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Psychologie: Betrüger nutzen Börsenfrust aus

Das Misstrauen der Bürger gegenüber Banken und sinkenden Aktienkursen erleichtert Anlagebetrügern nach Experteneinschätzung wieder das Geschäft.

Die Kunden unterstellen den Banken, dass diese ihnen lukrative Geschäfte vorenthalten, "das begünstigt die Arbeit von Scharlatanen", erklärt dazu der Bamberger Psychologie-Professor Hermann J. Liebel. Vor allem die scheinbar individuelle Betreuung durch die vermeintlichen Finanzexperten schmeichelt den Opfern, erläuterte der Experte am Freitag zum Auftakt der 2. Frankfurter Anlegerschutztage.

Die gravierenden Kursverluste an den Aktienmärkten verschaffen unseriösen Finanzberatern zusätzlich Auftrieb. "Sie versprechen den enttäuschten Anlegern, ihre Verluste innerhalb von zwei Jahren wieder auszugleichen", beschreibt Liebel eine aktuelle Masche. Doch um einen Verlust von 75 Prozent wett zu machen, müssten die unseriösen Anbieter mit dem restlichen Kapital Renditen von 300 Prozent erzielen. Das sei den wenigsten der Angesprochenen bewusst.

Gelockt wird aber auch mit riskanten Warentermingeschäften oder fingierten Erbschaften, die angeblich im Ausland warteten. Doch auch auf "Klassiker" wie die so genannte Nigeria-Connection fallen Anleger nach seiner Beobachtung immer noch herein.

Übersteigertes Selbstbewusstsein

Aus Schaden werden dabei die wenigsten Geprellten klug, fand Liebel in einer Studie heraus. "Sie haben trotz allem ein übersteigertes Selbstbewusstsein und bilden sich ein, dass sie nicht noch einmal hereinfallen können." Doch die kriminelle Fantasie der Täter ist dem Sachverstand der Anleger in der Regel meilenweit voraus, zumal die Betrüger smart, seriös und selbstbewusst auftreten. "Jedes Renditeversprechen von mehr als vier Prozent sollte misstrauisch stimmen", warnt der Psychologe. In solchen Fällen kann ein Vergleichsangebot der Hausbank oder die Rücksprache mit dem Steuerberater schon helfen.

Immerhin wächst seit drei Jahren die Bereitschaft der Betrogenen, sich an einen Rechtsanwalt oder die Polizei zu wenden. Noch stärker als die angezeigten Fälle steigt aber die Schadenssumme. Nach Schätzungen von Verbraucherschützern gehen dabei jährlich Milliardenbeträge verloren. Aber noch immer ist die Dunkelziffer hoch, da viele eine Anzeige scheuten. "Damit müssten die Opfer ihr Scheitern eingestehen und das zur Schau gestellte Mitleid aus ihrem Umfeld ertragen", erklärt Liebel.

Einstieg über Bekanntenkreis

Am häufigsten geraten Anleger über den Freundes- und Bekanntenkreis in die Fänge der Vermögensvernichter. »In 50 Prozent der Fälle haben die Opfer von Bekannten erstmals von einem vermeintlich guten Angebot gehört«, berichtet Liebel. 30 Prozent werden über unaufgeforderte Telefonanrufe gelockt. "Jeder Zehnte wird über das Internet erreicht, aber der Anteil steigt extrem", sagt der Psychologe.