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Stiftung Stern

Erdbeben Nepal: Wo bleibt die Hilfe?

Bis heute warten in den Bergdörfern Nepals Zehntausende auf Retter, Lebensmittel und Zelte. Ein stern-Team traf in dem entlegenen Ort Saurpani auf Überlebende des Erdbebens, die aus dem Chaos zurück zum Alltag finden wollen.

In den Siedlungen der Region Gorkha fielen vielerorts fast alle Häuser zusammen.

In den Siedlungen der Region Gorkha fielen vielerorts fast alle Häuser zusammen.

STERN

Nach neun Stunden im Jeep geht es nur noch zu Fuß weiter. Hängebrücken baumeln halb abgerissen über Abgründen, streckenweise ist der glitschig-steile Schlamm nur auf allen vieren zu passieren. Ganz oben auf einem Gipfelkamm taucht ein fast völlig zerstörtes Holzhaus auf. Es ist die ehemalige Schule des Dorfes Saurpani, bei der jetzt die Rückwand fehlt; und je näher man dem kleinen Ort in der Region Gorkha kommt, rund 180 Kilometer nordwestlich von Kathmandu, desto mehr wird das Ausmaß der Erdbebenkatastrophe sichtbar. 800 Menschen leben hier, mindestens 16 Einwohner starben, und über dem Ortszentrum liegt der Geruch von Tod und Verwesung. Von den etwa 200 traditionellen Häusern aus Lehm und Felsen stehen nur noch vier. Allein die Klohäuschen aus Wellblech haben das Beben unbeschadet überstanden.

Am 25. April um 11.56 Uhr brach das Gestein in rund 15 Kilometer Tiefe im Epizentrum, hier in diesem Gebiet, mit einem Ruck rutschte Nepals Nordwesten drei Meter weit Richtung Süden. Das Erdbeben dauerte rund 20 Sekunden und hatte schätzungsweise die Wucht von 20 Thermonuklearwaffen, noch 1000 Kilometer entfernt zitterte die Erde. Die Armee geht inzwischen davon aus, dass die Zahl der Opfer auf bis zu 15 000 steigen könnte.

Doch selbst diese Zahl ist kaum mehr als eine vage Schätzung, denn niemand in Nepal hat im Moment tatsächlich einen Überblick über die Situation im Land.

„Wir hatten Glück“, sagt Radhika Ram Koirala, der Dorflehrer von Saurpani, und steigt dabei auf den Trümmerhaufen der Häuser, um die Zerstörung besser zeigen zu können. „Es war Samstagvormittag, als die Erde bebte, die meisten Menschen arbeiteten auf den Feldern, und die Schule war geschlossen. Sonst wären viel mehr Menschen umgekommen.“ Doch das Glück der Überlebenden mischt sich mit dem Leid der Angehörigen, die ihre Lieben verloren haben.

„Wir wissen nicht mehr, wie unser Leben weitergehen soll“, sagt Krishna Bahadur Shrestha. Er trägt ein Bettlergewand aus weißem Tuch und ein gleichfarbiges Stirnband um den rasierten Schädel. Der hinduistische Brauch schreibt vor, dass die Verwandten der Opfer für zwei Wochen wie Einsiedler leben müssen. Seine Tochter Bobby Shrestha war gerade 22 Jahre alt, sie war noch unverheiratet, ein einfaches und hilfsbereites Mädchen mit heller Haut und schulterlangen schwarzen Haaren, das meist eine weite Kurta-Salwar-Hose trug und dazu ein schlichtes T-Shirt. Am Morgen des Erdbebens hatte Bobby im Laden der Familie ausgeholfen und Pani-Puri frittiert, den scharfen Snack mit Kartoffeln und Mehl. Sie war kurz nach Haus zurückgegangen, um sich zu waschen. Sie verharrte direkt am Eingang, als die Erde bebte; ihr Vater musste vom Geschäft aus zusehen, wie die Wucht des Stoßes sie in die Luft schleuderte. Bobby versuchte noch wegzurennen, doch ihr Fuß verfing sich in einem Seil, und sie fiel auf die Veranda vor dem Haus. Dann stürzte das Gebäude über ihr zusammen, und eine Staubwolke der Zerstörung verhüllte das Dorf. Es dauerte drei Tage, bis Shrestha die Leiche seiner Tochter fand, unter Trümmern aus Ziegeln, Felsen und Lehm. Er baute eine Pritsche aus Bambusstangen. Zu viert trugen sie den Leichnam ins Tal zur Bestattung in der Nähe des Flusses, so wie die Tradition es verlangt. Sechs Tage sind seither vergangen. Shrestha will heute der Heiligen Kuh ein Opfermahl servieren, um seiner Tochter den Aufstieg ins Jenseits zu erleichtern. Nepal betrauert die Toten auf seine eigene Art. Zurück bleiben Hoffnungslosigkeit und die Wut der Gewissheit, dass die Menschen von ihrer Regierung nicht viel Hilfe erwarten können.

Das vorhergesagte Unglück

Noch immer rennen die Einwohner von Saurpani bei jedem Nachbeben schreiend auf die Felder. Doch es fließt nicht eine Träne, es ist, als hätten die Menschen auf dem Berg gelernt, die Natur und ihre Gewalt zu akzeptieren. Geologen hatten schon lange vor diesem Beben gewarnt, das heutige Nepal liegt direkt in der geologischen Knautschzone, die sich noch immer jedes Jahr um viereinhalb Zentimeter zusammenschiebt und so die höchsten Berge der Welt aufwarf. Dass sich diese Spannung irgendwann entladen würde, war nur eine Frage der Zeit. Und doch reagierte die Regierung vor allem mit Chaos auf das vorhergesagte Unglück. Vielleicht, so scheint es, wäre Nepal in diesen Tagen ganz ohne Regierung besser dran. Es häuften sich die Berichte, dass Hilfsgüter in falsche Hände geraten oder nur an politische Günstlinge abgegeben werden. Die Regierung will die Verteilung der Hilfsgüter zentral koordinieren. Doch ihr fehlen Fahrzeuge, Hubschrauber und vor allem der Überblick. Vieles versickert in dunklen Kanälen. Und in den ersten Tagen nach der Katastrophe mussten Hilfstransporte an der indischen Grenze wieder umkehren, weil der Zoll die Einfuhr besteuern wollte.

Immerhin flog gestern ein Militärhubschrauber aus Indien in Saurpani ein und brachte 220 Zeltplanen mit. Koirala, der Lehrer, hat damit aus Bambusstangen ein Zelt für seine Familie gebaut. „Jetzt müssen wir wenigstens nicht mehr unter freiem Himmel schlafen“, sagt er. Denn die Nächte auf dem Berg sind kalt.

Langsam kehrt der Alltag zurück in den Schutthaufen, der einst das Dorfzentrum war. Die Krankenschwester sucht in den Trümmern der Apotheke nach Medikamenten. Ein Kramladen hat unter einer Zeltplane eröffnet, die Mädchen stehen kichernd am Brunnen an, die Jungs führen Ziegen auf die Weiden, ihre Eltern wühlen in den Schuttbergen nach Lebensmitteln, Töpfen und Feuerholz.

Saurpani ist typisch für Nepal: ein Ort, so zerklüftet und zerteilt wie das ganze Land. Ein Zickzack aus Treppen und Trampelpfaden verbindet die Häuser. Vor dem Erdbeben handelte man hier im Goldladen und im Elektrogeschäft, die Menschen beteten in einem kleinen Tempel für die Hindu- Gottheit Shiva. Am Abend trafen sich die Jungs auf dem Dorfplatz im Schatten der heiligen Pappelfeige, wo sie stundenlang Carrom spielen konnten, eine Art Fingerbillard. „Wir waren arm, aber glücklich“, sagt der Lehrer.

Auf die Regierung hofft niemand

Am nächsten Morgen um sechs Uhr taucht die Sonne hinter dem gezackten Horizont auf, die weißen Hänge des Himalajas glänzen in der Ferne wie frisch lackiert. Der Himmel ist klar, Dutzende kleiner Dörfer sind jetzt zu sehen, in den Tälern, auf den Hängen und Gipfeln der umliegenden Berge, und überall leuchten auf den Reisterrassen die roten Zeltplanen der Notunterkünfte. Für all diese Ortschaften hier bedeutet der schmale Pfad ins Daraudi-Tal die Lebensader. Alte Frauen und Kinder schnaufen den Berg hinauf und hinunter, sie tragen Reissäcke und Zeltplanen auf den Köpfen, niemand will warten auf die Hilfe der Regierung. Niemand kann so lange warten.

Im Tal fließt ein Fluss durch die Graslandschaft, riesige Felsbrocken ragen aus der Erde. Und längs der eingestürzten Hängebrücke stehen weitere Häuser, die das Beben schwer beschädigt hat. Daneben, mitten im Grün der Vegetation, leuchten bunte Igluzelte. Junge Ausländer in kurzen Hosen kommen angerannt und winken mit den Armen. Die Amerikanerin Isabella Messenger war in ihrem Haus in Pokhara, als die Erde bebte. Seit acht Jahren lebt sie in Nepal und arbeitet bei einer kleinen Firma, die Paragleitflüge für Touristen anbietet. Aus Liebe zum Land gründete sie irgendwann die Hilfsorganisation „Karmaflights“ . Eigentlich kümmerte sie sich vor allem um die Ausbildung benachteiligter Mädchen.

Dann kam die Katastrophe. „Wir spürten, wie die Erde sich bewegte“ , sagt Messenger. Ein paar Bilder fielen von der Wand, die Menschen rannten schreiend auf die Straße, doch mehr passierte in Pokhara nicht. Ein paar Stunden später erreichte sie ein Hilferuf aus den Bergen. Ein nepalesischer Kollege hatte Freunde in einem der Bergdörfer. Verzweifelt berichteten die ihm von völlig verwüsteten Häusern. „Da beschlossen wir zu helfen und machten uns einfach auf den Weg“, sagt Messenger. Sie brauchten einen ganzen Tag, um das Tal zu erreichen. Zwei Jeeps mit eilig gekauften Hilfsgütern, dazu ein paar Freiwillige, die sich auf Motorrädern durch den Schlamm kämpften.

Am ersten Tag kamen sechs Verletzte aus den Bergen und baten um Hilfe. Am nächsten Tag waren es doppelt so viele. Inzwischen stehen Versehrte vor dem Sanitätszelt Schlange, und Hunderte Anwohner steigen jeden Tag aus den umliegenden Dörfern herab, sie fragen nach Planen, Lebensmitteln und Kleidung. „Es fehlt an fast allem“ , sagt Messenger, „noch immer gibt es Dörfer, die gar keine Hilfe bekommen haben.“ Es sind Abenteurer, Bergsteiger und westliche Touristen, die sich hier zusammengeschlossen haben, um den Menschen in Nepal zu helfen. Sie füllen die Lücke, weil Regierung und ausländische Hilfsorganisationen es bisher nicht ins Daraudi-Tal geschafft haben. In den ersten Tagen nach dem Beben konzentrierten sich die großen Hilfsorganisationen in Gorkha darauf, die betroffenen Dörfer per Hubschrauber zu versorgen. Doch in manchen Gegenden gibt es keine geeigneten Landeplätze. Außerdem sind viele Ansiedlungen zu klein und zu weit voneinander entfernt, Helikopterflüge dorthin sind teuer und aufwendig und erreichen viel zu wenige.

Der Distrikt gilt als eine der am schwersten betroffenen Regionen, in vielen Ortschaften sind wie in Saurpani über 90 Prozent der Häuser eingestürzt. Hunderte starben in den Trümmern oder wurden von Gerölllawinen verschüttet. Und so wenig es sichere Zahlen zu den Toten gibt, so wenig gibt es Angaben über die Zahl der Verletzten, die noch auf Hilfe warten. Das Zeltlager im Tal aber wächst jeden Tag. Der Hilferuf, den Isabella Messenger auf Facebook gepostet hat, erreicht immer mehr Menschen. Fast stündlich treffen Kleinlaster und Jeeps ein und laden Zeltplanen, Medikamente, Reis und Kleiderspenden ab, die Freiwillige gesammelt haben. Heute Morgen waren zum ersten Mal zwei Jeeps der Vereinten Nationen dabei. „Wir dachten: Hurra, jetzt kommt die Kavallerie“, sagt Messenger. Doch die UN-Leute hatten nicht einmal genug Trinkwasser für sich selbst dabei.

Dabei dauert die Fahrt nur drei Stunden ins Daraudi-Tal von der Distrikthauptstadt Gorkha aus, wo Regierungssoldaten die Hilfslieferungen in Empfang nehmen und wo die weißen Toyota-Jeeps der internationalen Hilfsorganisationen um Parkplätze rangeln. Aber immer wieder blockieren Erdrutsche und herabgestürzte Felsen den Weg. Selbst ausgewachsene Geländewagen geraten auf dem nassen Lehm ins Rutschen.

Experten harren auf ihren Einsatz Gorkha selbst ist beinahe unbeschadet. Die allermeisten Gebäude stehen noch, und die Spuren des Erdbebens sind kaum zu sehen. Manche Häuser haben Risse. Hier ist ein alter Stall eingestürzt, da eine Stromleitung gerissen. „Wir waren überrascht, dass fast alles intakt ist“, sagt eine Ärztin aus Belgien. In den Restaurants wird sogar kaltes Bier serviert. Spät in der Nacht kommen noch einmal zwei Reisebusse mit ausländischen Hilfskräften an, und zu diesem Zeitpunkt befinden sich mehr Ärzte als Patienten in der Stadt.

Wie ein Phantom liegt so das Unglück von Nepal über der Distrikthauptstadt, wo Experten aus der ganzen Welt darauf warten, dass sie endlich gebraucht werden. Das Problem: Es gibt keinen zentralen Unglücksort, sondern Tausende kleiner Tragödien, die sich in den Bergen verstecken, in Dörfern wie Saurpani, kaum sichtbar, kaum erreichbar für Hilfskonvois und Großeinsätze.

Deshalb sind unbürokratische Aktionen wie die von Isabella Messenger so wichtig. Weil sie die korrupte Bürokratie einfach umgehen und direkt bei den Betroffenen ansetzen. Rund 100 Tonnen Spenden haben die Amerikanerin und ihre Mitstreiter inzwischen an die Menschen im Daraudi-Tal verteilt. Das bescheidene Feldlazarett hat etwa 800 Patienten behandelt. Langsam stabilisiert sich hier die Lage, doch weiter oben in den Bergen, viele Stunden Fußmarsch hinter Saurpani, wird in den Dörfern bald das Essen ausgehen; es heißt, in manchen ginge bereits das Trinkwasser zur Neige.

„In den kommenden Monaten müssen wir mit Cholera, Ernteausfällen und Hungersnöten rechnen“, sagt Messenger. Sie will weitermachen, im Daraudi-Tal. Irgendjemand muss es tun. 

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