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15. Februar 2008, 10:14 Uhr

Fabergé-Eierköpfe

Vielleicht ist Ihnen das auch schon aufgefallen: Es wimmelt inzwischen von hochbegabten Kindern, kleinen Menschen von maschinenhafter Intelligenz, Hochleistungsrechnern, Alleskönnern von hohen Gnaden. Von Jan Weiler

© Kat Menschik

Ebenfalls überall anzutreffen und viel schwerer zu ertragen: Mütter von hochbegabten Kindern. Vor einiger Zeit erhielten wir zum Beispiel Besuch von einem hyperaktiven Musikgenie. Er war drei Jahre alt und bearbeitete unser Klavier mit einem Handfeger. Als ich ihn bat, damit aufzuhören, wandte seine Mutter ein, dass Fabian hochgradig musikalisch sei, das absolute Gehör besitze und gerade dabei sei, das Instrument für sich zu erschließen. Er sei bereits in der Lage, eigene kurze Stücke zu komponieren. Sie rief: "Fabi, erfinde doch mal ein Lied für die Mama." Fabi erklomm den Klavierhocker und hieb auf die Tasten. Es klang wie Karlheinz Stockhausen, der zwei Wochen nicht geschlafen und danach einen Liter Espresso getrunken hat. "Unglaublich, oder?", rief seine Mutter, und ich fand, sie hatte recht.

An einem anderen Tag saß eine verzweifelte Mutter in unserer Küche und jammerte. Friedrich sei überkomplex und wahnsinnig sensibel. Man wisse überhaupt nicht, auf welche Schule man ihn schicken solle und ob er nicht gleich zwei Klassen überspringen müsse, und sozial seien Kinder wie er so gefährdet, denn die anderen seien ständig neidisch auf ihn, und das mache ihn aggressiv. Ich hatte ihren Spross bisher für einen normalblöden Soziopathen gehalten, so kann man sich irren. Getestet habe man seine Intelligenz bisher noch nicht, aber sie liege eindeutig bei 150 Punkten oder höher. Man wisse überhaupt nicht, wo er das herhabe, und es sei ein Wunder, mit dem man sorgsam umgehen müsse. Es klang, als wäre der Knabe ein Mensch gewordenes Fabergé-Ei.

Auf meine Frage, worin seine besonderen Talente lägen, entgegnete sie, er sei ein Mathe-Genie. Ich gab mich beeindruckt. Dann sagte sie: "Das Geniale an ihm ist, dass er genau weiß, dass er das mit vier Jahren eigentlich noch gar nicht können kann. Deswegen tut er so, als könnte er überhaupt nicht rechnen."

"Er verheimlicht sein Talent?", fragte ich. "Genau", raunte sie. "Wir sollen glauben, er könnte überhaupt nicht rechnen, aber in Wirklichkeit rechnet er die ganze Zeit, sogar nachts."

Von so etwas hatte ich noch nie gehört. Aber ich habe auch von wahrem Genie keine Ahnung. Es gibt ja Leute, die rasten aus, wenn man im Gespräch die Buchstaben- und Zahlenkombination Le6 Tb2 fallen lässt. Mir treibt das nicht den Blutdruck hoch, aber es handelt sich dabei um den 38. Zug der berühmten 21. Schachpartie zwischen Boris Spasskij und dem kürzlich verstorbenen Bobby Fischer bei der Schachweltmeisterschaft 1972. Ich fragte die verhärmte Genie-Mutter, ob der Kleine vielleicht auch noch Schach spielen könne, und sie antwortete im Flüsterton: "Und wie. Er zieht allerdings nach eigenen Regeln. Das normale Schach ist ihm wohl nicht schwer genug."

Das wollte ich natürlich sehen. Ich baute eine Partie auf, und wir setzten Friedrich ans Brett.

Allerdings fehlte ein gleichaltriger Gegner. Ich rief also unseren Nick. Er ist fünf Jahre alt und spielt bisher mit Playmobil- Figuren. Er kam und fragte: "Was ist das für ein Spiel?" Ich sagte: "Das ist Schach. Es geht darum, alle Figuren des Gegners zu schlagen, bis er keine mehr hat." Weiter kam ich nicht. Nick machte ein Geräusch, als habe er ein Laserschwert eingeschaltet. Dann nahm er seinen Playmobil- Ritter und fegte in Windeseile alle weißen Figuren vom Brett, danach die schwarzen. Nick begleitete das Gemetzel mit seinem Lieblingslautmalwort. Bei jeder Figur, die er durch die Küche schoss, rief er: "Duschsch." Als er fertig war, brüllte er: "Gewonnen!" und raste zurück in sein Zimmer. Friedrich und seine Mutter gingen bald darauf nach Hause. Ich bin seitdem etwas irritiert. Unser Sohn hat sofort begriffen, worum es im Schach geht. Ich glaube, nein: Ich bin sicher: Unser Sohn ist hochbegabt.

Gefunden in ... Stern Stern
Ausgabe 07/2008

Von Jan Weiler
 
 
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