"Deutschstunde"
Wie viel Schuld trägt der Einzelne? Zum 100. von Siegfried Lenz die Verfilmung seines größten Romans

  • von Andreas Fischer
Jens Ole Jepsen (Ulrich Noethen, rechts) ist der stolze Polizist eines friesischen Dorfs und spannt seinen Sohn Siggi (Levi Eisenblätter) in seine Arbeit ein.
Jens Ole Jepsen (Ulrich Noethen, rechts) ist der stolze Polizist eines friesischen Dorfs und spannt seinen Sohn Siggi (Levi Eisenblätter) in seine Arbeit ein.
© ZDF/Georges Pauly
Regisseur Christian Schwochow wagte sich 2019 an die Verfilmung von Siegfried Lenz' "Deutschstunde" und schuf aus dem Klassiker der deutschen Literatur eine meisterliche Parabel über Widerstand und blinden Gehorsam. 3sat wiederholt die Adaption nun anlässlich des 100. Geburtstags von Lenz.

"Deutschstunde" nannte Siegfried Lenz 1968 seinen Roman, der, gleichwohl kontrovers diskutiert, als eines der bedeutendsten Werke der deutschen Nachkriegsliteratur gilt. Ein passender Titel, weil sich der Klassiker mit dem beschäftigt, was die Deutschen im Nationalsozialismus ausmachte. Nun, da Lenz am 17. März 100 Jahre alt geworden wäre, zeigt 3sat die gelungene Adaption des Stoffes: 2019 wagte sich Regisseur Christian Schwochow daran, das Meisterwerk zu verfilmen. Es gelang – der Film wurde zum eindrücklichen Drama über Anpassung und Widerstand.

Der Polizist Jens Ole Jepsen (Ulrich Noethen) verrichtet 1943 in dem norddeutschen Kaff Rugbüll seinen Dienst: Er ist besessen davon, seine Pflichten zu erfüllen und ordnet seinem Gehorsamkeitsstreben alles unter. Dass er Befehle ausführen muss, die Unrecht sind, hinterfragt er nicht. Er funktioniert einfach und opfert dafür auch seine alte Freundschaft mit dem Maler Max Ludwig Nansen (Tobias Moretti), einem mitfühlenden, liberalen Menschenfreund und Patenonkel von Jepsens Sohn Siggi (Levi Eisenblätter).

Die Jugendfreunde haben sich auseinandergelebt – und nun will Jepsen mit aller Macht einen Befehl aus Berlin ausführen: Die Nationalsozialisten haben beschlossen, dass Nansens Kunst "entartet" sei und den Maler mit einem Berufsverbot belegt. Um dieses zu überwachen, spannt der Polizist seinen Sohn ein: Siggi taumelt zwischen Gehorsamkeit seinem Vater gegenüber und der Zuneigung zum Maler, dessen Atelier immer schon ein Zufluchtsort für ihn gewesen ist. Ausgerechnet der Junge muss Stellung beziehen in einer Zeit und vor einem Vater, die gnadenlos sind.

Geschichte wiederholt sich

"Deutschstunde" ist kein Film der vielen Worte, sondern ein Film der Beobachtungen und Entwicklungen. Christian Schwochow lässt sich und dem Publikum Zeit, in die Atmosphäre einzutauchen und den Figuren dabei zuzusehen, wie sie zweifeln und sich in inneren Kämpfe verlieren. Nur am Ende wird Schwochow hektisch, nach der Auslassung einiger Jahre der Romanhandlung fragt man sich ratlos, was Siggi antreibt, die Bilder seines Freundes zu stehlen und zu vergraben. Er hat offensichtlich einen Schalter umgelegt, warum erfährt man nicht.

Dass der Film im Dritten Reich spielt, ist im Prinzip nur eine Randnotiz. Der Ort ist der Welt entrückt, ihre Mechanismen greifen dort trotzdem. Darum ging es Lenz schon in seinem Roman, und darum geht es Schwochow jetzt noch viel mehr im Film: um das individuelle Verhalten in einer gleichgeschalteten Unrechtsgesellschaft. Wie macht sich ein einzelner Mensch schuldig, wenn um ihn herum kollektive Verbrechen begangen werden?

Gerade deshalb ist "Deutschstunde" auch Jahrzehnte nach den geschilderten Ereignissen aktuell. Regisseur Schwochow und seine Mutter Heide Schwochow, die das Drehbuch schrieb, haben den Stoff des 600-Seiten-Romans knallhart verdichtet. Was sie herausfiltern, ist eine zeitlose Essenz, in der es auch und gerade ums Jetzt geht.

Deutschstunde – Sa. 21.03. – 3sat: 20.15 Uhr

TELESCHAU