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Editorial: Das betäubte Gesundheitssystem

Liebe stern-Leser! Blicken Sie noch durch? Haben Sie eine Ahnung, wie unser Gesundheitssystem funktioniert?

Liebe stern-Leser!

Blicken Sie noch durch? Haben Sie eine Ahnung, wie unser Gesundheitswesen funktioniert? Die stern-Serie, die in diesem Heft beginnt, soll Ihnen helfen, das Chaos zu durchschauen. Welche Regeln gelten in der Schildbürgerwelt, in die wir uns begeben müssen, wenn wir krank sind? Die Serie ist eine Reise nach Absurdistan. In der ersten Folge zeigen Georg Wedemeyer und Lorenz Wolf-Doettinchem die Hilflosigkeit der Politik, sich den ernsten Problemen ehrlich und entschlossen zu stellen (Seite 88 der Printausgabe). Anschließend beschreibt stern-Autor Walter Wüllenweber, wie die Firma „Arztpraxis“ ihr Geld verdient und warum Haus- und Fachärzte viele eigentlich gesunde Patienten brauchen, um wirtschaftlich erfolgreich zu sein (Seite 98 der Printausgabe). In der nächsten Woche eröffnen wir einen Blick hinter die Kulissen der Krankenhäuser. Danach erklären wir, wie Krankenkassen und Kässenärztliche Vereinigungen in ihren Verwaltungen Milliarden verschwenden. In der letzten Folge beleuchten wir die Pharmaindustrie, die ihre Medikamente in Deutschland erheblich teurer verkauft als in anderen Ländern. Die Probleme, die unsere Reporter in den verschiedenen Bereichen des Gesundheitswesens beschreiben, sind oft sehr unterschiedlich. Gemeinsam ist jedoch allen, Ärzten, Patienten, Bürokraten in den Verwaltungen und der Pharmaindustrie: Keiner will sparen. Aber alle müssen sparen. Seit fast zwei Jahren turnt Gesundheitsministerin Ulla Schmidt nun schon zwischen den Interessengruppen herum und verteilt Beruhigungszäpfchen. Vor der Bundestagswahl sollte auf keinen Fall Unruhe aufkommen. Aber schon lange ist klar: Es bleibt uns nur noch ein kleines Zeitfenster. Wir müssen jetzt umsteuern. Mittlerweile zahlt nur noch die Hälfte der 70 Millionen gesetzlich Krankenversicherten volle Beiträge. So kann die solidarische Medizinversorgung nicht überleben. Es sei denn, die Beitragssätze würden auf der nach oben offenen Arbeitskosten-Skala weiter fröhlich steigen. Bei der Reformkommission, die nun einberufen werden soll, wird herauskommen, was Experten schon lange vorschlagen: eine Grundversicherung für alle, um das Risiko Krankheit abzudecken (Unfälle, Krankenhausaufenthalte, schwere Krankheiten). Wer Vollkasko will, muss zuzahlen. Das ist vor allem für Sozialdemokraten eine bittere Wahrheit, und da ist es besser, sich wieder hinter einer Kommission zu verstecken.

Herzlichst Ihr

Andreas Petzold