Unrealistische Vorbilder, sexistische Ideale, Geldmacherei mit der Unsicherheit junger Frauen: Die Beauty-Branche – von Kosmetikkonzernen bis Schönheitskliniken – steht schon länger in der Kritik. Während sich manche Unternehmen mittlerweile der Verantwortung bewusst werden, wirken in anderen noch alte Vorstellungen und Strukturen. Eine solche Firma steht auch im Fokus des ARD-Films "Faltenfrei", den das Erste nun zur Primetime wiederholt. Dies allerdings mit einem tragikomischen und überaus unterhaltsamen Ansatz: Die zynische Chefin einer Beauty-Linie, eben noch egomanisch und unbelehrbar, wird sich plötzlich – wortwörtlich – bewusst, was ihr Umfeld über sie denkt. Bewegt sie das zum Umdenken? Und wer könnte so einen Charakter besser verkörpern als eine wie immer fantastische Adele Neuhauser?
Neuhauser, deren Paraderollen Bibi Fellner ("Tatort Wien") und Julie Zirbner ("Vier Frauen und ein Todesfall") ja ebenfalls komische und tragische Eigenschaften ineinander vereinen, scheint die Figur der Stella Martin auf den Leib geschneidert. Kein Wunder, arbeitete die mittlerweile 67-Jährige doch schon mehrfach mit Drehbuchautor Uli Brée zusammen. "Er weiß, was man mir antun kann, was ich aushalte und wo meine Stärken liegen", sagte Neuhauser einst im Interview zum Film. Grundsätzlich wichtig gewesen sei die Kritik "an der ganzen Branche, die Schönheitsoperationen vermarktet. Die Schönheitsbranche weckt falsche Träume in jungen Menschen."
In der Figur der Stella versammeln sich diese kritikwürdigen Eigenschaften: Als ihre junge Assistentin vorsichtig auf die Gefahr von Schönheitsnormen verweist, winkt die unbelehrbare Chefin ab. Schließlich verkaufe man die Produkte vor allem, weil Frauen ihre Körper nicht mögen. "Leute wie du tragen dazu bei, dass sich Mädchen in ihren Körpern unwohl fühlen", wird Stella von ihrer Tochter Johanna (Olga von Luckwald) kritisiert – die Einzige, die offen Kritik äußert. Doch auch die Fassade der Alphafrau bröckelt: Nicht nur steht die Firma mittlerweile im Minus, auch Stella selbst muss mit dem Alter kämpfen. Zu allem Überfluss scheint Ehemann Georg (Thomas Limpinsel) auch noch eine Affäre mit der jüngeren Mitarbeiterin zu haben. Der Beauty-Wahn, so erzählt "Faltenfrei" ganz dialektisch, frisst nicht nur seine Kinder, sondern auch seine Mütter.
Ein Sturz und alles ist anders
Um diese Ambivalenz zuzuspitzen, bedient sich die Tragikomödie unter Regie von Dirk Kummer schöner alter Humorwerkzeuge: Slapstickhaft rennt Stella – noch geschockt vom Verhältnis ihres Mannes – in einen Radfahrer und landet mit Gehirnerschütterung im Krankenhaus. Auch äußerlich ist sie völlig ramponiert, einzige Lösung ist – natürlich – eine Schönheits-OP beim bekannten Chirurgen (wie so oft grandios: Manuel Rubey). Doch die Narkose wirkt nicht, Stella stürzt vom OP-Tisch und ist fortan nicht mehr dieselbe. Plötzlich hört sie, was die Menschen in ihrer Umgebung über sie denken. Unnötig zu erwähnen, dass Nettigkeiten dabei die Ausnahme sind. Stella realisiert, dass sie sich durch ihr Verhalten zur hassenswerten Person gemacht hat.
Noch so ein Klassiker: die egoistische, wohlhabende Person, die durch ein unerwartetes Ereignis geläutert wird. Durch ihre Fähigkeit, Gedanken anderer zu lesen, kommt Stella zur Besinnung, entdeckt ihre empathische Seite und entschuldigt sich gar bei jenen, die sie in den letzten Jahren verletzt hat. Das ist nun nicht die Neuerfindung des Genres, macht aber aufgrund zahlreicher kreativer Einfälle doch jede Menge Spaß. Die Fallhöhe ist auch hier das Entscheidende. Trotzdem: Dass "Faltenfrei" über den deutschen Komödiendurchschnitt hinausweist, ist zu großen Teilen das Verdienst der wunderbaren Hauptdarstellerin Adele Neuhauser.
Nach dem Erfolg von "Faltenfrei" drehte die Wienerin vier Jahre später abermals mit dem Duo Kummer/Brée die nicht minder sehenswerte Dramedy "Ungeschminkt" (2024), die das Erste ebenfalls als Wiederholung zeigt (Mittwoch, 4. März, 20.15 Uhr). Eine Woche später folgt dann der neue dritte Teil der losen Reihe, in der Neuhauser immer in anderer Rolle zu sehen ist: Unter dem Titel "Makellos – Eine kurze Welle des Glücks" geht es diesmal um eine Frau, die ihrer leidenschaftslosen Ehe mit Hilfe eines Callboys entfliehen will. Das Erste zeigt den wieder von Dirk Kummer nach einem Drehbuch von Uli Brée inszenierten Film in Erstausstrahlung am Mittwoch, 11. März, um 20.15 Uhr.
Faltenfrei – Mi. 25.02. – ARD: 20.15 Uhr