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Wahlplakate: Die kleine Rache des Souverän

Mit markigen Sprüchen und siegesgewissen Gesichtern präsentieren Parteien auf Wahlplakaten ihre Kandidaten. Mancher Wähler rächt sich und malt die Plakate einfach um. Eine Sammlung der frechen Wählerkunst hat jetzt eröffnet.

Seit über 30 Jahren dokumentiert der Hamburger Fotograf F. C. Gundlach mit seiner Kleinbildkamera jeweils im Vorfeld der Bundestagswahlen Plakate aller Parteien. Sein Interesse gilt jenen Motiven, die durch Übermalungen, Kritzeleien, Collagen, Graffiti und Teilabrisse vom Wähler bearbeitet wurden. So geht es in Gundlachs Sammlung weniger um Parteiprogramme und die Parolen der Wahlkämpfer, als vielmehr um Stimmungen, den Zeitgeist und das Lebensgefühl im Land, das nicht zuletzt in der direkten physischen Auseinandersetzung mit den Stellwänden Ausdruck findet.

Herausgekommen ist eine Sammlung, die unter anderem die großen Lagerwahlkämpfe, die Debatten um Friedens- und Bündnispolitik sowie den Kampf um Arbeitnehmerrechte Revue passieren lässt - und im Hinblick auf den laufenden Wahlkampf nachdenklich stimmt. Ab dem 29. August 2005 werden die über 100 ausgewählten Aufnahmen im Hühnerposten am Hamburger Hauptbahnhof gezeigt und vom stern präsentiert.

"Das Fernsehzeitalter (...) mag das Wahlplakat relativiert haben, überflüssig geworden ist es augenscheinlich noch nicht. Noch immer wird es gebraucht - auch, um den demokratischen Mythos zu inszenieren. Danach ist es der Wähler, der Volkssouverän, auf den es in der Politik letztlich ankommt", sagt Peter Reichel vom Institut für politische Wissenschaft der Universität Hamburg. Die Bilder von Gundlach zeigten das in zweifach bemerkenswerter Weise. Mal ironisch-witzig, mal aggressiv-polemisch verdeutlichten die Kommentierungen und Bemalungen, dass der Wähler diesen Mythos längst durchschaut habe, so Reichel.