HOME

Interview: Voll zum Dreh

In "Good Bye Lenin!" brillierte Katrin Saß, 47, als dahindämmernde Ost-Lehrerin. Im stern spricht sie über ihre Alkoholiker-Karriere und den Mut zur Ehrlichkeit

In "Good Bye Lenin!" brillierte Katrin Saß, 47, als dahindämmernde Ost-Lehrerin. Im stern spricht sie über ihre Alkoholiker-Karriere und den Mut zur Ehrlichkeit

Erst hab ich's verdrängt. Ein Alkoholproblem? Ich? Nie und nimmer! Später fing ich an, mir was vorzumachen: Ich hab das alles im Griff, kann das Trinken jederzeit wieder lassen. Dann fing ich an, es zu verstecken, füllte Saftflaschen zur Hälfte mit Sekt auf und kaute Pimentkörner - gegen die Alkoholfahne. Sie wurden mein ständiger Begleiter, kullerten aus allen Taschen und verstopften die Waschmaschine. Als mein Mann mich zum ersten Mal vorsichtig mahnte - "Du trinkst zu viel!" -, wurde ich wütend: Ein Schauspieler brauche eben hin und wieder Alkohol. Und weil er das nicht verstehen wollte, gab ich ihm die Schuld.

Es wurde schlimmer. Er konnte damit nicht umgehen, glaubte meinen Entschuldigungen, Versprechungen, Tränen. Und hoffte, dass ich da wieder rauskomme. Es war schwer, denn ich wollte darüber nicht reden. Mit keinem. Wenn ich mich dem Problem gestellt hätte, wäre das doch das Eingeständnis gewesen: Ja, ich bin alkoholkrank. Das gibt in diesem Stadium niemand zu. Also war jeder, der einen solchen Satz aussprach, mein Feind.

Es war wahnwitzig. Wenn ich früh zum Dreh ging, trank ich Sekt, griff nach den Pimentkörnern und fühlte mich danach sicher. Die Angstzustände waren weg, die schweißnassen Hände auch. Nun kann's keiner mehr merken, dachte ich. Ein Irrtum. Die Kollegen am Set sahen es. Und ich wurde gefeuert. Mein Mann sah es - und war hilflos. In meiner Verzweiflung machte ich ihm sogar noch Vorwürfe: Du bist schuld, weil du es nicht verstehst, mich nicht in den Arm nimmst. Darum trinke ich jetzt erst recht! Als er dann von Trennung sprach, nahm ich es nicht ernst. Doch dann ging er. Plötzlich war ich allein, ohne neue Filme, ohne Geld. Mir blieb nur noch eine Frage: Überlebe ich das? Noch einmal suchte ich Halt, bei meinen ahnungslosen Geschwistern. Es war zu spät, ich brach zusammen.

Am darauffolgenden Morgen wachte ich in der Suchtabteilung einer Klinik auf. Ein heilsamer Schock. So wollte ich nicht enden. Bei einer Konsultation mit dem Chefarzt sprach ich es aus, zum ersten Mal: Ich bin alkoholkrank. Und fühlte mich danach frei. Mein kleines Wunder begann. Mein Mann kam zurück, und wir versprachen uns gegenseitig einen Neubeginn. Und der erste Kinofilm seit langem, "Heidi M.", brachte mein Comeback.

Themen in diesem Artikel