HOME

Gesperrt bis 29.5. Altersvorsorge: Nie wieder...über die Rente maulen

Deutschland, du hast Sorgen! Wer von Indien aus auf unsere Altersversorgung schaut, entwickelt plötzlich viel Gelassenheit. So wie stern-Korrespondent Teja Fiedler. Im bald bevölkerungsreichsten Land der Welt sind Söhne immer noch die beste Vorsorge für den Ruhestand.

Von Teja Fiedler

Fragen Sie mal einen indischen Handwerker nach seiner Altersvorsorge. Wenn er noch jung aussieht, wird er sich irgendwo an den Schritt greifen und sagen, daran müsse er noch heftig arbeiten. Falls er schon dem Rentenalter nahe ist, winkt er seine Söhne herbei: Das sind sie, meine Altersvorsorger. Von Rente hat er noch nie etwas gehört.

Dabei erschiene es in Indien eigentlich gar nicht so schwierig, ein umfassendes Rentensystem einzuführen. Anders als bei uns ist die Bevölkerungspyramide noch wirklich eine solche und keine Urne. Hier müssten nicht immer weniger junge Menschen ein stetig zunehmendes Heer zählebiger Alter alimentieren, die früher, anstatt ausreichend viele Kinder zu machen, sich selbst verwirklichten und jetzt einfach nicht abtreten wollen. Ein Drittel der Bevölkerung Indiens hingegen ist unter 15 Jahre jung, das heißt Einzahler gäbe es mehr als genug. Gleichzeitig liegt die durchschnittliche Lebenserwartung bei 64 Jahren, die möglichen Nutznießer sind also wenige. Doch in einem Land, in dem kaum jemand Steuern bezahlt, würde auch kaum jemand Beiträge zur Rentenversicherung abgeben, und so lässt man es halt bleiben.

Den Alternativweg zu beschreiten, den weltweit gut bezahlte Wirtschaftswissenschaftler abhängigen Lohnempfängern anempfehlen, nämlich in Eigeninitiative nebenbei so richtig was anzusparen, dazu ist der Durchschnittsinder auch nicht in der Lage bei umgerechnet rund 100 Euro Monatsverdienst. Also ist er auf die tätige Hilfe seiner Kinder angewiesen. Seiner männlichen Kinder. Denn Töchter nützen ihm nichts für den Lebensabend, im Gegenteil, es kostet ihn nur Geld, sie unter die Haube zu bringen: Oft muss der Brautvater die teure Hochzeit samt Mitgift bezahlen. Und einmal verheiratet, sind seine Töchter für die eigene Familie verloren, fortan gehören sie zum Clan des Ehemanns.

Wer eher stirbt, liegt seinen Söhnen kürzer auf der Tasche

Möchte der Pensionist es ein bisschen besser haben und sich nicht mit Linsenbrei und Masala-Tee beim ältesten Sohn bescheiden - ja, was macht er da in seiner aktiven Zeit, um sich einen Notgroschen zurückzulegen? Er kann zum Beispiel eine seiner Nieren verkaufen, das kann in Indien über 1000 Euro einbringen. Die Lebenserwartung erhöht das allerdings nicht besonders, was aber im Hinblick auf die Lasten der Altersvorsorge von Vorteil ist: Wer eher stirbt, liegt seinen Söhnen kürzer auf der Tasche. Er könnte auch sein Einkommen an der Steuer vorbeibugsieren, das würde ihn nur ein bisschen Bestechungsgeld im Finanzamt kosten. Für die meisten Inder ist allerdings dieser Weg ein rein theoretischer. Über 90 Prozent haben jährliche Einkommen unterhalb der Besteuerungsgrenze von 100.000 Rupien (rund 1500 Euro).

Was für den Großteil der Inder zutrifft, gilt jedoch nicht für den Staatsdiener in der größten Demokratie der Welt. Der wird zwar auch kärglich, aber fest bezahlt. Das soll - wie auch in Deutschland - die "unabhängige Amtsführung" fördern. Und er kriegt, wie bei uns, nach Ende seiner förderungswürdigen unabhängigen Amtsführung ein Ruhegehalt. Aber ach und weh, das sind nicht über 70 Prozent des letzten Gehalts wie hierzulande meist.

In Indien lässt der Staat seinen Diener mit Pensionsanspruch nicht verhungern, mehr aber auch nicht. Seine Pension ist dürftig. Sie reicht gerade mal fürs Überleben mit einer Reisdiät und ohne Spülklosett, und so müssen letztendlich auch hier die Söhne einspringen. Zugegeben, manche der pensionierten Beamten leben auf erstaunlich großem Fuß. Das sind dann diejenigen, die das schöne Wort von der unabhängigen Amtsführung nicht buchstabengetreu nahmen, hingegen reichlich Schmiergelder für erwiesene Dienste.

Einzelne Großunternehmen fangen im Zug der Globalisierung Indiens jetzt an, eine Art Altersversorgung einzurichten. Sie ziehen ihren Angestellten jeden Monat ein paar Hundert Rupien vom Gehalt ab und legen die gleiche Summe ihrerseits drauf - eine Rentenversicherung auf privater Basis. Viele aber begnügen sich damit, ihren Ruheständlern die Vergünstigungen weiter zu gewähren, die sie während der aktiven Zeit genossen. "Air India" etwa schenkt ihnen neben kostenloser medizinischer Betreuung Freiflüge bis zum Lebensende. Das führt dazu, dass rüstige Rentner zum Einkauf - sagen wir - eines Transistorradios nach Singapur fliegen und gleich mit der nächsten Maschine zurück. Der Trip ist ja gratis, das Geld für ein Hotel aber hätten sie nicht.

print
Themen in diesem Artikel