Es ist sicher der intensivste Bericht über die Katastrophe von Tschernobyl, den ARTE nun als Erstausstrahlung zeigt. Führte menschliche Fehleinschätzung, womöglich sogar die Vernachlässigung von Sicherheitsvorschriften zum Super-GAU, der sich am 26. April 1986, um 01.23 Uhr, im Reaktor 4 des Kernkraftwerks von Tschernobyl ereignete? Oder waren es eben doch Konstruktionsfehler von Anfang an. Fest steht: Die damalige Sowjetunion versuchte lange Zeit, die wahren Vorkommnisse zu verheimlichen, ihr Ruf stand auf dem Spiel. Erst nach dem Ende der Sowjetunion kam die nicht unkomplizierte Wahrheit über die Notabschaltung, die zur Kernschmelze führte, heraus. Letztlich stellt sich allerdings auch nach diesem "Insiderbericht" erneut die Frage einer Historikerin: Wie viele Risiken sind wir beim Betrieb von Atomkraftwerken bereit, in Kauf zu nehmen?
Wer will, muss lange durchhalten, um da zu einem eigenen Urteil zu kommen. Der dreiteilige Film von Tom Cook und Erica Jenkin, eine britische Koproduktion, nähert sich wie alle Dokumentationen der Katastrophe durch die Befragung von Zeitzeugen und Ursachenforschern an. Der Zuschauer ist dabei, wenn Freiwillige und Militär zur Beseitigung des ausgeworfenen Atommülls auf dem Dach des weiterhin intakten Reaktors 3 als "Bioroboter" anrücken, um den Schutt per Hand zu entfernen. Mit Bleiwesten und Atemmasken bewaffnet, müssen sie in 60 Sekunden entfernen, was sie zusammenraffen können. Tausende, später als "Helden" gefeiert, werden so durchgeschleust und wieder weggeschickt.
Lange wurde die Schwere des Unglücks verheimlicht, Feuerwehrleute, die den Brand im Reaktor 4 löschen sollten, wussten nichts von der Gefahr, der sie ausgesetzt waren, erst Tage später wurde die nahegelegene Stadt Prypjat evakuiert. Die Katastrophe kam am 28.04. ans Licht, als ein schwedisches AKW erhöhte radioaktive Niederschläge meldete. Gorbatschow vermeldete das Ausmaß der Katastrophe am 14. Mai. Die Zahl der Toten ist schwer zu messen, unmittelbar sollen es 30 gewesen sein, doch wie viele an Krebs oder Leukämie später starben, ist schwer zu messen oder blieb geheim.
Während die Menschen in einer 30-Kilometer-Sperrzone rund um Tschernobyl evakuiert werden, machen sich Ingenieure und Bauarbeiter daran, um den Reaktorblock 4 einen "Sarkophag" aus Stahlbeton zu errichten. Die Hülle ist allerdings nicht dicht, sie muss später mit einem weiteren Schutzschirm versehen werden. Experten aus der Sowjetunion stellen später vor der Atombehörde in Wien die Techniker, welche die Notabschaltung auslösten, als die allein Verantwortlichen dar. Der Vorwurf von Fehlern in der Struktur des Reaktors sowjetischer Bauart selbst wurde abgewiesen, die Nuklearsicherheit sei inzwischen verbessert worden.
Es gab bereits Fehler zuvor
Bei einem Prozess im Juli 1987 wurde die Schuld der Belegschaft festgestellt, drei AKW-Techniker wurden im "letzten Schauprozess der Sowjetunion" zu zehn Jahren Haft verurteilt. Doch die wahren Verantwortlichen für das folgenschwere Experiment waren damit nicht gefunden, so glaubten jedenfalls Experten wie der Ingenieur Nikolai Steinberg. Ihm gelang es, beim Obersten Gerichtshof in Moskau Dokumente zu finden, die den genauen Hergang des Unglücks und damit Konstruktionsfehler des Reaktors belegen. Bereits vor Tschernobyl habe es die Entdeckung von ähnlichen Fehlern bei anderen Reaktoren gegeben.
Für Laien ist das im Detail sicher nicht ohne weiteres nachvollziehbar. Doch wer die vom Krebs gezeichnete krächzende Stimme des unermüdlichen Analysten hört, dem bleiben Zweifel an der Sicherheit jedweder AKWs und ihrer stets sachkundigen Betreuung. Da mögen sich die Rehe und Füchse inzwischen noch so unbekümmert im Wald von Tschernobyl tummeln, da mag manche zurückgekehrte hartgesottene Bäuerin freudig ihre radioaktiven Kartoffeln ernten.
Tschernobyl – Der Insiderbericht (1/3) – Di. 14.04. – ARTE: 20.15 Uhr