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Enzyklopädie: Brockhaus kapituliert vor dem Internet

Die Wälzer sterben aus: Brockhaus verschiebt sein Hauptgeschäft mit Lexika praktisch komplett ins Internet. Die Kehrtwende ist eines der bislang spektakulärsten Beispiele für die Bedrohung traditioneller Geschäftsmodelle durch das Web.

Von S. Clausen, J. Lachman, L. Knappmann, M. Lambrecht

Ab dem 15. April wird der Mannheimer Verlag seine traditionsreiche "Brockhaus Enzyklopädie" mit mehr als 300.000 Stichwörtern online kostenlos anbieten und dort über Werbung finanzieren. Auf Papier kostete die 30-bändige Ausgabe mit rund 24.500 Seiten bislang mindestens 2670 Euro. "Die 21. Auflage der Enzyklopädie war voraussichtlich die letzte - ab jetzt findet alles online statt", sagte ein Sprecher.

"Wir dachten, wir könnten in der Printwelt noch einmal richtig glänzen. Doch wir mussten einsehen, dass die Leute im Internet suchen", sagte Verlagschef Ulrich Granseyer, dessen Firma das Standardwerk seit mehr als 200 Jahren herausgibt. Stefan Portune, Geschäftsführer der Mediaagentur Initiative Media, die Unternehmen bei der Platzierung von Anzeigen berät, sagte: "Die Umstellung ist ein Meilenstein: Ein Medium stellt seine bisherige Existenzgrundlage um."

Praktisch zeitgleich starteten die Spiegel-Gruppe und Bertelsmann gemeinsam mit dem freien Onlinelexikon Wikipedia ebenfalls eine kostenlose Online-Wissensdatenbank, deren Inhalte zuvor größtenteils bezahlpflichtig waren. Bertelsmann ist indirekt Eigentümer der FTD.

Brockhaus wird es schwer haben im Internet

Die Entscheidungen der Firmen sind eine ungewöhnlich radikale Antwort auf den Vormarsch des Internets. Bislang hatten sich bedrohte Unternehmen auf die Erosion ihres Geschäftsmodells oft nur sukzessive eingestellt. So sucht die Musikindustrie immer noch nach einem tragfähigen Geschäftsmodell, nachdem ein Großteil des Musikvertriebs inzwischen im Web stattfindet. Stellen- und Gebrauchtwagenmarkt sind zu einem großen Teil genauso abgewandert wie Brancheninformationsdienste.

Traditionelle Privatkundenbanken wie Sparkassen und Volks- und Raiffeisenbanken leiden vor allem im Markt für Immobilienfinanzierungen unter dem steigenden Angebot im Internet. "Grundsätzlich sehen wir bei Transaktionen noch weiteres Potenzial, zum Beispiel werden Konsumgüter noch stärker ins Netz abwandern. Entscheidend ist, wie versiert die Verbraucher im Umgang mit dem Internet werden und ob sie Vertrauen in den entsprechenden Anbieter haben", sagte Alexander Mogg, Partner der Unternehmensberatung Roland Berger und dort unter anderem verantwortlich für Breitbandmedien.

Mit seiner Flucht ins Internet zieht Brockhaus die Konsequenz aus dem enttäuschenden Verkauf der aktuellen Ausgabe, die seit 2006 auf dem Markt ist. Das Ziel von 20.000 Exemplaren gilt inzwischen als unerreichbar; der Verlag wird 2007 mit einem Verlust abschließen. Das neue Onlineangebot wird aus Leipzig gesteuert. Brockhaus werde es schwer haben, eine für Werbende interessante Reichweite zu erzielen, weil es bereits starke Konkurrenz gebe, sagte Andreas Bahr, Partner der Mediaagentur Mediaplus.

FTD
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