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Dokumentation

Original-Artikel aus stern 18/1983: Wie Sternreporter Gerd Heidemann die Tagebücher fand

Anmerkung der Redaktion: Bei diesem Artikel handelt es sich um einen Original-Beitrag, der die Affäre um die Hitler-Tagebücher auslöste. Dabei veröffentlichte der stern am 25. April 1983 die angeblichen Tagebücher von Adolf Hitler, die sich wenige Tage später, am 6. Mai 1983, als Fälschung herausstellten. Dieser Artikel basiert auf den gefälschten Tagebüchern. Er wird hier lediglich als Dokument der Zeitgeschichte veröffentlicht und dient nicht als Informationsquelle über Adolf Hitler und den Nationalsozialismus. 

Der Artikel über den Fund der Hitler-Tagebücher beginnt mit einer ausführlichen Fotostrecke

So beginnt der Artikel, der die Affäre um die Hitler-Tagebücher auslöste.

Am Montag, dem 13. Oktober 1980, wählt der STERN-Reporter Gerd Heidemann die Telefonnummer 0 30/ 41 90 40 in Berlin-Reinickendorf. Bei der früheren Wehrmachtsauskunftsstelle (WASt), heute "Deutsche Dienststelle für die Benachrichtigung der nächsten Angehörigen von Gefallenen der ehemaligen deutschen Wehrmacht", erkundigt er sich nach dem Schicksal des Fliegermajors Friedrich Anton Gundlfinger.

  Heidemann erfährt: Der Offizier ist am 21. April 1945 bei Börnersdorf, südöstlich von Dresden, gefallen.

  Mit dieser Anfrage begann eine Spurensuche, die zweieinhalb Jahre dauerte. An ihrem Ende steht eine historische Sensation: die Entdeckung der geheimen Tagebücher Adolf Hitlers.

Dokumentation: Die Hitler-Tagebücher im stern 18/1983
Das Cover des stern 18/1983, erschienen am Montag, den 25. April 1983. Der Erstverkaufstag wurde kurzerhand vorgezogen. Auf dem Titelblatt ist der ursprüngliche Erscheinungstermin abgedruckt (Donnerstag, 28. April).

Das Cover des stern 18/1983, erschienen am Montag, den 25. April 1983. Der Erstverkaufstag wurde kurzerhand vorgezogen. Auf dem Titelblatt ist der ursprüngliche Erscheinungstermin abgedruckt (Donnerstag, 28. April).

  Nach der Auswertung der Tagebücher, mit deren auszugsweisem Abdruck der STERN im nächsten Heft beginnt, muß die Biographie des Diktators und die Geschichte des Dritten Reiches in großen Teilen neu geschrieben werden.

  In der Zeit vom 22. Juni 1932 bis Mitte April 1945 — die letzte Eintragung ist nicht datiert — hat Adolf Hitler 60 Bände geschrieben. Außerdem je einen Sonderband über den England-Flug von Rudolf Heß, seinem Stellvertreter in der Partei, und über das Attentat vom 20. Juli 1944.

  Hitler schrieb seine Notizen in einfache Kladden im DIN-A4-Format, mit schwarzem Kunstlederdeckel, auf liniertes Papier. Die Bände haben bis 1938 Aufkleber mit dem handschriftlichen Vermerk "Eigentum des Führers, immer unter Verschluß halten". Die Beschriftungen stammen von Rudolf ließ, später von Reichsleiter Martin Bormann. Die Bände sind unterschiedlich dick, sie haben mal fünfzig, mal bis zu hundert Seiten Umfang. Meist umfassen sie einen Zeitraum von zwei bis vier Monaten. Bis zum Januar 1939 tragen die Bände eine Banderole aus abgeschnittenen Briefköpfen mit dem Aufdruck "Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei — Reichsleitung". Danach sind sie verschnürt und mit Reichsadler und Hakenkreuz versiegelt. Zwei tragen ein doppeltes Siegel: der Heß-Band und der über das Attentat auf Hitler.

  Die Bücher sind gut erhalten. Einige haben einen gelblich verfärbten Rand. Hitler hat die Eintragungen handschriftlich gemacht, mit schwarzer Tinte, und die meisten Seiten sorgfältig signiert.

  Der Führer schrieb emsig: von 1932 bis 1939 fast täglich sachliche Notizen ("Rede vor SA- und SS-Männern im Zirkus Krone in München", 24. Juni 1932), am Monatsende unter der Rubrik "Persönliches" oder "Privates" eine Zusammenfassung mit Kurzkommentaren.

  Von Kriegsbeginn an werden die täglichen Lagenotizen ausführlicher und persönlicher, vermischen sich Fakten und Meinung immer stärker. Am 20. Mai 1940 schreibt Hitler, noch immer an Friedensverhandlungen mit den Briten interessiert, über das in Dünkirchen eingekesselte Expeditionskorps: "Die Engländer machen mir einige Kopfzerbrechen, soll ich sie nun laufen lassen oder nicht. Wie reagiert dieser Churchill darauf?`

  Bis in die ersten Kriegsjahre hinein ist Hitlers Schrift engstehend und gerade. Später wird sie kleiner und immer flüchtiger, die Abstände zwischen den einzelnen Wörtern werden größer. Nach dem Attentat vom 20. Juli 1944 ("Ich kann heute nur sagen, diese Leute waren Stümper") halten seine Notizen die vorgegebenen Linien nicht mehr ein und fallen zum Rand hin ab. Viele Sätze sind nun schwer leserlich, die Eintragungen nur noch flüchtig datiert ("Ende Februar"). Der letzte Vermerk lautet: "Die schon erwartete Großoffensive hat begonnen. Stehe uns der Herrgott bei!"'

  Daß Hitler Tagebücher führte, sie nachts schrieb und in Stahltresore einschloß, zu denen er allein die Schlüssel besaß, haben mit Sicherheit nur sein Sekretär Martin Bormann und Rudolf Heß gewußt. Vielleicht auch noch seine Geliebte, Eva Braun, sowie die Kammerdiener Heinz Linge und Karl Wilhelm Krause.

Sogar Hitlers Sekretärin wußte nichts von den Tagebüchern

  Otto Günsche, einer der SS-Adjutanten Hitlers, der beim Selbstmord des Führers die Tür zu Hitlers Arbeitszimmer bewachte und dann die Leiche Eva Brauns aus dem Bunker trug, ein Mann, der stets in unmittelbarer Nähe Hitlers gewesen ist, erfuhr erst 1982 bei einem Gespräch mit Gerd Heidemann von der Existenz der Tagebücher. Und Christa Schröder, eine der Sekretärinnen Hitlers, hat stets erklärt, ihr Chef habe nie handschriftliche Notizen gemacht.

  Wie sich nun herausstellt, hatte Hitler vieles, was er tagsüber diktierte, wie Artikel für den "Völkischen Beobachter", Weisungen für die Wehrmachtsführung und private Briefe, nachts in seinen Tagebüchern konzipiert.

  In der gesamten Hitler-Literatur findet sich kein Hinweis auf die geheimen Papiere, auch nicht in den Tagebüchern von Hitler-Intimus Joseph Goebbels oder in den Erinnerungen von engsten Hitler-Gefährten wie Kammerdiener Linge und Fahrer Erich Kempka. So ist auch bei prominenten Hitler-Biographen wie Alan Bullock, Hugh R. Trevor-Roper, Werner Maser oder Joachim C. Fest von ihnen keine Rede.

  Daß sich Hitler auch schon vor 1932 regelmäßig Notizen gemacht hat, geht aus einem Zettel hervor, der auf dem ersten Band (Juni bis September 1932) klebt: "Da meine schriftlichen Aufzeichnungen der früheren Jahre teilweise verschwunden sind, sollen diese Bücher im Parteiarchiv immer zu meiner Verfügung gehalten werden."

  Eine Eintragung vom 1. September 1943 gibt Auskunft, was Hitler zu den Tagebüchern motiviert hat:

  "Bormann fragte mich in den letzten Tagen, was ich einmal mit diesen Büchern vorhätte. Ich erklärte ihm, auch ich werde mich eines Tages zurückziehen, wenn ich die Zeit für gekommen halte und einem Jüngeren Platz mache. In diesen Büchern habe ich teilweise meine eigenen Gedanken niedergelegt, so daß ich mir in späterer Zeit ein genaues Bild über gewisse Vorgänge machen kann. So werde ich über alles ein genaues und unbestechliches Urteil fällen können."

  Die Tagebücher waren also offensichtlich von Hitler nicht für eine Veröffentlichung vorgesehen. Sie sollten vor allem Unterlage für seine geplanten Memoiren sein. Die Tagebücher enthalten aber auch Banalitäten ("Leide immer mehr an Schlaflosigkeit, die Verdauungsstörungen sind noch schlimmer geworden", 30. 4. 38) und Intimitäten ("Viel Leid hatte Eva durchzustehen. Wie mir die Ärzte ... mitteilten, war es nur eine Scheinschwangerschaft, Eva aber glaubt an einen Abortus", 31. 7. 40), die nicht für die Nachwelt gedacht waren.

  Die Notizen, die der STERN originalgetreu wiedergibt, enthalten Interpunktionsfehler und orthographische Schnitzer ("Ciano ist faßt niedergeschlagen").

  Aufschlußreich sind Hitlers Aufzeichnungen über Parteigenossen ("Wo bleiben Görings Wunderflugzeuge?") und Verbündete: "Mussolini hat keinen Schneid mir unter die Augen zu kommen. Habe schon Göring gesagt, ich betrachte Mussolini als meinen Statthalter in Rom" (1. Oktober 1939). Und das über den Duce, von dem er am 10. September 1943 in einer Rede sagt: "Ich war und ich bin glücklich, diesen großen und treuen Mann als einen Freund bezeichnen zu dürfen."

  Beeindruckt äußert er sich am 11. Januar 1942, sieben Monate nach Beginn des Überfalls auf die Sowjetunion, über den Gegner im Osten: "Wie macht Stalin das nur, habe geglaubt er hat keine Offiziere mehr, aber er hat es richtig gemacht, eine neue Führungsschicht in der Wehrmacht wäre auch bei uns nötig ..." 1937/38 hatte Stalin sein Offizierskorps gesäubert, indem er eine bis heute nicht genau ermittelte Zahl von mehreren Hundert höheren Offizieren, darunter den Sowjetmarschall Tuchatschewski, wegen angeblicher Spionage erschießen ließ.

  Über seine Generäle notiert Hitler: "Ich brauche unbedingt ein neues militärisches Führungskorps. Diese alten Offiziere lassen, sich mit Titeln. Orden und Gütern behängen, aber meinen Befehlen gehorchen sie nicht. Ich muß an alles denken, muß alles entscheiden. Lasse ich einen dieser alten Preußen freie Hand, wird nur Mist gebaut."

  Über seinen Propagandaminister: "Der kleine Dr. Goebbels macht schon wieder Geschichten mit Frauen. Werde in den nächsten Tagen einen geheimen Erlaß herausgeben, daß ich von meinen engsten Mitarbeitern und den Partei-Führern im Reich keinerlei Affären mehr wünsche."* (* Goebbels wollte sich wegen der tschechischen Schauspielerin Lida Baarova scheiden lassen.)

  Über den englischen Premier Neville Chamberlain am Tag nach der Unterzeichnung des Münchner Abkommens**: Hat er mich doch bald überrumpelt. dieser aalglatte Engländer ... Dem Duce und Daladier hätte ich noch ganz andere Bedingungen vorgelegt, aber mit diesem schlauen Fuchs von Chamberlain konnte ich das nicht!" (** In der Nacht vom 29./30. September 1983 stimmten England, Frankreich und Italien der Abtretung der sudetendeutschen Gebiete durch die Tschechoslowakei an Deutschland zu.)

  Hitler, der ursprünglich gleich die ganze Tschechoslowakei besetzen wollte und nicht nur das Sudetenland, fühlte sich offensichtlich durch Chamberlains Kompromißbereitschaft um seine Beute geprellt.

Hitler glaubt, daß "Himmler nicht mehr richtig im Kopf" ist

  Über den Kampf um Stalingrad Ende Januar 1943: "Nach meinen Unterlagen kann die Kräftelage nicht so schlecht sein, oder haben mich diese OB*** wieder einmal getäuscht?" (*** Oberbefehlshaber)

  Besonders überraschend, weil bisher unbekannt, ist die schroffe bis feindselige Einstellung Hitlers zum Führer der SS, Heinrich Himmler. Er fühlt sich von Himmler bespitzelt, mißtraut dem mystischen Germanenkult des Reichsführers SS" und bezweifelt dessen militärische Fähigkeiten. Nach dem Attentat des Schreiners Georg Elser im Münchner Bürgerbräukeller vom 8. November 1939 sieht sich Hitler als Opfer einer Verschwörung, hinter der er Himmler vermutet, und droht: "Dieser hinterhältige Kleintierzüchter mit seinem Drang zur Macht, dieser undurchsichtige Buchhaltertyp wird mich auch kennenlernen."

  Nach Meldungen über starke Partisanentätigkeit in Serbien schreibt er am 17. Juni 1943: "Bekommen wir das Bandenwesen überhaupt noch in den Griff? Eigentlich ist das die Aufgabe vom Himmler, aber er lebt in einer anderen Welt, wie mir scheint in einer altgermanischen Himmelswelt. Glaube bald er ist nicht mehr richtig im Kopf."

  Verblüffend ist eine Hitler-Notiz nach dem Einmarsch in Polen im September 1939. Da vermerkt Hitler in seinem Tagebuch, daß er Himmler — nach "Vergeltungsaktionen" der SS — strikte Weisung gegeben habe, "keine Repressalien gegenüber der Bevölkerung" durchzuführen.

  Der Terror gegen polnische Zivilisten — eine Eigenmächtigkeit von Untergebenen? Auf makabre Weise bestätigter Volksmund: "Wenn das der Führer wüßte"? Oder behutsamer Versuch des Tagebuchschreibers, sich von den Massenmorden zu distanzieren?

  Tatsache ist: Nach dem Attentat auf den stellvertretenden Reichsprotektor in Prag, SS-Obergruppenführer Reinhard Heydrich, gibt Hitler am 31. Mai 1942 persönlich den Befehl zu Geiselerschießungen. Er notiert im Tagebuch: "Ich werde ein Exempel statuieren ... Werde harte Vergeltungsmaßnahmen durchführen lassen."

  Für Hitler sind Gewaltmaßnahmen also keineswegs ein Unrecht. Was er mißbilligt, sind eigenmächtige Willküraktionen, die er nicht befohlen hat.

"Es kann kein Zweifel bestehen, daß diese Urkunden ...

  Der sensationelle Fund der Tagebücher fast vier Jahrzehnte nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches muß Zweifel wecken — nicht nur an der Glaubwürdigkeit des Inhalts, sondern an der Echtheit der Aufzeichnungen überhaupt.

  Der amerikanische Historiker Gerhard L. Weinberg, Professor an der University of North Carolina und als Herausgeber ("Hitlers zweites Buch" und "Hitlers Testament 1938") ein genauer Kenner von Adolf Hitlers Handschrift, erklärte nach einer ersten Einsicht in die Tagebücher: "Ich muß gestehen, ich war sehr skeptisch, als ich es las, und auch heute schüttle ich manchmal noch den Kopf, weil es so unglaublich scheint. Aber die Vorstellung, daß jemand eine solche Menge von handschriftlichem Material fälscht, scheint mir fast ausgeschlossen."

  Der STERN hat drei unabhängigen Gutachtern Schriftproben aus den Tagebüchern vorgelegt. Die Herkunft wurde nicht genannt. Zu prüfen war lediglich, ob die Texte von Adolf Hitler persönlich geschrieben sind. Als Vergleichsdokumente standen fünf Schriftproben Hitlers aus dem Bundesarchiv in Koblenz zur Verfügung, deren Authentizität unstrittig ist.

  Der renommierte amerikanische Gerichtsgutachter Ordway Hilton folgerte aus dem Schriftvergleich zwischen Tagebuch und den Koblenzer Dokumenten: "... written by Hitler" (... von Hitler geschrieben). Auch die Experten des Landeskriminalamtes Rheinland-Pfalz, Hausgutachter für das Bundesarchiv in Koblenz, kamen auf Grund der vorgelegten Dokumente zu der Feststellung: "Die fraglichen Originalschriften stammen mit einer an Sicherheit grenzenden Wahrscheinlichkeit von Hitler."

... von Adolf Hitler persönlich geschrieben worden sind"

  Und Dr. Max Frei-Sulzer, der 1982 verstorbene ehemalige Leiter des wissenschaftlichen Dienstes der Stadtpolizei Zürich, einer der prominentesten europäischen Schriftsachverständigen. analysierte: "Das Formenspektrum und die schreibphysiologischen Eigenheiten echter Schriftzüge und Unterschriften von Adolf Hitler treten in genau der gleichen Ausprägung auch auf den geprüften Dokumenten auf, kann kein Zweifel bestehen, daß diese Urkunden von Adolf Hitler persönlich geschrieben worden sind."

  Der englische Historiker Trevor-Roper ("Hitlers letzte Tage") hat auf Einladung des STERN die Tagebücher eingesehen. Trevor-Ropär hält Heidemanns Fund für das "bedeutsamste zeitgeschichtliche Ereignis des letzten Jahrzehnts" und für "ein journalistisches Bravourstück wie Watergate".

  Gerd Heidemanns Bravourstück begann auf einem Schiff — der ehemaligen Motoryacht "Carin II" von Hermann Göring. Die hat der Reichsmarschall 1937 von der deutschen Automobilindustrie geschenkt bekommen. Damaliger Wert: 1,3 Millionen Mark.

  In einem Berliner Bootsschuppen hat die "Carin II", ständig von drei Soldaten bewacht, Bombenangriffe und Kriegsende unversehrt überstanden. 1945 wird sie in Mölln (Schleswig-Holstein) von den Engländern beschlagnahmt und geht in den Besitz der englischen Königsfamilie über. Auf der "Prince Charles", wie sie jetzt heißt, fahren prominente Gäste: Elisabeth II., Prinz Philip. die Königin der Niederlande. der König von Belgien und Kanzler Adenauer.

  1960 bekommt Görings Witwe Emmy die Kriegsbeute von den Engländern zurück. 1973 erwirbt Heidemann das Boot von einem Bonner Druckereibesitzer, zum Preis von 160.000 Mark. Dafür muß er sein Haus in Hamburg verkaufen.

  Heidemann will das Boot restaurieren und dann mit Aufpreis an einen amerikanischen Andenkensammler losschlagen. Die Renovierungsarbeiten ziehen sich hin, und der Reporter lernt auf einmal ganz andere Interessenten kennen: Der SS-General Karl Wolff, langjähriger Chefadjutant Himmlers, möchte das Göring-Boot besichtigen. dann der ehemalige SS-Brigadeführer Wilhelm Mohnke, letzter Kampfkommandant der Reichskanzlei, Leopold Trepper, einst Chef der sowjetischen, von Nazi-Gegnern unterstützten Spionageorganisation "Rote Kapelle". und schließlich Eugene Bird. der frühere US-Direktor des Kriegsverbrechergefängnisses Berlin-Spandau. in dem heute nur noch Rudolf Heß einsitzt.

  Auf seiner Yacht hört Heidemann bisher unbekannte Details über den Zusammenbruch des Dritten Reiches und die letzten Tage in der Reichskanzlei. Und er hört zum erstenmal von der "Operation Serail". Unter diesem Decknamen haben Maschinen der Führer-Flugstaffel in den letzten Apriltagen des Jahres 1945 Menschen und Material von Berlin nach Salzburg und München transportiert — als Vorauskommando für den geplanten Umzug des Führers auf den Obersalzberg bei Berchtesgaden. Eines der zehn eingesetzten Flugzeuge, so erzählt Mohnke, sei damals spurlos verschwunden. Mit geheimen Akten Adolf Hitlers.

  Deutschland, 20. April 1945. Der Führer wird 56, Reichsleiter Martin Bormann notiert in seinem Tagebuch: "Nicht gerade die Geburtstags-Lage." Da hat er recht. Der letzte deutsche Widerstand zerbricht. Die Amerikaner stehen im Harz, in Leipzig, Nürnberg, Magdeburg; die Franzosen im Schwarzwald; die Engländer stoßen auf Bremen und Hamburg vor.

  Drei sowjetische Heeresgruppen kreisen mit über 6000 Panzern Berlin ein. An Führers Geburtstag dringen die ersten drei russischen Panzer bei Mahlsdorf an den Berliner Stadtrand vor — der Anfang vom Ende. Adolf Hitler hat noch zehn Tage zu leben.

  Im Führerbunker unter der Reichskanzlei herrscht Endzeitstimmung. Nach der Gratulationscour und der Lagebesprechung um 16 Uhr setzen sich Himmler und Göring ab — Himmler nach Hohenlychen in Mecklenburg, Göring nach Berchtesgaden. Der Reichsmarschall entkommt mit seiner Wagenkolonne über eine der letzten freien Straßen, seinen pompösen Landsitz Carinhall nördlich von Berlin läßt er sprengen.

  Bormann und Goebbels bleiben beim Führer. Zu diesem Zeitpunkt ist immer noch nicht klar, ob Adolf Hitler Berlin verlassen wird oder nicht. Zwar hat er dem Durchhalte-General Ferdinand Schörner schon am 18. April erklärt, sein Platz sei in der Reichshauptstadt, doch Bormann versucht immer noch, Hitler zur Flucht nach Berchtesgaden zu überreden. Er weist die Führungsstäbe der noch in Berlin befindlichen Ministerien an, eine Evakuierung nach Norden käme nicht in Frage, denn der Führer werde sie selbstverständlich bei sich im Süden haben wollen.

  Für den Umzug hat Bormann rechtzeitig vorgesorgt. Am 27. März 1945 schreibt Hitler in sein Tagebuch: "Bormann braucht alle Unterlagen von mir, er will sie in Kisten verpacken und abschicken. Dieser Bormann ist mir unersetzlich geworden ... Wenn ich fünf Bormanns gehabt hätte, würde ich nicht hier unten sitzen."

  Unten im Führerbunker, in Hitlers Schlafzimmer, steht ein kleiner Panzerschrank, etwa 1,60 Meter hoch und 75 Zentimeter breit. Der Tresor, so erinnert sich der SS-Obergruppenführer und Hitler-Adjutant Julius Schaub nach dem Krieg, sei bis in den letzten Winkel mit Papieren, Akten und Briefen vollgestopft gewesen, scheinbar wahllos und in großer Unordnung.

  "Der Führer", so Schaub, "hatte einen Hang zur Geheimhaltung. Er hat schon sehr früh begonnen, dieses Privatarchiv zu führen, lange vor seinem Machtantritt. In den entscheidendsten Fragen vertraute er eben doch nur sich allein."

  Da reicht der Tresor im Führerbunker in Berlin nicht aus. In Hitlers Schlafzimmer im ersten Stock der Alten Reichskanzlei stehen zwei weitere Stahlschränke, außerdem einer in Hitlers Privatwohnung am Münchner Prinzregentenplatz 16 und dann noch eine Stahlkassette in seinem Arbeitszimmer auf dem Obersalzberg hei Berchtesgaden.

Hitler schien der Verlust dieser Maschine unendlich nahezugehen

  Schaub weiß, daß Hitler in diesen Safes am Anfang der NS-Bewegung auch die Mitgliederverzeichnisse der NSDAP aufbewahrte, Spenderlisten und Sympathieerklärungen ausländischer Hitleranhänger sowie private Briefe von Mussolini, Franco und Eva Braun.

  Und seine geheimen Tagebücher. Aber das weiß Schaub nicht.

  In der Nacht vom 20. auf den 21. April ruft Hitler die beiden ältesten seiner vier Sekretärinnen zu sich: Er erklärt Johanna Wolf und Christa Schröder, daß sie in einer Stunde zusammen mit 80 Angehörigen der Reichskanzlei und anderer Ministerien in einer Autokolonne Berlin verlassen sollen.

  Kurz darauf korrigiert er sich: Die Straßen in den Süden seien bereits unterbrochen, sie müßten die Stadt mit dem Flugzeug verlassen. Johanna Wolf sagt er zum Abschied: "Es ist alles aus."

  Auf Anordnung von Hitlers Chefpilot Hans Baur, dem Kommandeur der Führer-Staffel, sollen noch in der Nacht zehn Maschinen von den Flugplätzen Tempelhof, Schönwalde, Schönefeld und Gatow in den Südenstarten. Wegen eines Bombenangriffs verzögert sich der Start. Christa Schröder fliegt von Tempelhof ab, das ist ihr Glück. Ihr Koffer mit Wäsche gerät an Bord einer anderen Maschine , die in Schönwalde startet, aber ihr Ziel nicht erreicht.

  Der SS-Oberscharführer Rochus Misch, Telefonist im Führerbunker, erinnert sich, wie Beamte des Reichssicherheitsdienstes, die neben der SSWache Reichskanzlei und dem Führerbegleitkommando für den Schutz Hitlers und seiner Residenz verantwortlich waren, Lastwagen mit Kisten beladen haben. Da hat er auch seinen Freund Wilhelm Arndt, SS-Hauptscharführer und Hitler-Diener, zum letztenmal lebend gesehen. Auch Arndt ist nach Schönwalde gefahren und in die Ju 352 des Majors Friedrich Gundlfinger gestiegen.

  "Von allen Maschinen", schreibt Chefpilot Baur in seinem 1956 veröffentlichten Buch ,Ich flog Mächtige der Erde', "bekamen wir noch in der Nacht oder in den Morgenstunden Landemeldungen, von Gundlfingers nicht. Die Nachforschungen nach der Maschine blieben erfolglos. Als ich Hitler Meldung machte, war er sehr erregt, denn ausgerechnet in dieser Maschine war einer seiner Diener (Arndt) mitgeflogen, der ihm besonders am Herzen lag. Hitler: ,Ich habe ihm außerordentlich wichtige Akten und Papiere anvertraut, die der Nachwelt Zeugnis von meinen Handlungen ablegen sollten!' Hitler konnte sich lange Zeit nicht beruhigen, der Verlust schien ihm unendlich nahezugehen."

  Das macht die Autoren James P. O'Donnell und Uwe Bahnsen neugierig. In ihrem Buch über das Ende in der Reichskanzlei ("Die Katakombe") berichten sie 1975 über ihre Suche nach der verschollenen Ju. Baur, der erst 1955 aus russischer Kriegsgefangenschaft entlassen worden ist, hat den beiden Autoren erzählt, daß die Maschine des Majors Gundlfinger wegen eines Motorschadens und wegen des verspäteten Eintreffens einiger Passagiere nicht wie geplant um zwei Uhr nachts starten konnte.

  Dadurch war abzusehen, daß die Ju den Zielflughafen Ainring bei Salzburg nicht mehr im Schutz der Dunkelheit erreichen würde, sondern noch fast eine Stunde bei Tageslicht fliegen müßte — angesichts der Luftüberlegenheit der Alliierten eine lebensgefährliche Verspätung.

  Baur: "Gundlfinger ist am 25. April von amerikanischen Jägern über dem Bayerischen Wald abgeschossen worden." Damit geben sich O'Donnell und Bahnsen zufrieden — zu früh, denn Baur war falsch informiert.

Verwitterte Holzkreuze zwischen Farn und Gestrüpp

  Die Ju 352 mit dem Kennzeichen KT-VC ist nicht am 25. , sondern in den frühen Morgenstunden des 21. April abgestürzt. Sie wurde nicht von amerikanischen Jägern abgeschossen und schon gar nicht über dem Bayerischen Wald. Der Major Friedrich Anton Gundlfinger ist vom Standesamt Börnersdorf, Kreis Dippoldiswalde bei Dresden, für tot erklärt worden.

  Das erfährt Gerd Heidemann von der Wehrmachtsauskunftstelle in Berlin-Reinickendorf. Mit einem einzigen Anruf kam er dem Schicksal der vermißten Maschine auf die Spur.

  Gundlfingers Namen kennt Heidemann aus der "Katakombe". Das Buch hat ihm der SS-Offizier Mohnke geschenkt — "mit Dank für die vielen schönen Stunden auf der ,Carin II'". So kommt der Reporter durch das Göring-Boot auf die Spur der Hitler-Tagebücher.

  Die Flugzeugbesatzung, so hat man ihm in Berlin erklärt, ist am Absturzort Börnersdorf begraben worden. Informationen über eine Umbettung liegen nicht vor. Soldaten haben normalerweise ewiges Ruherecht, das auch die DDR respektiert. Gundlfingers Sterbeurkunde vorn Standesamt Börnersdorf hat die Registrierungsnummer 16/45.

  Als Gerd Heidemann und STERN-Redakteur Thomas Walde im November 1980 nach Börnersdorf reisen, gehen sie als erstes zum Friedhof, der hinter der kleinen Kirche oberhalb der Straße liegt. Ganz hinten, in der südöstlichen Ecke, entdecken sie 16 Soldatengräber — verwitterte Holzkreuze zwischen Farn und Gestrüpp. Auf einer der Emailletafeln steht: Friedrich Gundlfinger, Flugzeugführer. Auf einer anderen: Wilhelm Arndt. Das war der Diener, nach dem Hitler gefragt hatte.

  Thomas Walde schreibt die Namen der Toten von den Grabkreuzen ab. Am Anfang wollen die beiden STERN-Reporter nicht zu viele Fragen stellen.

  In Berlin-Reinickendorf läßt Heidemann sich die Daten der Toten geben. Dann fragt er sich über Einwohnermeldeämter durch. In Solingen macht er Leni Fiebes ausfindig, die Witwe des in Börnersdorf begrabenen SS-Hauptscharführers Max Fiebes vom Führer-Begleitkommando. Sie hat erst im Sommer 1948 vom Tod ihres Mannes erfahren; dabei bekam sie den Auszug aus einem Untersuchungsbericht: "Männliche Leiche mit den Resten einer graugrünen Uniform, an den Kragenspiegeln 2 Sterne. In der rechten Brusttasche eine Brieftasche mit einer Serie Paßbilder, lautend auf den Namen Max Fiebes. Oberscharführer, geh. am 27. 3. 1910 in Solingen ... Persönlicher Nachlaß konnte nicht geborgen werden, da restlos verbrannt."

  Von Frau Fiebes erfährt Heidemann den Namen des Bordschützen Franz Westermaier aus Haag in Oberbayern. Dann die Anschrift eines Oberleutnants Schultze, der am Morgen des 21. April kurz vor Gundlfinger von Schönwalde gestartet ist. Stück für Stück rekonstruiert Heidemann den letzten Flug der verschollenen Ju 352.

  Am Abend des 20. April, Führers Geburtstag, ist in Schönwalde Bombenalarm: Luftangriff auf Berlin, einer der letzten von über dreihundert. Um zehn Uhr müssen Gundlfinger und Schultze mit ihren Besatzungen in den Bunker.

  Draußen stehen, von Erdhügeln geschützt, die beiden dreimotorigen Ju 352. Schönwalde ist nur ein kleiner Feldflugplatz mit Graspiste nordwestlich von Berlin, unweit des heutigen Flughafens Tegel. Vor dem Start werden die Maschinen mit Ochsengespannen aus der Deckung gezogen.

  Um zwei Uhr nachts ist Entwarnung. Gundlfinger und Schultze erhalten von der Einsatzleitung in Schönwalde den Befehl, ihre Maschinen für einen Flug nach Ainring fertigzumachen. Ganz in der Nähe liegt Hitlers Berghof auf dem Obersalzberg bei Berchtesgaden.

  Die beiden Piloten warten auf die Fracht aus Berlin. Was genau sie befördern sollen, erfahren sie nicht. Schon seit Tagen fliegen sie Akten und Passagiere aus der Reichskanzlei und anderen Ministerien in den Süden. Immer nur nachts.

  Doch die Lastwagen aus der Stadt lassen auf sich warten. Sie können wegen des Luftangriffs erst um zwei losfahren. Die Fahrt durch das zerstörte und verdunkelte Berlin dauert Stunden. Als die beiden Flugzeuge endlich durch die großen Heckklappen beladen werden, ist es vier Uhr morgens. Gundlfinger wartet noch auf einen Passagier. aber der kommt nicht.

  "Gundlfinger wollte sich ganz niedrig über den Bäumen halten". erinnert sich Schultze. "Als erfahrener Frontflieger fühlte er sich da vor feindlichen Jägern am sichersten. Ich sagte. ich fliege hoch und nütze jede Wolke aus."

  Schultze. der weniger Kisten zu laden hat, dafür aber 30 Passagiere aus dem Auswärtigen Amt, dem Propagandaministerium und der Reichskanzlei mitnimmt, ist vor Gundlfinger fertig. "Da wurde nicht lange gewartet. Wer startbereit war, ging raus." Die Zeit drängt. Schultze fliegt fünf Minuten vor Gundlfinger ab, morgens um fünf.

  Unterwegs stellt Oberleutnant Schultze fest, daß die Benzinzufuhr aus dem Backbordtank unterbrochen ist. Damit kommt er nicht zum Zielflughafen Ainring. Schultze entschließt sich zur Zwischenlandung in Prag, das auf seiner Route liegt und noch von deutschen Truppen besetzt ist. Das Bodenpersonal drängt ihn nach der Reparatur zum Weiterflug. Prag-Resin ist in den letzten Tagen immer wieder von feindlichen Fliegern angegriffen worden.

  Doch der Oberleutnant wartet noch ein paar Minuten. Gundlfingers Maschine müßte dicht hinter ihm sein. Da er keine Motorengeräusche hört, startet Schultze um 7.10 Uhr, 35 Minuten nach der Zwischenlandung, zum Weiterflug nach Ainring.

  Er landet um 8.30 Uhr. Gundlfinger ist nicht da. Schultze hat Gundlfinger seinen Koffer mitgegeben. Der ist nun weg.

  "Die Maschine flog tief, dicht über den Bäumen." Helga Fries, die Frau des Gastwirtes Peter Fries, hat sie über Göppersdorf gesehen, hellblau der Tarnanstrich gegen den Himmel, die Balkenkreuze an den Tragflächen, brennend auf Bornersdorf zu. Dort verschwindet sie im Wald. Rauch steigt auf, fetter schwarzer Rauch.

  Die Ju 352 hat erst die Baumkronen gestreift, dann Äste und die Eichenstämme im "Heidenholz" am Rand der Straße von Hartmannsbach nach Bärnersdorf.

  Einer der drei großen Bramo-Motoren wird abgerissen und stürzt in den Wald, die Maschine dreht sich und fällt dann aus etwa fünfzehn Metern Höhe auf einen Acker, überschlägt sich und birst. Nur noch ein paar Sekunden, ein Sprung über die letzten Bäume, und der Pilot hätte die rettende Lichtung erreicht. Diesseits und jenseits der Straße ist freies Feld, genug Platz für eine Notlandung.

Nur einer kann sich aus dem brennenden Flugzeug retten

  Major Friedrich Gundlfinger, Jahrgang 1900, Lufthansa-Kapitän mit einer Million Flugkilometern, dann erfahrener Kriegsflieger mit Narvikschild und Kreta-Band, hat die Maschine nicht mehr halten können. Wegen der alliierten Jäger hat er nach dem Start in Schönwalde einen leichten Bogen nach Osten geschlagen und die Ju bei Tagesanbruch auf Baumwipfelhöhe gedrückt. So hat er es immer gemacht, in den russischen Kesseln, und damit fast den ganzen Krieg überlebt.

  Die häßliche, langnasige Ju 352, eine Weiterentwicklung der bewährten "Tante Ju" 52, hat er noch nicht oft geflogen. Die Maschine ist erst 1945 zur Truppe gekommen. Da haben die Junkers-Werke gerade 44 Maschinen fertiggestellt.

  Ein Kriegsprodukt: Stoffbespannung über einem Stahlrohrgerüst. die Flügel aus Holz, der Boden sperrholzbeplankt. Nur Cockpit, Motorgondeln und die Vorderkanten von Flügeln und Leitwerk sind aus Metall.

  Beim Aufschlag hat die Maschine sofort zu brennen begonnen. Fremdarbeiter vorn nahen Gut Enderlein, sowjetische und französische Kriegsgefangene, sind als erste an der Unfallstelle. Wegen der Hitze können sie nicht an die Ju heran. Sie hören Schreie.

  Bei seiner zweiten Reise nach Bornersdorf im Mai 1981 hat Gerd Heidemann weitere Augenzeugen des Unglücks ausfindig gemacht. Der Kleinbauer Richard Elbe, heute 72, hat damals die russischen Fremdarbeiter auf dem Gut beaufsichtigt. Auch er rannte zur Lichtung am "Heidenholz".

  Richard Elbe erzählt: "Die Maschine lag auf dem Rücken. Vorn war sie aufgeschlitzt. Die Menschen im Flugzeug waren eingeklemmt. Um den Bordschützenstand herum knallte es. Vermutlich explodierte die Munition. Plötzlich kam jemand aus den Trümmern gekrochen, richtete sich auf und rief: ‚Kommt doch her, ihr feigen Hunde, kommt her. Ihr seid ja bloß zu feige: - Aber das ging doch nicht, bei dem Qualm und der Hitze. Der Mann, der um Hilfe rief, ist der Bordschütze Franz Xaver Westermaier. Der 24jährige hat den Absturz überlebt, ebenso der SS-Rottenführer Gerhard Becker, 20, von der Leibstandarte Adolf Hitler.

  Becker stirbt zwei Tage nach dem Absturz im Militärlazarett von Bad Gottleuba an seinen Verbrennungen. Vorher hat er noch gebeten, "meine Mutter Hedwig Becker in Gallun bei Königswusterhausen, Plantage Nr. 60, von meiner Rettung zu benachrichtigen".

  Der Unteroffizier Franz Westermaier aus Haag in Oberbayern ist ein Glückskind. Beim Absturz wird er aus seiner Drehkanzel, oben auf dem Flugzeugrumpf, geschleudert - das rettet ihm das Leben. Zum zweitenmal: Bei einem Versorgungsflug nach Kreta im Mai 1941, als deutsche Fallschirmjäger die griechische Insel besetzten, ist seine Ju 52 abgeschossen worden und ins Meer gestürzt. Ein italienischer Dampfer hat Westermaier aufgefischt, zusammen mit einem Kameraden, als einzige Überlebende.

"Viele haben sich hier was geholt und daran gesundgestoßen"

  Diesmal hat Westermaier nur eine Schnittverletzung am Hintern. Bei der Vernehmung durch den Oberarzt Dr. Schulz, Korpsarzt beim Generalkommando Flakkorps z. b. V. in Bad Gottleuba, nennt er die Namen der drei tödlich verletzten Besatzungsmitglieder: Major Friedrich Gundlfinger, Oberfeldwebel Wilhelm Budack, Oberfeldwebel Eugen Baßler. Die Namen der tödlich verunglückten SSMänner weiß er nicht.

  1953 bewirbt sich Westermaier hei der im Aufbau befindlichen Lufthansa um einen Job. Empfänger des Briefes auf dem Flughafen München-Riem ist ausgerechnet jener Oberleutnant a. D. Schultze, der damals so sehnsüchtig auf Gundlfinger gewartet hat.

  Franz Westermaier, der einzige Überlebende der Ju 352 KT-VC, ist am 24. April 1980 an einem Nierentumor gestorben. Gerd Heidemann, der ihn nach der Fracht aus der Reichskanzlei fragen will, kommt zu spät.

  Bis 1948 liegen Reste der abgestürzten Maschine noch am Rand des "Heidenholzes". 800 Meter von Börnersdorf. Dann haben Buntmetallsammler das letzte Stück weggeschafft. Als Gerd Heidemann am 27. Mai 1981 zum erstenmal an die Unfallstelle kommt, findet er Glassplitter und eine Metallstrebe, sonst nichts.

  Richard Elbe, so erfährt Heidemann, besitzt noch zwei Fenster mit breiten Gummirändern, die vermutlich aus der verglasten Pilotenkanzel stammen. Der Bauer hat sie nach dem Krieg in einen Holzschuppen eingebaut.

  Der Landarbeiter Eduard Grimme, "Ede" gerufen, hat die verstümmelten Leichen aus der Ju 352 damals in die Friedhofskapelle von Börnersdorf gefahren. "Menschen sah man keene mehr", sagt Richard Elbe, "die Arme waren weg, die Beene, alles verkohlt. Nur Ordenszeichen lagen auf dem Akker herum." Die hat man dann einfach mit auf den Karren geworfen.

  Major Friedrich Gundlfinger, der Hitler und Mussolini geflogen hat, Bormann, Himmlers Chefadjutanten Karl Wolff und in den zwanziger Jahren den damaligen Kölner Oberbürgermeister Konrad Adenauer, trug das Deutsche Kreuz in Gold. In der linken Außentasche, so notiert der Luftwaffenarzt Schulz bei der Leichenschau, steckte ein Zigarettenetui mit der Inschrift "Zur Erinnerung an 500.000 zurückgelegte Flugkilometer" — ein Geschenk der Vorkriegs-Luft-Hansa. Außerdem eine angebrannte Brieftasche mit Sold- und Postsparbuch. So wird der Major Gundlfinger identifiziert.

  Am 17. April 1945, vier Tage vor seinem Tod, hat Gundlfinger zum letztenmal nach Hause geschrieben. Einer seiner Söhne war als Gebirgsjäger in Rußland gefallen, der zweite wird vermißt. Daß er überlebt hat, erfährt der Vater nicht mehr. Der Sohn kehrt 1947 aus russischer Kriegsgefangenschaft heim.

  "Ich möchte Dir die Hand drücken", schrieb Gundlfinger am 17. April 1945 seiner Frau, "Dich streicheln und all den Schmerz lindern helfen."

  Seine Frau erhält die Todesnachricht mit drei Jahren Verspätung. Lange Zeit hat sie geglaubt, ihr Mann sei bei Kriegsende mit Bormann nach Südamerika geflogen.

  Was aber ist aus dem Frachtgut der abgestürzten Maschine geworden, den Kisten und Schränken aus der Reichskanzlei? Ein großer Teil der Ladung ist verbrannt, erfährt Heidemann von Augenzeugen, der Rest war über den Acker verstreut.

  Kurz nach den Kriegsgefangenen und Fremdarbeitern vom Gut Enderlein sind Soldaten und SS-Leute an die Unfallstelle gekommen und haben alles abgesperrt. Trotzdem erinnert sich Erwin Göbel, Sohn des verstorbenen Bürgermeisters, daß sein Vater 1945 auf dem Dachboden nicht nur alte Gemeindeakten, sondern auch Papiere aus der abgestürzten Maschine in einer Kommode aufbewahrt hat. Die mußte er dann auf Befehl der einmarschierten Russen dem neuen kommissarischen Bürgermeister übergeben, und "der hat alles verbrannt".

  Erwin Göbel sagt auch: "Da ist Gold dringewesen, in der Maschine, nicht nur Akten. Ist doch alles hier herumgeflogen. Ein Teil ist verbrannt, aber viele haben sich hier was geholt und daran gesundgestoßen." Auch Soldaten.

  Richard Elbe, der Bauer, weiß, daß ein paar Leute im Dorf sogar Goldbarren hatten. "Aber die sind schon lange tot." Sonst weiß auch Elbe nicht viel, es ist besser so. Außer: "Es war ein scheener. klarer Himmel."

  Nach dem Befehl Nr. 124 des Obersten Chefs der Sowjetischen Militärverwaltung in Deutschland, Marschall Schukow, vom 30. Oktober 1945 waren alle NS-Dokumente abzuliefern. Wer sie behielt, machte sich strafbar. Sinngemäß besteht diese Verfügung in der DDR auch heute noch.

  Andere Augenzeugen, die Heidemann in den Dörfern rings um die Absturzstelle noch befragen kann, sind über die Ladung der Ju 352 besser informiert: Sie wissen, daß die Maschine Fracht aus der Reichskanzlei evakuierte und daß es sich hei den fünf SS-Männern an Bord um Leibwächter des Führers gehandelt hat.

  Heidemann erhält Hinweise, wer Sachen aus der verunglückten Maschine besitzen könnte. Monate später wird er fündig: Hitlers zwei Verwundetenabzeichen. Der handschriftliche Entwurf des Parteiprogramms der NSDAP für die Gründung am 22. Februar 1920. Hitler-Zeichnungen von seinen Eltern und von Eva Braun. Ein Bewerbungsschreiben aus dem Jahr 1909: "Sehr geehrter Herr Professor, erlaube mir gehorsamst, zehn meiner Zeichnungen zu übersenden." Hitlers Eisernes Kreuz aus dem Ersten Weltkrieg. Zwei Briefe an unbekannte junge Damen mit der Bitte um ein Rendezvous. Ein von Hitler 1934 signiertes Ölgemälde, "Abwehr eines Tankangriffs in Flandern, 28. 9. 1918". Der Maler, am Oberlippenbart leicht erkenntlich, ist mit im Bild. Er zieht gerade eine Handgranate ab.

... die Papiere, "die der Nachwelt Zeugnis ablegen sollten"

  Die Gundlfinger-Maschine hatte mehrere hundert Hitler-Bilder geladen, bestimmt für das geplante Führer-Museum in Linz. Davon ist der größte Teil verbrannt. Ebenso Kleiderkoffer von Angehörigen der Reichskanzlei. Ein paar Wäschestücke sind übriggeblieben, mit eingenähten Namensbändern: Chr. Schröder, E. Krüger.

  Bürgermeister Max Göbel, der am 21. April 1945 den Absturz protokollierte, ordnete die Wäsche zwei weiblichen Leichen zu, die er nicht identifizieren konnte. Aber Hitlers Sekretärin Christa Schröder und Bormanns Sekretärin Else Krüger waren nicht an Bord dieser Ju. Sie haben den Krieg überlebt. Niemand weiß bis heute, wer die beiden toten Frauen sind.

  Monatelang recherchiert Heidemann in der Bundesrepublik, in der DDR, in Österreich, in der Schweiz, in Spanien, in Südamerika, häufig hei ehemaligen Nazis wie dem früheren Hauptsturmführer Klaus Altmann alias Barbie. Er will herausfinden, was noch in der Maschine gewesen sein könnte. Die meisten Informationen bringen ihn nicht weiter. Aber dann kommt ein Hinweis, der ihn interessiert.

  Von einer Metallkiste ist die Rede. in der viele Kladden gelegen hätten. mit der Aufschrift "Eigentum des Führers", offenbar irgendwelche Notizbücher.

  Heidemann glaubt das erst nicht, weil ihm niemand eines dieser Bücher zeigen kann. Aber dann verdichten sich die Hinweise. Es wären mindestens fünfzig Bücher gewesen, im DIN-A4-Format und fast alle versiegelt. Auf dem Siegel der Reichsadler mit dem Hakenkreuz.

  Der STERN-Reporter weiß jetzt, daß er einer Sensation auf der Spur ist, jenen "außerordentlich wichtigen Akten und Papieren, die", so der Führer nach der Vermißt-Meldung der Gundlfinger-Maschine, "der Nachwelt Zeugnis von meinen Handlungen ablegen sollten" — die bis dahin unbekannten Tagebücher Hitlers.

  Im Grunde eine unglaubliche Nachricht: fast vier Jahrzehnte nach Kriegsende plötzlich ein Fund, der die Geschichtsbücher revidiert. Hitlers geheimste Dokumente, einzigartige Zeugnisse der NS-Zeit, bei einer Spurensuche in der Provinz entdeckt.

  Die Hinweise haben gestimmt. Die Bücher existieren. Erst sind sie damals in der Umgebung von Börnersdorf versteckt, dann von einem deutschen Offizier sichergestellt worden.

  Über den Wert der Bände für die Geschichtsforschung waren sich die Finder wohl im klaren. Lange sind die Bücher zurückgehalten worden, ob aus Angst oder aus Unkenntnis über den richtigen Weg einer historischen Verwertung — da bleiben viele Fragezeichen. Die Namen derer, die Hitlers Tagebücher im April 1945 geborgen haben, sowie die Aufbewahrungsorte und die Wege der Bücher in den Westen wird der STERN nicht nennen. Die Finder haben zur Bedingung gemacht, daß ihre Anonymität gewahrt bleibt.

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  Am Nachmittag des 22. April 1945 befiehlt Hitler seinem Adjutanten Schaub, den Inhalt der fünf Panzerschränke zu vernichten. Der SS-Offizier räumt die Tresore in Berlin, München und Berchtesgaden aus. Dann verbrennt er die Papiere bis zum letzten Rest. Vor einer Münchner Spruchkammer sagt er stolz: "Von Hitlers privatem Nachlaß ist nichts mehr übrig."

  Zu diesem Zeitpunkt sind die geheimsten Papiere des Führers längst sicher versteckt.


Hier lesen Sie das Editorial des damaligen stern-Chefredakteurs Peter Koch vom 25. April 1983.