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"Autoportraits-Robots": Mit Phantombild auf Ich-Suche

Mit Phantombildern geht nicht nur die Polizei auf Verbrecherjagd: Der französische Künstler Leandro Berra setzt Menschen einer Begegnung mit sich selbst aus. Narzissmus, Zweifel, Selbstkarikatur - die Folgen sind verblüffend.

Von Andreas Klatt

"Sachdienliche Hinweise nimmt die Kripo entgegen." Wenn Eduard Zimmermann beim "Aktenzeichen XY" mit todernster Miene diese Worte sprach, prangten sie stets im Hintergrund, die Phantombilder. Ausdruckslose Augen in einem schlecht rasierten Gesicht, die der Fahndung einen grusligen Beigeschmack gaben. Und der Gedanke: Hoffentlich begegne ich so jemandem nie im Dunkeln.

Zumeist sind es Opfer einer Straftat, die in einer Polizeibehörde vor dem Computer sitzen und sich an die wenigen Augenblicke erinnern sollen, die sie den Kriminellen gesehen haben: Wie groß war der Augenabstand? Gab es etwas Auffälliges im Gesicht, Narben, Muttermale? Einen Bart? Das Ergebnis ist oft ein Bild, das mit der Realität nur im Entferntesten etwas zu tun hat.

Begegnung in einem Raum, der ohne Sprache funktioniert

Das ist auch bei dem Künstler Leandro Berra so, allerdings mit einem feinen Unterschied: Bei ihm sollen Menschen mit dem Phantombild-Programm von Interpol aus den wenigen Bausteinen jemanden zusammensetzen, den sie eigentlich in- und auswendig kennen müssten: sich selbst. "Es ist, als würde man sich selbst zum ersten Mal auf den Grund gehen. Man begegnet in einem Raum, der ohne Sprache funktioniert, seinen narzisstischen Verletzungen, seiner Beziehung zu anderen und zur Familie - es ist der Vater oder die Schwester, die man bei der Auswahl dieser Nase oder dieses Mundes entdeckt", sagt Berra über sein Projekt.

Die Idee zu den "Autoportraits-Robots" kam Leandro Berra vor drei Jahren mit einem Archivdokument, das ihm aus seinem Ursprungsland Argentinien zugefaxt worden war. Kurz bevor die Militärdiktatur einen guten Freund zu Tode gefoltert hatte, verriet er Berras Namen. "Ich habe seine Erklärungen nicht als Denunziation verstanden - er muss zusätzliche Tode gestorben sein durch diesen Vertrauensbruch", erinnert sich Berra. Drei Tage lang habe er durchgeweint, dann plötzlich das Verlangen gespürt, dem Gedenken an seinen Freund mit einem unkonventionellen Porträt Ausdruck zu verleihen.

Verblüffender Heilungseffekt

Aus der anfänglichen Idee wurden schnell verschiedene Projekte, die auch bei der Kunstmesse 2005 im französischen Arles für Aufsehen sorgten. Zuletzt arbeitete Berra mit dem Psychoanalytiker Marcelo Percia in einer Psychiatrie von Buenos Aires, an der Spiegel und Fotos von der Klinikleitung verboten sind. "Mit den Phantombildern konnten die Patienten ein neues Bild von sich entwickeln, was einen verblüffenden Heilungseffekt haben kann."

Berras Probanden ergeht es vor dem Bildschirm meist wie dem holländischen Maler Rembrandt: Immer wieder versuchte der Meister, ein Selbstportrait von sich anzufertigen. Doch alle angefangenen Bilder landeten früher oder später auf einem Müllhaufen: Mal war ihm die Nase zu groß geraten, dann schienen ihm die Augen nicht den rechten Glanz auszustrahlen.

An diesem Problem kratzen auch die Werke Berras und sorgen damit für eine Schnittstelle zwischen Kunst und Psychologie: "Wir können kein objektives Bild von uns selbst haben", erklärt der Psychoanalytiker Francis Hofstein. "Nie sind wir in der Situation, uns selbst identifizieren zu müssen, denn beim Blick in den Spiegel wissen wir ja: Das bin ich."

Wünsche und Fremdstatements mogeln sich dazwischen

Das vermeintliche Selbst einzufangen, ist deshalb so gut wie unmöglich - Wünsche und Fremdstatements mogeln sich dazwischen. Diese Erfahrung machte auch Anne Laure Gannac, die sich dem Experiment unterzog: "Nicht eine Sekunde konnte ich mich auf das konzentrieren, was ich sehe oder denke zu sein, stattdessen gingen ständig Bemerkungen von anderen in meinem Kopf umher: Man hat mir gesagt, ich habe die Nase meiner Mutter, also suche ich sie."

Beim Mund hingegen fällt Gannac keine Bemerkung ein. "Also entscheide ich mich für den, den ich gerne hätte." Die Versuchung ist groß, mit dem eigenen Gesicht zu spielen - und für einen kurzen Moment in den Genuss der digitalen Schönheitschirurgie zu kommen. Zum Glück konnten die Verbrecher bei Eduard Zimmermann sich nicht selbst zusammensetzen, denn dann wäre das schaurige Gruseln wohl verloren gegangen.