"Hitlers französische Soldaten"
Ein weithin verdrängtes Kapitel der französischen Geschichte

  • von Hans Czerny
Parade der ersten französischen Freiwilligen in Deba, Polen, im Herbst 1941: Sie wollten dem "bolschewistischen Ungeheuer" an den Kragen.
Parade der ersten französischen Freiwilligen in Deba, Polen, im Herbst 1941: Sie wollten dem "bolschewistischen Ungeheuer" an den Kragen.
© ARTE / Archives du Rhône
"Hitlers französische Soldaten", der Film des jungen französischen Historikers Jean Bulot, schlägt ein ebenso schmerzliches wie weithin verdrängtes Kapitel der französischen Geschichte auf: den Einsatz freiwilliger französischer Soldaten im Osten und die damit verbundenen Gräueltaten.

Ab 1941, nach der Besetzung Frankreichs, ließen sich mehrere tausend Franzosen vom rechtsgerichteten Regime rekrutieren, um gegen den Bolschewismus und das Judentum im Osten zu kämpfen. Sie folgten der faschistischen Propaganda ultrarechter Kollaborateure und marschierten nach kurzer Ausbildung in Polen, Weißrussland und Russland ein. Als Mitglieder der "Légion des volontaires français" (LVF) waren die etwa 3.000 Soldaten – nicht zu verwechseln mit den zwangsrekrutierten Elsässern – an Kriegsverbrechen und an der Ermordung der jüdischen Bevölkerung im Osten beteiligt. "Hitlers französische Soldaten" lautet der Titel der Dokumentatiojn bei ARTE, die sich des Themas annimmt. Lange verdrängt oder gar mystifiziert, kann der französische Historiker Jean Bulot anhand von Holocaust-Archiven, militärischen und juristischen Aufzeichnungen, aber auch seltenen Tagebüchern die wahre Geschichte der "französischen Soldaten im Dritten Reich" (Originaltitel) hier erzählen.

80 Jahre nach Kriegsende kommt vieles zum Vorschein, was von Augenzeugen und Tätern "ein Leben lang" verdrängt oder beschönigt wurde. Anlass für den Film war dabei das Buch "Ein gewöhnlicher Vater" des Journalisten Philippe Douroux, der darin die Geschichte seines damals unter den Nazis dienenden Vaters erzählt. "Wahrscheinlich war da mein Vater dabei", sagt Douroux im Film, während die Archivbilder eine 1943 neuerlich zusammengerufene massenhafte nationalistische Kundgebung inmitten der französischen Hauptstadt zeigen.

Die Freiwilligen, die zunächst in Lagern in Polen ausgebildet wurden und am 18. Oktober 1941 die polnisch-russische Grenze überschritten, wollten an der Vernichtung des "bolschewistischen Ungeheuers" mitwirken und hatten das Gefühl, "Teil von etwas Großem" zu sein. Die Wirklichkeit sah allerdings anders aus. Es galt zunächst die Einsatzgruppen hinter der Front bei deren "Säuberungen" zu unterstützen, in einem mit Naziideologie fundierten rechtsfreien Raum. Es gab täglich Erschießungen. an den Bäumen hingen gehenkte Partisanen wie Trophäen.

Es ist eine Geschichte der Verblendung und des Fanatismus, die hier unterbreitet wird. Danach kamen Ernüchterung und Schweigen. Die nur unzulänglich ausgebildete Freiwilligenfront wurde vor Moskau zerschlagen, viele hatten Typhus, ihre Finger und Füße waren erfroren. Bei Kriegsende gab es später die Verurteilung von Kollaborateuren, aber auch Amnestiegesetze für einfache Soldaten. Ein besonderer Mythos rankte sich um die Freiwilligen, die in der SS-Brigade "Charlemagne" ("Karl der Große") angeblich als Letzte den Berliner Führerbunker verteidigten.

Inzwischen vertreten Historiker und Investigativjournalisten die Zeugen von einst. Dass diese zu Lebzeiten in ihren Berichten die eigene Beteiligung und Schuld verschwiegen, macht es auch dieser Dokumentation nicht leicht. Es entsteht eine gewisse Kommentarlastigkeit, die den Betrachter leicht überfordern kann. Aber damit muss und kann man leben.

ARTE zeigt die zweiteilige Dokumentation aus dem Jahr 2024 als Erstausstrahlung. Darin schließt sich um 22.15 Uhr der Dokumentarfilm "Stalingrad – Stimmen aus Ruinen" von Artem Demenok an.

Hitlers französische Soldaten (1/2) – Di. 17.03. – ARTE: 20.15 Uhr

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