Die Lebensrealität jüngerer Erwachsener spielt im fiktionalen deutschen Fernsehen noch immer eine eher untergeordnete Rolle. Insbesondere dann, wenn es um Geschichten aus dem Alltag, jenseits der allseits beliebten Top-Genres Krimi und Medical Drama geht. Umso erfrischender ist es, dass es auch Fernsehfilme wie "Damen" im Ersten gibt. Unter der Regie von Katharina Bischof wird nach einem Buch von Stefanie Kremser unaufgeregt eine fordernde Episode aus dem Leben einer jungen Frau erzählt.
Maya (Salka Weber) ist Mitte 30 und wohnt in einer Wohngemeinschaft in München-Sendling. Ihre temperamentvolle Mitbewohnerin Sema (Safak Sengül) ist hauptberuflich Optikerin und macht sich nebenberuflich als Influencerin für Frauenrechte und Gleichberechtigung stark. Maya hingegen arbeitet als mobile Nagelpflegerin und freie Maskenbildnerin am Theater.
"Warum haben Sie denn eigentlich nicht studiert?", möchte Frau Petri (Nadeshda Brennicke), eine ihrer Kundinnen, während einer Behandlung von ihr wissen. "Ich hab studiert, an der Kunstakademie. Ich bin Maskenbildnerin", erwidert Maya ruhig. "Aber wieso sind Sie denn dann Maniküre?", will die sichtlich verwirrte Business-Frau wissen. "Nagelkunst gehört ja auch zu den Aufgaben als Maske. Und damit verdiene recht gut, und ich kann mir die Zeit frei einteilen." Ihrer Kundin Petri leuchtet das nicht ein: "Ja aber dann war das ganze Studium ja umsonst", wundert sie sich.
Geschichten aus dem Alltag
Es sind Unterhaltungen wie diese, viele Zuschauerinnen und Zuschauer unter 40 aus ihrem eigenen Alltag kennen, insbesondere dann, wenn sie keinen als "sicher" angesehenen Beruf erlernt haben. Oder auch, wenn sie als Frau in den 30-ern keinen Kinderwunsch verspüren: "Ist das bei euch nicht üblich?" – Auf diese Frage antwortet Maya, deren Großvater ein afroamerikanischer GI war, bewundernswert kaltschnäuzig: "Müsste ich mal die Geburtenrate in München recherchieren, aber bei mir in Sendling ist das schon üblich."
Die Regisseurin Katharina Bischof und die Drehbuchautorin Stefanie Kremser verstehen es, ihrem Publikum mit "Damen" wieder und wieder den Spiegel vorzuhalten. Insbesondere dann, wenn es um die teils versteckten, teils offen ausgesprochenen Vorurteile unserer Gesellschaft geht. Wobei letzteres oft mit einem feinen Witz geschieht, ohne jedoch die Ernsthaftigkeit der erzählten Geschichte zu verraten. Denn "Damen" erzählt bei Weitem keine fröhliche Geschichte: Maya zerreibt sich zunehmend zwischen ihren zwei Berufen, die sie offensichtlich liebt, und der Pflege ihrer psychisch-kranken Mutter.
"Ein Drehbuch fast ausschließlich über Frauen"
Anja Herden spielt die traumatisierte Frau mit Messi-Syndrom: "Beim ersten Lesen stieg ein leiser, vertrauter Zorn in mir hoch, auf eine Mutter, die sich im eigenen Leben verloren hat, die einfach nicht mehr funktioniert, und die ihre Tochter und deren Verzweiflung nicht mehr sieht, weil das eigene Leid alles dominiert", beschreibt die Schauspielerin die Story im Interview. "Hier, finde ich, gelingt dem Drehbuch etwas sehr Schönes, Anrührendes und Mutmachendes: Es lässt 'Maya' nicht zornig werden, sondern sie steht ihrer Mutter ohne Vorwurf, ohne zu hadern bei. So geht es hier auch um die Wirkkraft bedingungsloser Liebe."
Liebe und Zusammenhalt sind ohnehin die großen Themen des 90-Minüters. Für Maya tritt die Liebe letztlich in Gestalt des etwas flatterhaften Tänzers Philip (Patrick Isermeyer) in ihr Leben ...
"'Damen' entstand aus meiner Notwendigkeit, endlich ein Drehbuch fast ausschließlich über Frauen zu schreiben", erklärt Autorin Stefanie Kremser: "Frauen unterschiedlichen Alters und diversen Ursprungs, die sich alle um unsere Protagonistin Maya reihen." So erzählt der Film von Herkunft, Identität und Zugehörigkeit, hinterfragt aber auch, "ob wir bestimmte Entscheidungen treffen, weil es so von uns erwartet wird, oder weil wir es tatsächlich aus tiefstem Herzen wünschen".
Damen – Mi. 18.02. – ARD: 20.15 Uhr