Dass der Transatlantik-Liner Titanic bei seiner Jungfernfahrt als schönstes und größtes Passagierschiff der Welt galt, weiß heute jedes Kind. Vor allem galt das Schiff als unsinkbar, es war ein Wunderwerk der Ingenieurskunst. Dennoch sank das Schiff am 14. April 1912, als es um 23.45 Uhr mit einem Eisberg im Nordatlantik kollidierte und zwei Stunden und 45 Minuten später zerbrach. 1.496 Menschen von insgesamt 2.208 Passagieren und Besatzungsmitgliedern verloren ihr Leben. Wer glaubt, die Geschichte der Titanic sei längst auserzählt, sieht sich mit der vierteiligen ARTE-Dokumentation "Titanic – Die Nacht der Katastrophe" (20.15 bis 00.10 Uhr am selben Abend) eines Besseren belehrt.
Zeugen vom Schiffsoffizier bis zur Dritte-Klasse-Passagierin geben in Tagebüchern, Briefen und nachmaligen Interviews Auskunft über das von ihnen Erlebte. Mittels Reenactment-Nachstellungen wirken sie mitunter wie Wiedergänger von Verstorbenen. Die Heizer von damals, die den plötzlichen Wassereinbruch erlebten, die Offiziere, die ungläubig dem Schicksal trotzten, die Emigrantin aus der dritten Klasse und der 17-Jährige aus der Oberschicht schildern das Erlebte glaubhaft, sodass man über die sparsam eingesetzten Modellbauten gerne hinwegsehen kann.
Selbst die Besserwisser, die nach Jahrzehnten Fehler bei der Katastrophenbewältigung nachzuweisen versuchen, werden durch minutiöse Genauigkeit in die Schranken gewiesen. Jeder hat das Unglück in einem bestimmten Moment aus einer anderen Perspektive erlebt. Jede spätere Schuldzuweisung wirkt schwierig. Der Funker auf der nahen "California" schlief bereits und nahm die SOS-Signale nicht auf, die Kommunikation auf dem Schiff selbst, von den Maschinenräumen bis zur Schiffsbrücke, funktionierte schlecht, schließlich spielte auch noch die Selbsttäuschung ("Der Aufprall war hart, aber wir dachten, wir überleben das!") eine Rolle. Nicht zu reden von der Überforderung bei der Flucht in den Rettungsbooten, nach Gesellschaftsklassen und Geschlechtern geteilt und rücksichtslos gehandhabt bis hin zu Erschießungen.
Trotzdem setzt die in Irland produzierte XXL-Doku nicht spekulativ auf allbekannte Sensationen, sondern auf größtmögliche Genauigkeit. Die kommt allerdings auch an ihre Grenzen. "Man kann es nicht beschreiben. Es war einfach schrecklich", sagt eine der Zeuginnen des Untergangs irgendwann unter Tränen.
Titanic – Die Nacht der Katastrophe (1) – Sa. 04.04. – ARTE: 20.15 Uhr