Den Alkoholexzess zum Thema eines Films zu machen, der nicht als moralisierendes Trinkerdrama inszeniert ist, sondern als Tragikomödie, das kann man durchaus problematisch finden. Da der dänische Regisseur Thomas Vinterberg für "Der Rausch" (2020) verantwortlich zeichnet, relativiert sich dieser Eindruck jedoch schnell. Selbst in seinem nachhaltig verstörenden "Dogma 95"-Film "Das Fest" (1998) fand er noch Raum für Humor. Gerade das scheinbar Komische verdeutlicht bei ihm das Ausmaß der Tragik umso stärker. 3sat wiederholt "Der Rausch" am späten Samstagabend.
Alles beginnt mit einem Experiment befreundeter Lehrer in der Midlifekrise, die mit privaten und beruflichen Problemen kämpfen. In der Ehe von Martin (Mads Mikkelsen) ist die Luft raus, ebenso in seinem Job. Nicht viel besser geht es Tommy (Thomas Bo Larsen), Nikolaj (Magnus Millang) und Peter (Lars Ranthe). Bei einem Restaurantbesuch berichtet Nikolaj von der Theorie des norwegischen Psychiaters Finn Skårderud, nach welcher der Mensch mit einem konstanten Pegel von 0,5 Promille leistungsfähiger, lockerer und selbstsicherer sei. Kurz: Die Welt lasse sich angetrunken besser ertragen. Die Freunde beschließen, das Experiment zu wagen.
Oscargekrönte Entdeckungsreise
Die positive Wirkung scheint die Theorie zu belegen. Das Quartett hat wieder mehr Spaß, reißt seine Schüler mit. Erfolgserlebnisse und Glücksmomente lassen es mutiger werden. Aber auch übermütig. Man sieht die erwachsenen Männer hemmungslos saufen, lachen, tanzen und herumalbern. Um den von Vinterberg gewünschten Slapstick zu erreichen, mussten sich die Schauspieler "gelegentlich wirklich betrinken", Videos stockbetrunkener Russen dienten der Vorbereitung, verriet Mads Mikkelsen.
Doch auf den Glücksrausch folgt der Kater. Der Film hätte hier leicht zum moralischen Lehrstück werden können. Aber Vinterberg und sein Co-Autor Tobias Lindholm wollen weder belehren noch provozieren. Es gehe nicht einfach um Alkohol, so Vinterberg. Die Geschichte sei eine Entdeckungsreise und Studie über "die Kunst, zu leben und das Leben zu meistern". Auch das Älterwerden, Freundschaft, Männlichkeit und das Unkontrollierbare im Leben sind Themen des meisterhaften Films, der mit dem Oscar und zahlreichen weiteren Preisen ausgezeichnet wurde.
Star von "Der Rausch" ist zweifellos Mads Mikkelsen, der mehr Charisma im kleinen Finger zu besitzen scheint als alle amerikanischen Hollywoodstars zusammen. Allein wie er im Restaurant mit minimaler Mimik die Gebrochenheit Martins offenbart, ist an Brillanz schwer zu überbieten. Dem ausgebildeten Tänzer gehört auch die mitreißende, ekstatische Schlussszene des Films, eine Ode an das Leben, zur Musik der dänischen Band Scarlet Pleasure: "What a life, what a night, what a beautiful, beautiful ride ... f..ck what they are saying, what a life." – "Was für ein Leben, was für eine Nacht, was für ein wunderschönes Erlebnis ... sche..ß drauf, was sie sagen, was für ein Leben!"
"Der Rausch" – Sa. 14.02. – 3sat: 23.15 Uhr