Editorial Blick auf Deutschland


Liebe stern-Leser!

NEON, das Magazin für junge Erwachsene vom stern, erscheint am kommenden Montag mit der Titelgeschichte "So sind wir". Es ist ein umfangreiches Porträt der Deutschen im Alter zwischen 18 und 30 Jahren. Jener Altersgruppe, die nicht nur Trends schafft und neue Stile, sondern die auch die künftigen Entscheider stellen wird.

Was junge Erwachsene denken und hoffen, wovon sie träumen, was sie vorantreibt, all das lässt heute ahnen, wie Deutschland morgen aussehen wird. Um sich ein präzises Bild von dieser Generation machen zu können, haben stern und NEON dazu eine große repräsentative Umfrage durchführen lassen. Die wichtigsten Ergebnisse veröffentlichen wir von Seite 22 an.

Verdichtet spiegeln sie sich in der Titelzeile "Generation Zuversicht". Zwar bezeichnet die Mehrheit der Befragten die Stimmung im Land als "niedergeschlagen" und "pessimistisch" - sie selbst dagegen strotzen vor Optimismus. Ziemlich brav stellen sie sich dar, manche ihrer Eltern würden wohl sagen: enttäuschend spießig! Ihre Vertrauenspersonen suchen sie sich im engsten Umfeld; an erster Stelle stehen die Eltern, gefolgt von Freunden und Geschwistern. Statt subversiv-rebellisch zu sein, akzeptieren sie gelassen das Etikett "unpolitisch": 81 Prozent der Befragten verständen es nicht als Beleidigung, so bezeichnet zu werden.

Vermutlich ist das die Antwort der jungen Pragmatiker auf ihre unerfüllten Erwartungen an die Politik. Sie wollen, dass Politik tatsächlich verändert und nicht nur über Veränderungen debattiert. Stillstand, Auszeit, Pause, das passt nicht in die Lebensentwürfe derer, die mitunter vier Sprachen sprechen und glänzende Zeugnisse vorweisen können. Das Label "unpolitisch" bedeutet dabei nicht, dass den Jungen gleichgültig wäre, was das Kabinett in Berlin entscheidet. Sie verlangen aber, dass sich Politik an den Risiken der Zukunft orientiert - es ist schließlich ihre Zukunft.

Nächste Woche beginnt in Hamburg der Prozess gegen die Eltern der siebenjährigen Jessica, die in ihrem zugesperrten Kinderzimmer verhungert ist. Der stern hat Aufnahmen von dem toten Kind und dem Ort seines Leidens erhalten. Einige von ihnen veröffentlichen wir. Weil wir zeigen wollen, was in Deutschland weitaus häufiger geschieht, als es viele wahrhaben wollen: die Verwahrlosung und Misshandlung von Kindern. Weil wir wachrütteln wollen. Und weil wir den Fall Jessica einbetten in das Porträt einer Frau, die mit solchen Schicksalen so vertraut ist wie kaum jemand sonst: die Polizistin Gina Graichen, Leiterin des Berliner Kommissariats gegen "Delikte an Schutzbefohlenen".

Kinder haben ein Recht auf Essen, Trinken, Gesundheit und gewaltfreie Erziehung. Sie können dieses Recht nicht selbst durchsetzen. Deshalb muss es der Staat für sie tun, dort, wo Eltern versagen. Eltern, die Hilfe verweigern oder nicht erkennen, dass sie Hilfe brauchen. Eltern, die sich in Monster verwandeln. Niemand will Bevormundung und Erziehungsschnüffelei. Aber ist es wirklich unzumutbar, Eltern beispielsweise zu verpflichten, ihr Kind wenigstens ein-, zweimal im Jahr einem Arzt zu zeigen? Der Staat unterschätzt seine Bürger. Die meisten würden solch eine Maßnahme wohl in Kauf nehmen, wenn sie wüssten, wie viele Kindern sie damit vor umfassbarem Elend bewahren könnten, vor dem Schicksal: "Von den Eltern misshandelt" (Seite 50).

Herzlichst Ihr

Andreas Petzold

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