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Backstage Helden "Eine bittere Pille": Wie es ist, als Kulturschaffender auf einmal vor dem Nichts zu stehen

Konzert
Konzerte finden während der Corona-Pandemie nicht mehr statt. Ein herber Schlag für die ganze Branche. 
© Vishnu R Nair / Unsplash
Unter den strengen Corona-Bedingungen leiden auch viele Kulturschaffende. Vor allem all jene, die hinter der Bühne dafür sorgen, dass ein Auftritt reibungslos abläuft. Ein Tontechniker erzählt, wie die Branche unter Zukunftsangst leidet. 

Als Mitte März klar war, dass Deutschland in den ersten Lockdown gehen würde, hieß das für viele Branchen wirtschaftlich nichts Gutes. Alle Konzerte, Theaterveranstaltungen und sonstige Kulturvorführungen wurden abgesagt. Und damit waren viele Menschen auf einen Schlag ohne Aufträge. So wie Alaska Winter. Der Konzert-Tontechniker reist normalerweise mit Bands wie der Düsseldorfer Punkband Fehlfarben durch die Republik, ist bei jedem Konzert dabei. 

Tontechniker über Konzertabsagen: "Bittere Pille!"

"Mir ging es wie vielen: Als es gerade anfing, war ja noch nicht abzusehen, wie lange es insgesamt dauert oder dauern kann, doch dann ist man über die Monate hinweg schon ins Grübeln gekommen", erzählt er dem stern. Für ihn waren die Lockdown-Bestimmungen an sich nachvollziehbar und notwendig. "An dem 'Ja, ist klar, dass es nötig ist', hat sich von meiner Seite her zwar nicht viel verändert, aber man sieht immer mehr die Kehrseite der Medaille. Das ist natürlich 'ne bittere Pille! Vor allem weil unsere Branche immer so in ihrer eigenen Welt werkelt und deshalb nicht gerade als super systemrelevant wahrgenommen wird. Das ist problematisch", sagt er. 

Wessen sich viele Menschen wohl nicht bewusst sind: Der Lockdown traf nicht nur die Künstler selber. "Da ist natürlich nicht allein der Star auf der Bühne. Sondern da hängt, wie in vielen anderen Branchen auch, ein beachtliches Netzwerk dran", erklärt Winter. "Ton- und Lichtleute, Bühnenhelfer, Fahrer, Konzertagenturen, bis hin zur Veranstaltungs-Gastronomie. Denn welcher Bühnenbetreiber im Off-Mainstream-Bereich kann schon davon leben, wenn er nicht auch noch das Bier verkauft?", sagt er. 

Existenz- und Zukunftsangst bei vielen

Sein Tournee-Kleinbus, den er sich vor ein paar Jahren gekauft hat, steht nun rum. "Den muss ich natürlich auch irgendwie abbezahlen", erklärt er. Nur wovon, wenn es fast das ganze Jahr keine Aufträge gab? Um wenigstens etwas zu tun zu haben und sich abzulenken, arbeitet er heute wieder mehr im Tonstudio. "Ich habe früher hauptberuflich ein Tonstudio betrieben. Doch es wurde mit der Zeit immer schwieriger allein davon zu leben", erklärt er. "Deshalb bin ich vor zirka zehn Jahren wieder deutlich in Richtung Konzert-Tontechnik gegangen." Die Studioarbeit war in diesen Jahren ein Luxus-Hobby, mit dem er sich ein kleines Zubrot verdiente. Heute während Corona ist sie überlebenswichtig. 

"Das Problem ist nur: Meine Kundschaft, die ohnehin immer knapp bei Kasse ist, hat noch weniger Budget zur Verfügung als sonst, weil es keine Auftritte gibt. Es ist für unsere Branche einfach eine Art Teufelskreislauf", erzählt er im Gespräch mit dem stern. "Viele meiner Kollegen haben mit großen Sorgen und Ängsten zu kämpfen, besonders wenn sie noch eine Familie und Kinder versorgen müssen. Da sieht es nicht gut aus." Er selbst ist alleinstehend, weshalb es ihm leichter fällt, die Probleme zu verdrängen. 

Eine Zeit nach Corona: mehr Bands als zuvor?

Ein Licht am Ende des Tunnels sei für ihn zwar die Impfstoffentwicklung, doch auch der Blick in die Zukunft muss realistisch bleiben. "Alle hoffen auf die Normalität. Doch jetzt ist auch den letzten Optimisten klar: Im Winter wird es noch nichts und auch im Frühjahr wird's noch eng", sagt er. Vor allem der Independent-Bereich wird sich so schnell nicht vom Lockdown erholen können.

"Es werden verdammt wenig Auftrittsmöglichkeiten zur Verfügung stehen. Viele Clubs und Bühnen wird es gar nicht mehr geben oder zumindest nicht mehr in der bisherigen Form. Etablierte Acts werden erstmal nachgeholt. Und das Publikum kann nicht von Montag bis Sonntag auf Konzerte gehen, das kann sich keiner leisten. Es werden also nicht alle sofort wieder Konzerte spielen können. Das wird noch Jahre dauern", vermutet er. Hoffnungsvoll ist er, wenn er auf die Musik an sich schaut. "Ich bin mir sicher, dass es insgesamt sogar mehr Bands geben wird als vorher. Die Frage ist nur: Wo sollen die Auftritte denn stattfinden?"


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