Er schrieb Hits wie "Männer" und "Mensch", begeistert seit Jahrzehnten Generationen von Fans und gilt als eine Art Gewissen der Pop-Nation: Wenn Herbert Grönemeyer am 12. April sein 70. Lebensjahr vollendet, werden die medialen Ehrerbietungen – völlig zu Recht – zahlreich sein. Gefeiert wird der große Musiker und überzeugte Humanist auch im Fernsehen: Unter dem Titel "Grönemeyer – Alles bleibt anders" widmet ihm das Erste zur Primetime ein großes Doku-Porträt, das auf die unglaubliche Karriere des Bochumers zurückblickt und ihn als Künstler wie Privatperson zu fassen versucht. Linear ausgestrahlt wird der Film am Tag nach Grönemeyers Geburtstag, in der Mediathek ist er bereits jetzt abrufbar.
Von "Flugzeuge im Bauch" über "Bochum" und "Zeit, dass sich was dreht" bis zum titelgebenden Stück "Bleibt alles anders": Es gibt nicht viele Musiker, deren Lieder von der Hausfrau am Radio und vom Punk im Jugendklub ebenso mitgesungen werden wie auf der Schlagerparty und in der Studi-WG. Der Film von Robert Bohrer führt durch die Biografie des vielfach prämierten Künstlers, der auch als Produzent mit seinem Plattenlabel Grönland sowie als Schauspieler Erfolge feierte und der bislang über 20 Millionen Platten verkaufte. Obwohl er der Inbegriff des "Konsensmusikers" ist, eckt er als politisch engagierter Kosmopolit gern auch an, jenseits aller Chart-Tauglichkeit.
Gigantische Erfolge und schwere Schicksalsschläge
Was ist das Geheimnis Grönemeyers, welcher Mensch steckt hinter dem Musiker? Diesen Fragen geht die anderthalbstündige ARD-Doku anlässlich seines runden Geburtstags nach – nicht nur anhand von herrlichem Archivmaterial und alter Interviewaufnahmen mit dem jungen Grönemeyer. Zu Wort kommt der Jubilar vor allem selbst, dies allerdings auf sehr charmante Weise im Gespräch mit Wegbegleitern und Künstlerfreunden. Mit Konzertpianistin Anna Vinnitskaya fachsimpelt Grönemeyer über das Komponieren und seine Dirigentenarbeit, mit Autorin Mely Kiyak spricht er im Garten der Liebermann-Villa über Literatur und mit Fußballstar Toni Kroos – natürlich – über Fußball und Musik. Der Künstler Grönemeyer, der hier im Mittelpunkt steht, war und ist immer mehr als "nur" einer der erfolgreichsten deutschen Sänger überhaupt.
Auf seine Anfänge und frühen Erfolge blickt er gemeinsam mit seiner guten Freundin Nina Hoss ("Er begleitet unser aller Leben"), die er als eine "der größten Schauspielerinnen" bezeichnet. Überhaupt ist er voll des Lobes für seine klug gewählten prominenten Gesprächspartner und -partnerinnen, die Grönemeyer im Film auch als eine Art Spiegel seiner unterschiedlichsten Facetten dienen. "Es tut gut, wenn man neben der sitzt", preist er Anke Engelke, die mit ihm gemeinsam die bisweilen vernichtenden frühen Kritiken liest, alte Videos humorvoll kommentiert und Grönemeyers Selbstkritik an seinem jungen Alter Ego ("Früher stand ich so unter Strom, es war unerträglich") mit vielsagenden Blicken quittiert.
"Jeder Mensch ist ein Kunstwerk"
Zudem gibt es zum ersten Mal bisher ungesehene Einblicke in den Alltag und das Arbeitsleben des kumpelhaften Popstars: Nicht nur begleitet die Kamera den Superstar bei der Arbeit, auch lässt seine langjährige Managerin Claudia Kaloff ebenso hinter die Kulissen blicken wie sein Tourmanager und Bodyguard Ingo Mertens.
Zu fassen versucht das intime Porträt einen Mann, der gigantische Erfolge erlebte und schwere Schicksalsschläge erlitt, die Grönemeyer mitreißend als "große Stille" beschreibt. Zudem porträtiert der Film einen Humanisten, der nie mit seiner Meinung hinterm Berg hielt, der sich offensiv gegen Menschenhass, Rassismus und den Aufstieg des Autoritären zur Wehr setzte. Einen, der als moralische Instanz immer das "gute Deutschland" verkörperte und im Laufe seines Lebens so manche Weisheit ansammelte, die er auch im TV-Porträt teilt ("Jeder Mensch ist ein Kunstwerk"). Eine Ikone, das zeigt der vielschichtige Film, ist Grönemeyer schon lange – mit allen damit einhergehenden Widersprüchlichkeiten. Dass er es auch über die 70 hinaus bleibt, scheint eine der wenigen Gewissheiten in diesen unsicheren Zeiten.
Grönemeyer – Alles bleibt anders – Mo. 13.04. – ARD: 20.15 Uhr