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von-sinnen: Inge und Rudolf

Inge Weiß, 63, Eheberaterin, und Rudolf Weiß, 66, Studiendirektor i.R., aus Taufkirchen bei München

SIE: Mit 16 haben wir zusammen Jugendarbeit in der katholischen Pfarrei gemacht, und ich habe mich bei seiner Schwester beschwert, dass uns die jungen Männer auf der Straße nicht grüßen. Da wurde er auf mich aufmerksam.

ER: Ich dachte, wer ist denn diese freche Göre, die von mir verlangt, dass ich sie grüße. Wo jetzt genau der Punkt Alpha ist, wo es geschnackelt hat, weiß ich nicht. Irgendwann jedenfalls gab es die Chance, sie nach Hause zu fahren, und ich bin über meinen Schatten gesprungen und habe meinen Vater nach unserem Familienheiligtum, unserem VW, gefragt. Unsere Liebe gestanden wir aber noch nicht, das war noch zu früh.

SIE: Wir waren total naiv. Die Fragen »Will ich heiraten?«, »Will ich Kinder?«, haben sich nicht gestellt. Wenn man das Gefühl hatte, mit dem kann ich verwirklichen, was ich mir so vorstelle, dann hat es man halt getan.

ER: Sie war ein Jahr in England, und es kamen sehr viele Briefe. Das hat uns als Paar sehr gut getan. Ein Brief von mir war 36 Seiten lang.

SIE: Einen Heiratsantrag stellte ich mir romantisch vor. Und da fragt er mich doch per Brief, ob ich ihn heiraten will. Das war unmöglich!

ER: Der erste Kuss war am Neptunbrunnen am Stachus. Sie hat gesagt: Du, jetzt ist's langsam mal Zeit.

SIE: Ich bin dann mit dem Zug heimgefahren und habe mir gedacht, jetzt muss doch jeder sehen, dass ich geküsst worden bin.

ER: Wir haben das sehr wichtig genommen damals. Liebe und Ehe sind lebensentscheidend. Sehr verletzlich, aber das Wichtigste und Wertvollste.

SIE: Wir wurden zum Paar, weil wir gleiche Ideale hatten: gut zu sein, die Kinder gut zu erziehen. Und er war der intellektuelle Gegenpol zu meinem Elternhaus, wo es nur ums Geschäft ging.

ER: Das waren die 50er Jahre, die Leute hatten plötzlich ein Auto, ein Haus, Konsum war angesagt. Und wir haben eine Nische gefunden, dass wir nicht käuflich sind. Die allerletzte Vereinigung haben wir uns aufgespart.

SIE: Das war Teil unseres Ideals.

ER: Wenn ihr es schafft, bis zur Ehe zu warten, dann habt ihr das Glück in der Tasche. Das ist uns versprochen worden.

SIE: Das ist doch auch ein Schmarrn, dass die ersten Nächte so wichtig sind.

ER: Unsere erste Nacht war die Hochzeitsnacht und auch die erste Nacht in der eigenen Wohnung.

SIE: Jetzt waren wir endlich beieinander, lagen in unserem schönen Schlafzimmer. Das war ganz wundervoll. Ein Gefühl, dass man zusammengehört.

ER: Der anfängliche »Wahnsinn« des anderen Körpers ist keine Dauereintrittskarte für eine Ehe.

SIE: Wie Schiller sagt: Die Leidenschaft flieht, die Liebe muss bleiben. Und auf Sex eine Beziehung aufzubauen ist was ganz anderes als das, was wir wollten.

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