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Ein Bild und seine Geschichte: Eine unschuldige Zeitreise

Zigarren und Zuckerrohr, Sozialismus und Salsa kommen einem in de Sinn, wenn man von Kuba hört. Der "Magnum"-Fotograf David Alan Harvey schaut mit großen Augen und einer kleinen Kamera hinter die Kulissen des karibischen Inselstaates.

Von Philipp Gülland

Sonnengebräunt ist er, der Neunjährige. Gerade hat er seinen Geburtstag gefeiert, jetzt schaut er aus dem Beifahrerfenster eines 1953er Chevrolet. Es ist 1998. Um seinen Hals baumelt ein rotes Handtuch, bedeckt den nackten Oberkörper. Chrom und Karosserie der über 40 Jahre alten Limousine rahmen seinen fragenden Blick ein. Der Name des Jungen ist nicht überliefert, nur den Entstehungsort der Aufnahme - Camguey - verrät der Fotograf. Ein Schnappschuss, erhascht im Vorbeigehen und doch seltsam intensiv. Straßenfotografie nennt sich dieses Genre, das David Alan Harvey besonders liegt. Mit kleinen Leica-Kameras und kurzen Brennweiten lässt er sich durch den Alltag der Karibikinsel treiben, plauscht hier, knipst dort und zeichnet so ganz en passant ein umfassendes Bild Kubas.

"Ich mag die Sorte Fotografie, die keine besonderen Ereignisse braucht", verrät Harvey in einem Interview "Ich finde das Besondere im Alltag." Harveys Arbeit steht in der Tradition von Cartier-Bresson und W. Eugene Smith: mit der Kamera flanieren, geschickt den richtigen Augenblick abpassen und ihn mit einem leisen "Klick" einfangen - alles ganz beiläufig natürlich. Denn eigentlich schlendert der Fotograf einfach umher und unterhält sich prächtig mit Leuten auf der Straße, scherzt, wartet oder wird in Wohnzimmer gebeten. Er liebe das "Ballett der Straße", sagt er, das Licht, die Menschen, das Zusammenspiel der vielen kleinen Faktoren, "wie in einem Theaterstück." Der Trick dabei sei, eine Szene zu isolieren: "Ich muss mir immer wieder erklären, dass das beste Bild da ist, wo ich bin." Wer flanieren will, braucht eben Geduld.

Von Liebe und Inspiration

"Ich werde immer wieder nach Kuba zurückkehren", resümiert der Fotograf. Über ein Jahr sei er dort gewesen und am letzten Tag auf dem Weg zum Flughafen habe die Insel ihn genau so inspiriert wie am ersten Tag. "Die Isolationspolitik hat bestimmt viele Negativaspekte, aber sie ermöglicht eine Zeitreise. Die Kubaner sind in gewisser Weise unschuldig, weil sie nicht unserer modernen Welt waren. Auf der Straße sieht man das an den alten Autos, der Architektur und Atmosphäre der 50er."

In Kuba habe er sich verliebt, gesteht er: "Ich versuche als Fotograf immer eine Beziehung zu meinem Thema aufzubauen, aber so etwas ist mir noch nie passiert. Ich werde immer wieder kommen." Tatsächlich reist Harvey mehrmals auf die Karibikinsel und fasst seine Liebe in Bilder, 1999 erscheint sein Bildband "Cuba". Begleitet von den Texten der National-Geographic-Autorin Elizabeth Newhouse liefern Harveys Bilder eine Bestandsaufnahme kubanischer Lebensart - eine unschuldige Zeitreise.

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