Noah Wyle erzählt diese Geschichte, als könne er sie selbst nicht glauben. Ein kurzes, verlegenes Lächeln, dann dieses Kopfschütteln, das sagt: Ist das wirklich passiert?
Während der Coronapandemie, sagt er, erreichten ihn immer mehr Mails aus Krankenhäusern. Von Ärzten, Pflegern, Ersthelfern. Es waren Berichte über Erschöpfung, manche getippt zwischen zwei Schichten. Eine Nachricht bestand nur aus einem Satz: "Wir könnten Carter hier draußen wirklich gebrauchen."
John Carter – das war die Fernsehrolle, die Wyle über mehr als ein Jahrzehnt in der Erfolgsserie "Emergency Room" gespielt hatte. Ein Assistenzarzt, dem ein Millionen-publikum dabei zusah, wie er lernte, Fehler machte und Schritt für Schritt (und Schnitt für Schnitt) mehr Verantwortung übernahm.
Warum "The Pitt" anders ist
Wyle, heute 54, sagt, dieser Satz habe ihn geehrt und irritiert. Geschmeichelt habe er sich gefühlt und im selben Moment hilflos. Er sei kein Arzt, sagt er. Er könne keine Schicht übernehmen, niemanden retten. Aber dieses Vertrauen einfach stehen zu lassen, habe sich ebenso falsch angefühlt.
Er habe sich gefragt, sagt Wyle, worin seine Verantwortung in diesem Moment bestehe. Seine Antwort darauf ist die neue Krankenhausserie "The Pitt", in der er den Notaufnahme-Arzt Dr. "Robby" Robinavitch spielt. Der Handlungsort: eine Riesenklinik in Pittsburgh, Pennsylvania. Für Wyle ist die Serie kein Trostangebot, sondern eine Form der Anerkennung all jener, die im medizinischen Alltag an ihre Grenzen gehen. "Wir zeigen, was diese Menschen durchmachen", sagt er, "und wir erzählen es nicht leichter, als es ist."
"The Pitt" läuft fast in Echtzeit ab: Eine Staffel erzählt eine einzige Schicht, Stunde für Stunde. Patienten werden hereingeschoben, weitergereicht, liegen gelassen. Monitore piepen, Telefone klingeln, hinten schreit jemand. Ärzte und Pfleger entscheiden im Gehen, im Vorbeilaufen. Niemand setzt sich hin, um etwas zu erklären. Niemand weiß, ob es reicht. Ein Patient wird entlassen, nicht weil er gesund ist, sondern weil der Platz für neue Notfälle gebraucht wird.
So zeigt die Serie, wie es sich anfühlen muss, in einem überlasteten Gesundheitssystem zu arbeiten. "The Pitt" ist damit ein Realitätsschock verglichen mit jenen Krankenhauswelten, die hierzulande erfolgreich sind. Serien wie einst "Die Schwarzwaldklinik" und heute "In aller Freundschaft" erzählen Medizin als Ort der Ordnung und des Happy Ends. Sie wirken oft wie ein Märchen, das mit dem Alltag vieler Ärzte und Pflegekräfte nichts mehr zu tun hat.
Wyle nennt das, was "The Pitt" zeigt, "moral injury", eine moralische Verletzung. Gemeint ist nicht nur Überarbeitung oder Erschöpfung, sondern etwas anderes: der Moment, in dem Ärzte wissen, was richtig wäre, und dennoch anders handeln müssen. Nicht aus Inkompetenz, sondern weil das Gesundheitssystem keinen Raum lässt.
Für Wyle liegt darin die Bedeutung dieser Serie. Er habe keine Lust gehabt, noch einmal einen Arzt zu spielen, der alles im Griff hat, sagt er. Ihn habe interessiert, was mit Menschen passiert, die kompetent sind und trotzdem scheitern. "Man kann als Arzt heute jeden Tag mit den besten Absichten zur Arbeit gehen", sagt er, "und trotzdem reicht es nicht." Das sei keine persönliche Niederlage, sondern eine strukturelle.
Arbeiten am Limit, wenn es um Leben und Tod geht
Heute schreiben ihm manchmal wieder Ärzte und Pfleger. Anders als während der Pandemie. Sie meldeten sich, weil sie sich in "The Pitt" wiedererkennen. Weil sie Grenzsituationen sehen, die ihnen vertraut sind. Diese Rückmeldungen empfinde er nicht als Bestätigung, sondern als Erleichterung. "Dann weiß ich", sagt Wyle, "dass wir ehrlich erzählt haben."
Für ein paar Tage ist er in Berlin und gibt Interviews. Vielleicht, sagt er, finde sich noch etwas für seine Sammlung. Er sammelt medizinische kuriose Artefakte: Glasaugen aus dem 19. Jahrhundert oder alte Handprothesen. Seine Frau nehme das mit Humor. Sie sagt, sein Arbeitszimmer sehe inzwischen aus wie das von Russell Crowe in "A Beautiful Mind".
Hat ihn die jahrelange Beschäftigung mit Medizin klüger gemacht? Wyle lächelt. Nein, wenn es um die eigene Gesundheit gehe, sei er so nachlässig wie viele Ärzte selbst. Seine Frau muss ihn drängen, Check-ups beim Arzt zu machen. Und auf schnelle Versprechen sei er auch hereingefallen: Er habe ein ganzes Zimmer voller Bauch-weg-Geräte besessen, und keines davon habe gehalten, was es versprach.