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Kanutour durch Schweden: Durch Värmlands Wasserschätze

Urtümliche Wildnis, malerische Seen und Toilettenhäuschen am Lagerplatz - das schwedische Naturreservat Glaskogen ist gut erschlossen, lässt aber dennoch echte Einsamkeit zu. Und bietet vor allem Kanuten beste Bedingungen.

Von Torsten Schäfer

Es ist zu spät, um noch umzukehren und den Ratschlag des Kanulehrers zu befolgen: "Bei Wolken am Ufer bleiben, keinesfalls raus auf den See." Genau dort aber ist jetzt das Kanu. Und peitscht ein heftiger Nordwind das Wasser. Der Stora Gla, der eben noch so ruhig und einfach zu überqueren schien, ist wütend geworden und schickt eine Wellenfront nach der anderen dem Boot entgegen, das voll gelaufen ist - und jeden Augenblick kentern wird. Die Arme schmerzen. Lange reicht die Kraft nicht mehr, um gegen den Wind zu steuern und zu verhindern, dass sich das Kanu dreht - und von den Wellen voll erfasst wird.
Die Lage scheint aussichtslos. Doch plötzlich flaut der Wind ab - und eröffnet die Chance, umzukehren: zu diesem malerischen Lagerplatz auf der Landzunge, gleich gegenüber der Insel Älgön. Mit letzter Kraft gelingt die Rückkehr - und auch noch, nass und verfroren die Tonnen aus dem Kanu zu hieven, das Zelt aufzubauen und die erste Büchse Bohnen zu öffnen. Eine Stunde später ist die missglückte Seeüberquerung am knisternden Feuer schon eine schöne, wilde Erinnerung. Und Teil einer Wildniswoche auf Övre Gla und Stora Gla, zwei der fast 80 Seen im Kanu-Revier Glaskogen, das in der westschwedischen Provinz Värmland liegt.

Camping-Luxus im Kanutenleben

Glaskogen ist nicht so stark von Kanuten frequentiert wie etwa die Seen in der Provinz Dalsland. Hier ist meist eine Insel oder Bucht für das Zelt frei. Oder aber eine der Windschutzhütten, neben denen oft Feuerholz liegt - und Toilettenhäuschen stehen. Die Infrastruktur für Kanuten und Wanderer ist vorbildlich, trotz der Abgeschiedenheit des spärlich besiedelten, 28.000 Hektar großen Naturschutzgebietes. 300 Kilometer markierte Wanderwege gibt es, dazu mehrere Kanustationen wie etwa in Arvika, Glava Glasbruk - oder Lenungshammar. An diesem Weiler zwischen Ovra Gla und Stora Gla gibt es eine Portage, also eine Strecke, bei der das Kanu auf den Wagen geschnallt und ein Stück durch den nach Rinde und Pilzen duftenden Frühherbstlichen Wald gezogen wird.

Lennungshammar bringt mit seinem aufgeräumten Campingplatz, einem Lebensmittelladen und dem Café "Karl XII" plötzlichen Luxus ins asketische Kanutenleben. "Sie können sich nachschütten, so oft sie wollen", sagt die junge Frau hinterm Tresen. Hier hält man es aus. Aber nicht zu lange. Denn da ist schnell wieder der Gedanke an diese eigene Stille, die auf dem Wasser einkehrt, wenn der schwedische Wald in zarten Indian-Summer-Farben vorüberzieht und eine V-Formation Kanadagänse die Morgenröte durchschneidet.

Wölfe, Bären und kaum Stechmücken

Glaskogens Fauna hat alles: Kaum Stechmücken, dafür Kraniche, Luchse, Biber, Elche. Und eine weitere Art. Das erste Geheul zieht vom anderen Seeufer herüber, gegen 23 Uhr, als das Feuer schon fast heruntergebrannt ist. Dann folgt ein zweiter Ruf. Und die Frage: Wer führt hier, mitten im Wald und fern jeder Ortschaft, nachts seinen Hund spazieren? Die Antwort gibt es am nächsten Morgen beim Heidelbeer-sammeln, nach dem Bad im See: Auch Wölfe leben in Glaskogen, steht auf einer Schautafel. Und ein Bär wurde schon gesichtet.

Mit diesen Erkenntnissen mutet an diesem Tag alles noch wilder und urtümlicher an: der Fischadler vor blasslila Wolkenwänden, das Baumstamm-Mikado, dass Biber am Ufer gelegt haben, die Felsen, die steil aus dem rostbraunen Wasser ragen. Der Fischer, der vom Boot sein Netze auslegt. Und die eigene Angeltour, die, nicht wie vorgestern, Hecht in Alufolie zum Ergebnis hat. Stattdessen gibt es am letzten Abend wieder Bohnen. Aber deren Geschmack ist Nebensache. Denn die Gedanken kreisen um den "glänzenden Wald", wie Glaskogen auf Deutsch heißt. Und fragen danach, wann dessen Bilder und Farben möglichst bald wieder glänzen, strahlen, leuchten können.

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