Ein Pazifist im Krieg – Tagebuch eines ukrainischen Soldaten
Einmal Paradies – Hölle – und zurück

  • von Wilfried Geldner
Der ukrainische Künstler und Filmemacher Dmytro Dokunov dokumentiert nicht nur das Grauen des Krieges, sondern vor allem, wie sich seine Innenwelt verändert.
Der ukrainische Künstler und Filmemacher Dmytro Dokunov dokumentiert nicht nur das Grauen des Krieges, sondern vor allem, wie sich seine Innenwelt verändert.
© Phalanstery Films / Dmytro Dokunov
Vier Jahre nach Kriegsbeginn am 24. Februar 2022 rekapituliert ARTE in mehreren Filmen den Verlauf des Krieges. Wirklich Nähe stellt sich mit dem spät gesendeten "Tagebuch eines ukrainischen Soldaten" ein.

"Putins Krieg" eins und zwei (ab 20.15 Uhr), "Selenskyj – Das entscheidende Jahr?" (ARTE / RBB, 22.05 Uhr), der fortdauernde Kampf um Rückhalt wider das europäische Vergessen – alles schön und gut. Aber das alles geht eben nicht über die Aktualität des Tages hinaus. Es sind Storys und Nachrichten, die medial zur Gewöhnung führen. Ganz anders, weil sehr persönlich, ist da die 90-minütige Dokumentation des ukrainischen Regisseurs Oleksandr Tkachenko. Und das, obwohl sie in die Jahre 2022 und '23 zurückführt. Tkachenko, der sich selbst filmt und aus seinem Tagebuch vorträgt, will den Krieg nicht, er will Frieden, und er liebt die Natur. Doch er stellt sich, als er den Gestellungsbefehl erhält. Er will wissen, was das heißt: in den Krieg zu ziehen. Und er macht das in dieser Dokumentation mehr als deutlich.

Dass er dabei mehrfach seinen Lehrmeister, den indischen Gott Krishna, zitiert, davon braucht man sich nicht abschrecken zu lassen. In dessen Gedanken kommt nicht zuletzt auch die Selbstverteidigung vor, zuerst und vor allem allerdings die Bedeutung der Liebe. Tkachenko beobachtet sich selbst. Er sprich in ruhigen, langsamen Sätzen aus dem Off und zeigt dabei, wie sich sein Selbst trotz der getöteten Freunde, die ihm irgendwann als Kompaniechef anvertraut wurden, gegen die übermächtig werdende Abstumpfung wehrt. "Wie schafft man es, seine Seele zu bewahren, ohne abzustumpfen?" – Das ist die für ihn entscheidende Frage.

Ursprünglich hatte er mit Gleichgesinnten in seiner Heimat einen Sehnsuchtsort bauen wollen – mit Yoga, Werkstätten und Duftgärten. Jetzt beobachtet er, wie er in den nicht gewollten Krieg hineingezogen wird, wie erste Kameraden sterben, wie es noch eine Weile gelingt, untereinander die Angst mit Humor zu besiegen, und wie ihm schließlich der Glaube an das Schöne entgleitet. Eine Kopfverletzung – er landet im Lazarett – rettet ihn schließlich vor dem vollständigen Verlust seiner Persönlichkeit. Am Ende kehrt er zurück in sein Dorf, aber die Seele zurückzugewinnen, braucht Zeit.

Seine Reise führt ihn in die Hölle – und zurück. "Ich fühle mich wie in einem Actionfilm", sagt er zu Beginn im Ausbildungslager seines Aufklärungsbataillons, später träumt er beim Einschlag der Granaten davon, "in einem Theaterstück oder in einem Hörspiel" zu sein. Mehr noch als das Töten, das ist hart, treibt ihn das schlechte Gewissen als Anführer der gefallenen Kameraden um.

Gegen den Lärm des Krieges setzt Tkachenko, selbst Antiheld und Regisseur in einer Person, in kreisförmigen Einblendungen immer wieder Bilder aus der Natur. Es ist der leiseste, persönlichste Kommentar zum Krieg, der sich vorstellen lässt. Allzu plakativ politisch erscheint jedoch der Gegensatz von "Pazifismus" und Krieg, den der Titel suggeriert. Dieses Langzeitprojekt, an dem viele Firmen und Sender (unter anderem der BR) beteiligt waren, ist in seiner ungebrochenen Ehrlichkeit ein kleines Wunder, das viel mehr als nur die Ausstrahlung um Mitternacht verdient.

Ein Pazifist im Krieg – Tagebuch eines ukrainischen Soldaten – Di. 17.02. – ARTE: 23.05 Uhr

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