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G7-Gipfel in Bayern: Willkommen in Merkels idyllischer Wohlfühloase

Weißwurst, Alphörner und ein herrliches Bergidyll: Kanzlerin Merkel empfing US-Präsident Obama im bayerischen Vorzeige-Örtchen Krün. Aus harter Welt- wurde für einen Moment sanfte Wellnesspolitik.

Von Jens König, Krün

Nicht Sisi und Franz, sondern Obama und Merkel: Krün bietet die perfekte heile Welt für den G7-Gipfel.

Nicht Sisi und Franz, sondern Obama und Merkel: Krün bietet die perfekte heile Welt für den G7-Gipfel.

Ach, ist das deutsch. Besser gesagt: bayerisch. Noch besser gesagt: oberbayerisch. Da sitzen die deutsche Kanzlerin und der amerikanische Präsident auf dem frisch renovierten Rathausplatz von Krün, knapp 1900 Einwohner, hinter sich das über 100 Jahre alte Rathaus mit der hier üblichen Lüftlmalerei, vor sich Weißwürste, Brez'n und eine Maß Bier, angeblich alkoholfrei, um sie herum Hunderte Bürger der Gemeinde, die Frauen allesamt im Dirndl, die Männer in Lederhosen und Hut mit Gamsbart, das Alphorn bläst, die Blaskapelle spielt, die Sonne strahlt, die majestätischen Berge des Karwendelgebirges im Hintergrund berühren den sommerblauen Himmel. Viel zu kitschig, um nicht doch wahr zu sein.

Ein Bild für die Götter? Nein, ein Bild für Angela Merkel. Genau das hat sie ja gewollt, als die Wahl für den G7-Gipfel in Deutschland auf Elmau fiel, gleich um die Ecke von Krün: eine perfekt inszenierte Idylle in den Alpen, Kulisse für großartige Fotos von den Mächtigen der Welt, wie sie sich den Kopf zerbrechen über Syrien, die Ukraine und die Weltwirtschaft und diesen Kopf anschließend gleich wieder freibekommen angesichts der überbordenden Schönheit der Natur.

"Der Herr Obama ist a ganz a Netter"

Man findet kaum Worte dafür, was man hier an diesem Sonntagvormittag in Krün sieht. Es ist ein Stück Weltpolitik im Wellness-Format. Angela Merkel und Barack Obama treffen sich ein paar Stunden vor der Eröffnung des Gipfels in diesem kleinen Ort, sie zeigt ihm, wie sie zur Begrüßung sagt, "ein schönes Stück Deutschland", er entschuldigt sich lässig dafür, dass er seine Lederhosen vergessen habe. Krün jubelt, Krün johlt, die Leute zücken ihre Handys und Fotoapparate. Da legt der Präsident gleich noch ein paar zuckersüße Sätze drauf: "Als ich erfuhr, dass Angela das G7-Gipfeltreffen hier in Bayern ausrichten würde, hatte ich gehofft, dass das Treffen während des Oktoberfestes stattfinden würde. Andererseits muss ich feststellen: Es gibt keine schlechten Tage für ein Bier und Weißwurst." In Krün gibt's kein Halten mehr. "Der Herr Obama ist a ganz a Netter" werden sie später alle sagen.

Spätestens jetzt ist alles vergessen in Krün: der ganze Trubel wegen der Sicherheit, die Angst um ihre schöne Natur, die Ausweiskontrollen am Eingang des Ortes, in dem sie zu Hause sind. Die Holzer Roswitha zum Beispiel, die im Haus Blumenwinkel wohnt, hatte heute Morgen um 6.00 Uhr lauter Polizisten im Garten stehen, weil ihr Haus mitten in der Sicherheitszone liegt. Selbst ihre Freundin, die ihr half das Dirndl anzuziehen, kam nicht ohne gründliche Kontrolle ins Haus. Nun strahlt die Holzer Roswitha übers ganze Gesicht. "Das ist eine der größten Tage für unseren kleinen Ort."

Gut, Obama ist leider nicht in die CSU eingetreten, das hätte der Partei Weltmachtstatus verliehen - aber sonst: ein perfekter Tag. In Krün kennen sie ohnehin nur eine Partei. Im Gemeinderat sitzt die CSU - und drei freie Wählergruppen. Kein Sozi, kein Grüner, und einen Linken haben sie hier noch niemals gesehen. Da passt es ganz hervorragend, dass heute, wo der Herr Obama und die Frau Merkel da sind, der Dobrindt Alexander mit aufs Bild darf. Es ist nämlich sein Wahlkreis hier. Ob der CSU-Verkehrsminister mit dem amerikanischen Präsidenten kurz über die Maut gesprochen hat, ist nicht bekannt geworden.

Obamas Jackett schlägt die Weltpolitik

Politik spielt heute in Krün sowieso nur eine kleine Nebenrolle. Merkel und Obama werden sich nachher in Schloss Elmau zum bilateralen Gipfel unter vier Augen zurückziehen, um über die Krisen der Welt zu beraten, nicht jedoch über den BND-NSA-Skandal. Obama versteht die in seinen Augen paranoiden Deutschen in dieser Frage ohnehin nicht, Merkel wiederum hat kein Interesse, diesen heiklen Punkt anzusprechen, weil sie bei den Amerikanern schon seit Monaten auf Granit beißt. Die Kanzlerin spricht in ihrer kleinen Rede in Krün nur allgemein von "Meinungsverschiedenheiten", um die USA anschließend als "Freund" und "Partner" zu preisen. Obama nennt das Verhältnis zwischen beiden Staaten "eines der stärksten Bündnisse, die die Welt je gekannt hat", und lobt die deutsche Kanzlerin für ihre "Führungsstärke".

Und schon geht's wieder um die Show in diesem schönen Stück Deutschland. Obama legt sein Jackett ab, streift durch die Menge, winkt, lächelt, lässt ein paar Selfies mit sich machen, Angie immer im Schlepptau, hintendrein ihr Ehemann, den hier alle nur mit "Professor Sauer" anreden und dessen braun kariertes Jackett auch genauso aussieht. Unter großem Johlen klettert Obama sogar in das kleine Holzhäuschen, in dem das Weißbier ausgeschenkt und die Weißwürste verteilt werden.

Niemanden hier stört es, dass dieses Häuschen nur für diesen einen Tag gezimmert worden ist. Krün hat nämlich gar keinen Biergarten. Aber was zählt schon die oberbayerische Wirklichkeit. Krün erlebt heute ganz großes Kino.