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Kundenscoring: Versicherer schaffen gläserne Kunden

Nachrichtendienste fahnden mit einer Anti-Terror-Datenbank nach bösen Buben, Versicherungen haben so etwas schon lange: Jeder, der einen Vertrag abschließen will, willigt in die Weitergabe seiner Daten ein - und landet im Großcomputer.

Unehrliche Kunden sind ein echtes Risiko für jede Versicherung. Sie erschleichen sich mit falschen Angaben Leistungen, die alle Versicherten mitbezahlen müssen. Doch die Versicherungen schlagen immer härter zurück - auch mit dem Einsatz elektronischer Überwachungssysteme. Mit Hilfe der Datenbank Uniwagnis können Sachbearbeiter auf einen Informationspool zugreifen, mit dem sie Daten ihres vermeintlich schwarzen Schafs mit denen anderer Versicherer vergleichen können, berichtet die studentische Unternehmensberatung "Oscar". Mit anderen Worten: Herr Kaiser verkauft nicht nur Policen, er hat auch ein wachsames Auge auf seine Schäfchen.

Bei Auffälligkeiten gibt's die echten Daten

Und so geht's: Wenn einem Sachbearbeiter der Versicherungsfall spanisch vorkommt, gibt er die Daten des Kunden in den Computer und speist alles in das System ein. Dabei werden die Daten aus rechtlichen Gründen verschlüsselt und aus dem Versicherten Müller wird so beispielsweise der Code 1234/ABCD.

Wenn andere Versicherer ebenfalls ein Auge auf diesen Kunden geworfen und einen Versicherungsfall ans System gemeldet haben, findet sich der Code ein zweites Mal im System und die Datenbank bringt die beiden Sachbearbeiter zusammen. Jetzt allerdings wird nicht mehr über einen Code geredet, sondern über den "echten" Kunden - beide Sachbearbeiter erfahren nämlich dann den Namen und können sich über den Versicherten austauschen.

Schlimme Folgen für Schuldlose

Grundsätzlich wäre gegen ein solches System nichts einzuwenden. Doch bei dieser Art Rasterfahndung gehen auch einige Versicherte ins Netz, die dort eigentlich nichts zu suchen haben. Wer beispielsweise von einem streitlustigen Nachbarn immer wieder mit Klagen überzogen wird, landet ebenfalls als Wagnis in der Datenbank, obwohl er gar nichts gegen die Klagen machen kann und genau dafür ja eine Versicherung abgeschlossen hat.

Im schlimmsten Fall fliegt er dann nicht nur aus der bestehenden Rechtsschutzversicherung, sondern könnte auch Probleme beim Abschluss eines neuen Vertrags bekommen. Denn kein Versicherer wird einem über Uniwagnis identifizierten Prozesshansel einen Vertrag geben wollen.

Erfassung kann niemand umgehen

Umgehen kann den Big Brother der Versicherungswirtschaft niemand, wie Oscar erklärt. Bevor überhaupt ein Vertragsverhältnis oder ein Angebot zustande komme, müsse der Antragsteller seine kompletten Daten an den gewünschten Versicherer geben. Viele Kunden wüssten zudem nicht, dass sie mit ihrer Unterschrift unter dem Antrag ihr Einverständnis für die Weiterleitung der Informationen erklären - und schon liegen die Daten offen auf dem Tisch.

Umgekehrt hat niemand die Chance, die Einwilligung zu verweigern: Dann gibt es nämlich keinen Vertrag. Erst vor kurzem hatte sich der Versicherer-Lobbyverband GDV als Träger des Uniwagnis-Systems mit der Verleihung des Big Brother Award wegen "grober Verstöße gegen den Datenschutz" einen Negativ-Preis eingehandelt, berichtet die studentische Unternehmensberatung - geändert hat sich dennoch nichts.

Seehofer plant Gesetzesverschärfung

Inzwischen hat sogar Verbraucherschutzminister Horst Seehofer angekündigt, gegebenenfalls über "Gesetzesverschärfungen" nachzudenken, falls die Datenschutzbestimmungen im Bereich Kundenscoring nicht beachtet werden. Bis dahin aber bleiben Versicherungskunden gläsern - und können nichts dagegen unternehmen.

Oliver Mest/DDP / DDP