Venedig "Die Diktatur des Zuschauers"


Die 50. Biennale holt den einzelnen Menschen wieder ins Zentrum des Kunsterlebnisses, doch nicht jeder findet Zugang zu dem Spektakel zwischen Utopie und Realität.

Der weißhaarige Mann kratzt sich am Kopf. "Wie so oft verstehe ich die Künstler nicht", sagt der Deutsche, der schon häufig bei der Kunst-Biennale in Venedig dabei war - und starrt auf die "Säulenheiligen" des Berliner Theaterprovokateurs Christoph Schlingensief. Da sitzen gleich am Eingang des Ausstellungsgeländes sieben junge Menschen auf meterhohen Pfählen. Sieben Tage lang wollen sie schweigend auf ihren unbequemen, mit Jute-Säcken gepolsterten Sitzen ausharren. "Ihre Mission ist nicht die Flucht vor sich selbst, sondern das tugendhafte Verweilen an einem auserwählten Ort", sagte Schlingensief.

Die Aktion gehört zu den meistbeachteten Ideen dieser 50. Kunstschau am Canale Grande, die am Samstag offiziell ihre Pforten öffnet. Es ist eine Biennale der Superlative: Rund 380 Künstler stellen ihre Werke aus, 63 Nationen nehmen teil, über 6000 Journalisten haben sich zur Vernissage akkreditiert.

Die Atmosphäre ist leicht und beschwingt und gleicht einem Mega-Happening. Ein Student sitzt vor dem Eingang zu den "Giardini" auf einer Holzkiste und hält seinen Arm provokativ in die Höhe. Blickfang ist sein erhobener Mittelfinger, auf dem eine Bierflasche steckt. "Ist das auch Kunst?", fragt eine Besucherin schmunzelnd. Zahlreiche Mitglieder verschiedener Hochschulen für Bildende Kunst erregen mit Eigeninszenierung Aufsehen. Vier von ihnen sitzen auf einer Parkbank und weinen hemmungslos, eine Frau hält einen riesigen Fisch in der Hand, eine andere steht bewegungslos inmitten von Müllbergen. Der Nackte, dessen Genitalien von einer Frau mit Lupe untersucht werden, ist dann aber selbst für Venedig zu viel des Guten: Die Polizei lässt die Aktion abbrechen.

Überall versuchen die Besucher bei Temperaturen von über 40 Grad, an schattigen Stellen des "Arsenale" oder der "Giardini" Abkühlung zu finden. Länderpavillons, die kalte Getränke ausgeben, haben Hochkonjunktur.

Auch im deutschen Pavillon gibt es Erfrischung: Das "METRO-Net" des 1997 verstorbenen Künstlers Martin Kippenberger ist ein riesiger Lüftungsschacht, aus dem unter der Geräuschkulisse einer einfahrenden U-Bahn alle fünf Minuten für 20 Sekunden kalte Luft strömt. Wie einst Marilyn Monroe in ihrer berühmten Filmszene warten unzählige Besucher gebannt auf den Luftzug, der die ersehnte Abkühlung bringt.

Die diesjährige Biennale ist eine Universalausstellung, mal romantisch, mal global, aber jedenfalls ohne Grenzen. "Ein fantastisches und vielschichtiges Archipel, das zwischen Utopie und Realität lebt", bringt es die venezianische Zeitung "Il Gazzettino" auf den Punkt. Ziel des künstlerischen Leiters Francesco Bonami war es, den einzelnen Menschen mit seiner eigenen Erfahrung und Vorstellungskraft wieder in den Mittelpunkt des Kunsterlebens zu stellen.

Daher rührt auch der Titel der Ausstellung "Träume und Konflikte: Die Diktatur des Zuschauers". Tatsächlich werde der Zuschauer jetzt in Venedig zum Diktator, aber nicht im negativen Sinn, kommentierte das italienische Fernsehen. Jedoch können sich nicht alle Besucher mit dem bunten, häufig unübersichtlichen Mix aus Bildern, Strukturen, Videos und Installationen anfreunden. "Man wird überspült von Eindrücken. Ich spüre nur Verwirrung", sagt eine Besucherin aus Köln.

Die 50. Biennale bietet viel, vielleicht zu viel. Sie entbehrt einer klaren Tendenz. Einziger Leitfaden der Schau ist die Rückkehr zum gemalten Bild, "so eins, das man es sich an die Wände hängen kann", schrieb eine Zeitung. Urheber sei eine neue Generation von Künstlern, die die Malerei benutzt, um über die eigene Identität zu sprechen, sagt Bonami: "Es gibt in einer Welt der Globalisierung scheinbar ein Bedürfnis danach, zu privaten Gedanken zurückzukehren und ein Bild ist nun mal der privateste Moment."

Carola Frentzen


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker