegt eine kühle Kraft, die sie befähigt der Zukunft ins facettenreiche Auge zu blicken. Und die Pole begegnen sich sanft, nicht mit einem knallharten Aufprall, sondern weich fließend gleiten die Welten ineinander, verbinden sich grenzüberschreitend.

Der Zauber des Besonderen entsteht bei Pierre et Gilles nicht in einem verborgenen Kern, sondern in der schillernden Oberfläche, in der Kunst der Übertreibung, einer bis an die Grenzen von Farbe und Maskerade gepeitschten Inszenierung; in der nur im Abbild realisierbaren Dimension von Schönheit steckt das Geheimnis ihrer Wahrhaftigkeit. Mit den Worten des Kunsthistorikers Klaus Ardenne: "Nie spricht man besser von der Realität, als wenn man sie traverstiert." In den Arbeiten von Pierre et Gilles schillert die Wirklichkeitsfratze durch die Maske beinahe unerträglicher überirdischer Schönheit. Die Protagonisten sind häufig Leitfiguren der Popkultur: Madonna, Marc Almond, Dita von Teese, Catherine Deneuve. Das Zuviel steckt in der Inszenierung, der Mangel klafft im Innern der Figuren, die dauernde brennende Sehnsucht nach Frieden, Heimat, Liebe.

Wie Siegfried & Roy

Und eben dieser Kitsch, der sich um solche Begriffe legt glitzert, schillert, strahlt in den Bildern der beiden Franzosen, die sich einreihen in die Galerie der schwulen Künstlerpaare - Gilbert & George, Siegfried & Roy, Victor & Rolf - die alle der Drang zur schaffenden Einheit hin verbindet, die Gabe zu verschmelzen um aus einer Hand aus einem Mund aus einem Augenpaar wahrzunehmen und zu wirken. Bei Pierre Commoy und Gilles Blanchard wird der Wunsch nach Symbiose besonders in den Selbstporträts sichtbar. Hier sieht man sie gemeinsam an einem Pfahl gebunden ("Le totem"), als Zwillingsmatrosen das gleiche Ruder führend ("Les deux marins"), als Blumen im Bouquet mit gemeinsamen Freunden arrangiert ("Le bouquet d'amis") oder zusammen in einer Seifenblase schwebend ("Le cosmos").

Ein Bild besteht aus mehr als nur aus der Summe seiner einzelnen Teile und eine Gruppe beginnt mit zweien, bei Pierre et Gilles fängt exakt an diesem Punkt die Einheit an.