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Ein Jahr nach der Flut "Das Geld von der Stiftung stern war unser Startkapital. Für die unkomplizierte Hilfe sind wir sehr dankbar"

Alte Damen beim Sport in einem Zelt
Erste Hilfe in Zeltform: Die Damen vom TuS Ahrweiler turnen jeden Dienstag unter Anleitung von Marlies Erlenbach, 79 (vorne). Waltraut Roman, 87 (links neben ihr), geht seit 40 Jahren zum Sport.
© Catrin Boldebuck / stern
Ein Jahr nach der Katastrophe: 740.000 Euro spendeten stern-Leser:innen für die Opfer der Hochwassers in Deutschland. Damit konnte die Stiftung stern in ihrem Namen den Betroffenen helfen – und wird es weiterhin tun.

Bei dem Hochwasser vor einem Jahr hat Waltraut Roman, 87, ihr Zuhause verloren: ihr Haus und ihren 1400 Quadratmeter großen Garten. Im August wollte ihre Enkeltochter dort unter Obstbäumen Hochzeit feiern. In der Nacht vom 14. Juli 2021 wurde das Haus von Waltraut Roman in Heppingen im Ahrtal überflutet. Sie konnte sich ins Obergeschoss retten, wartete dort die ganze Nacht allein und voller Todesangst, per Handy hielt sie Kontakt zu ihrer Enkelin. Erst am folgenden Tag konnte sie geborgen werden.

Inzwischen lebt Waltraut Roman in einer 80 Quadratmeter großen Wohnung. Sie lässt sich nicht unterkriegen, bleibt optimistisch – und hält sich fit. Seit 40 Jahren geht sie zum Sport. "Nicht nur die Bewegung ist wichtig, sondern auch die sozialen Kontakte", sagt sie.

Jeden Dienstagmorgen trifft sie sich mit ihrer Gymnastikgruppe vom TuS Ahrweiler. Acht Seniorinnen turnen mit ihrer Trainerin Marlies Erlenbach, 79. Nach dem Aufwärmen machen sie Dehn- und Kraftübungen auf Matten am Boden. Die Älteste unter ihnen ist 91. Seit Anfang des Jahres können sie wieder zum Sport – sie gehören zu den wenigen im Ahrtal, denn nach wie vor sind die meisten Sportstätten zerstört.

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Dankbar für etwas Normalität

Dass nicht nur die alten Damen, sondern auch Schulkinder und Jugendliche wieder Sport treiben können, verdanken sie den stern-Leser:innen. Denn mit ihrer Unterstützung wurde ein 180 Quadratmeter großes, beheizbares Zelt aufgebaut, mit stabilem Boden. Im Vorraum gibt es sogar einen Geräteraum und einen abgetrennten Bereich zum Umziehen. Zur Eröffnung der Halle im Dezember 2021 kam die Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz, Malu Dreyer (SPD). "Wir sind sehr dankbar, dass wir diese Möglichkeit hier haben", sagt Sabine Schenke, Geschäftsführerin des TuS Ahrweiler. "Das war unsere Rettung!"

740.000 Euro gingen in den Tagen und Wochen nach der Flut für Opfer des Hochwassers bei der Stiftung stern ein. Unmittelbar nach der Katastrophe wurde das Geld vor allem an Organisationen ausgezahlt, die für das Überleben von Betroffenen sorgten, zum Beispiel Suppenküchen und die DLRG. Wichtig war es, schnell und unbürokratisch zu helfen. So wurden zum Beispiel 5000 Euro an Lucas Bornschlegl ausgezahlt, er kam als Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr – und blieb, zunächst lediglich mit einem Generator und einem Wassertank.

In den Wochen nach der Katastrophe bauten Helfer:innen und Anwohner:innen auf dem Gelände des ehemaligen Campingplatzes direkt neben der Ahr nach und nach ein ganzes Dorf mit Hilfsangeboten für die Hochwasser-Opfer auf. Bis zu 1200 Mahlzeiten gaben sie täglich aus. "Das Geld von der Stiftung stern war unser Startkapital. Für die unkomplizierte Hilfe sind wir sehr dankbar", sagt Bornschlegl. Gemeinsam gründeten sie einen Verein: die AHRche. Mithilfe des Vereins für Katastrophenhilfe und Wiederaufbau wurde die provisorische Turnhalle errichtet, um den Menschen ein Stück Hoffnung auf Alltag in all der Verwüstung zu bieten.

Hilfe für den Wiederaufbau

Neben der kurzfristigen Hilfe für Menschen in Not nutzte die Stiftung stern die Spenden für die Hochwasser-Opfer auch, um so schnell wie möglich beim Wiederaufbau zu helfen: In Wuppertal war beispielsweise das Dach des Jugendwohnheims der Sozialtherapeutischen Kinder- und Jugendarbeit e.V.  eingestürzt. Auch die Lebenshilfe in Sinzig, wo zwölf behinderte Bewohner:innen durch die Wasserfluten starben, wird mit Spenden unterstützt. Das Kloster Calvarienberg wurde zur provisorischen Unterkunft für Kita- und Schulkinder umfunktioniert.

Während des Wiederaufbaus bildeten sich viele Helfergruppen vor Ort. Eine davon sind die "Syrischen Freiwilligen in Deutschland". Ein Trupp von Geflüchteten war unmittelbar nach der Katastrophe aus dem Saarland angereist, um zu helfen – und ist ebenfalls geblieben. Seit Monaten arbeiten die vorwiegend jungen Männer am Wiederaufbau. Unterstützt werden auch sie dabei von der Stiftung stern. Mit Spendengeldern wurde ein alter roter Transporter angeschafft, damit die Helfer leichter zu ihren Einsatzorten kommen. Denn noch immer sind Straßen und Brücken zerstört.

Zwei kleine Kinder striegeln ein Pony
Pony-Kindergarten am "Schwanenteich" bei Sinzig: Mia, 6 (gelbe Jacke), und Nora, 4 (blauer Helm), lernen unter Anleitung von Nina Kniel, Mitarbeiterin vom Schwanenteich, Pferde zu versorgen, zu pflegen und zu reiten
© Catrin Boldebuck / stern

Viele Kinder sind traumatisiert

Darüber hinaus fördert die Stiftung stern Beratungs- und Freizeitangebote für Kinder Jugendliche. Viele von ihnen sind traumatisiert, bei starkem Regen haben sie wieder die Bilder von damals vor Augen, manche trauen sich nicht mehr ins Wasser. Viele haben Konzentrationsprobleme, leiden unter Schlaftörungen oder reagieren mit Agressionen. Die Kinder sollen daher Orte haben, auf die sie sich in all der Zerstörung freuen und wo sie sich sicher fühlen können.

Der "Schwanenteich" ist im Ahrtal eine Institution. Eine Grupppe Ehrenamtlicher bietet auf dem Gelände bei Sinzig direkt neben der Ahr Kinderfreizeiten in der Natur an. Bis zum Hochwasser lebten dort Enten, Hühner, Ziegen, Schafe und Ponys, insgesamt etwa 150 Tiere. Alle Ställe und Bauten wurden weggespült, nur ein altes Taubenhaus blieb stehen. Doch inzwischen können hier wieder Freizeiten wie der Pony-Kindergarten stattfinden. Montags und dienstags kommen die Kinder und lernen unter Anleitung, wie man ein Pony pflegt, versorgt und reitet. Die Stiftung stern fördert den Wiederaufbau und finanziert Freizeiten für Kinder und Jugendliche.

Zwei Frauen arbeiten an einem Zirkuswagen
Mobiler Jugendtreff in Kreuzberg, Ahrtal, betreut von Tamara Orschler (oben), Sozialpädagogin. Zusammen mit Kathi, 18, renoviert sie den Zirkuswagen.
© Catrin Boldebuck / stern

Ebenso wird das Jugendprojekt in Kreuzberg, Ahrtal, unterstützt. Dort richten Jugendliche einen ehemaligen Zirkuswagen her, er dient ihnen als mobiles Jugendzentrum. "Das Gefühl von Sicherheit ist weg. Für die Jugendlichen ist es gut, einen Anlaufpunkt zu haben", sagt Tamara Orschler, die Sozialpädagogin von der Diakonie betreut das Projekt. Endlich raus, nur unter Gleichaltrigen Filme schauen, Sorgen bereden oder einfach nur mal gemeinsam abhängen – eine wohltuende Alternative für Jugendliche, die zum Teil mit Eltern, Geschwistern und Haustieren in Containern leben, weil ihr altes Zuhause auch nach einem Jahr noch nicht wieder bewohnbar ist. "Das ist super, hier gibt es ja sonst nichts für uns", sagt die 15-Jährige Lena, die mit ihrer Freundin Lara ein Ikea-Sofa zusammenschraubt.

Es braucht langfristige Hilfe

Nicht alle Spenden wurden sofort 2021 ausgezahlt, denn die Stiftung stern prüft sorgfältig ihre Partner und Projekte vor Ort und wägt dabei ab: Was leistet der Staat? Wo kommen Versicherungen für den Schaden auf? Und wo kann die Stiftung wirklich sinnvoll helfen? Dabei unterstützt die Stiftung stern ausschließlich gemeinnützige Organisationen und keine Einzelpersonen.

Ein langfristiges Projekt startet nach den Sommerferien dieses Jahres im August mit dem Jugendamt von Eschweiler. Die Innenstadt sieht hier auch Monate nach dem Übertritt des Flüsschens Inde noch immer verheerend aus: zerstörte Gebäude, verriegelte Läden. Getroffen hat es eine der ärmsten Kommunen Deutschlands – und sie wurde in der Berichterstattung über die Flutkatastrophe beinahe vergessen. Auch in Eschweiler sind viele Kinder und Jugendliche traumatisiert, fallen in der Schule auf, kommen nicht mehr mit. Doch die Mittel der Stadt reichen bei weitem nicht aus, um sie aufzufangen und zu unterstützen. Die Stiftung stern fördert daher die Stelle einer Schulpsychologin für die nächsten drei Jahre. "Die Kinder und Jugendlichen zeigen zunehmend psychische Auffälligkeiten", sagt Michael Raida, Leiter des Jugendamts. "Durch die Beschädigung und Zerstörung von öffentlicher Infrastruktur können soziale und bildungsbezogene Angebote nicht mehr im gewohnten Umfang angeboten werden, wodurch sich soziale Problemlagen und Ungleichheiten weiter verschärfen. Die Schäden sind so immens, dass die Stadt Eschweiler auf externe Unterstützung angewiesen ist."

Es wird noch viele Jahre brauchen, bis nicht nur Brücken und Häuser wieder stehen, sondern die Menschen in den Hochwassergebieten werden noch lange unter den seelischen Folgen leiden.


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