Zu viele Ermittler verderben den Krimi, dieser Grundsatz gilt fast immer. Außer, man erhebt ihn zur charmanten Eigenheit, so wie in den letzten Jahren im Brandenburger "Polizeiruf 110". Zwar gibt es inzwischen ein feststehendes Team, doch wechseln die zuständigen Duos und Trios munter weiter. Kann das angesichts des Gewohnheitstiers Zuschauer gutgehen? Es kann – das beweist auch der aktuelle Fall "Goldraub", in dem diesmal Vincent Ross (André Kaczmarczyk) und Karl Rogov (Frank Leo Schröder) ermitteln. Schauplatz ist ausnahmsweise nicht die hart-naturschöne Grenzregion zu Polen, sondern die herausgeputzte Landeshauptstadt Potsdam, wo der Betreiber einer Goldmanufaktur getötet wird.
Alles sieht nach einem Raubüberfall aus: Mitten im beliebten Holländischen Viertel, in durchgentrifizierter Innenstadtlage, wird Jan Michalski in seinem Laden kurz nach Anlieferung hochwertiger Ware bedroht und umgebracht. Die Täter entkommen samt wertvollem Diebesgut, darunter eine historische Schmucksammlung, die restauriert werden sollte. War es eine polnische Bande, die schon länger mit Clownsmasken ihr Unwesen treibt?
Es müssen Profis am Werk gewesen sein, so die Ermittler – denn von der Lieferung wussten nur wenige: Neben dem Betreiberehepaar und der Lieferfirma auch Museumschef Henrik Feldmann (Thomas Bading), der den Schmuck im (real existierenden) Potsdam-Museum in einer Ausstellung über die Familie Stolzenburg zeigen wollte und nun – "lässt sich ja nicht mit Geld aufwiegen" – am Boden zerstört ist. Noch fassungsloser scheint nur die Frau des Opfers, Goldrestauratorin Bettina Michalski (wunderbar: Deborah Kaufmann), die während des Überfalls nicht im Laden war.
Bekannte Konflikte und eigenartige Zufälle
Weil ein Angreifer angeschossen wurde, nimmt Rogov gemeinsam mit Beamtin Grit Klempke (Anne Müller) und deren gerade zum "Mantrailer" ausgebildeten Hund die Fährte auf. Führt die Blutspur zu den Tätern? Und handelt es sich um die polnischen Juwelendiebe – oder doch um Trittbrettfahrer? Dass die Bande bislang nicht mordete, versucht Rogov mit einem "Zeiten werden rauer" zu erklären, doch die Details klingen "so gar nicht nach Clownsbande". Derweil recherchiert Ross im Familienkreis des Opfers und stößt bei (Stief-)Sohn Nico (Jakob Fliess) und dessen Ex-Freundin Romy (Meira Durand) auf bekannte Konflikte ("Abwesende Väter, wer kennt sie nicht?"), Ungereimtheiten und eigenartige Zufälle.
Es wird viel geredet, befragt und nachgedacht in diesem "Polizeiruf", dessen Handlung – bis auf Ausnahmen – so gediegen daherkommt wie das Potsdamer Zentrum, dessen renovierte Sträßchen im Kontrast zu sonstigen Settings des deutsch-polnischen Krimis stehen. Auch das Ermittlerduo geht es gemächlich an: Blicken andere Kommissare in persönliche Abgründe, geht es hier maximal um Ross' "klärende Beziehungsgespräche" mit seinem Freund und Rogovs Versuch, mit dem Rauchen aufzuhören. Trotzdem – oder deshalb – gefällt das ungleiche Team: Hier der bodenständige Oldie mit Hang zum trockenen Kommentar, dort der junge queere Hipster, der schon mal schwarzes Netzoberteil mit schusssicherer Weste kombiniert.
"Es geht grundsätzlich immer um alle"
Zudem schwingt sich Ross langsam zum Krimi-Philosophen auf. "Wir haben alle ein zweites geheimes Leben" und "Es geht grundsätzlich immer um alle", weiß er etwa über die familiären Verstrickungen, die den Fall durchziehen. Regisseur Felix Karolus, der mit Peter Dommaschk und Ralf Leuther auch das Drehbuch verfasste und zufällig auch aus einer Juweliers-Familie stammt, erzählt von klassischen Ermittlungen vor klassizistischer Kulisse (hübsch kontrastiert von Ausflügen in die Spielhöllen der Plattenbauten), von komplizierten Beziehungen, filigranem Handwerk – und von Kunstraub, der spätestens seit dem Coup im Louvre wieder Konjunktur hat.
Das ist – abgesehen vom intensiven Finale in Stadtrandtristesse – nicht überbordend spannend oder ausgefallen, aber ziemlich sympathisch. Es sind die Figuren, die den ruhig inszenierten Krimi beleben, vom toxischen Mutter-Sohn-Gespann über die genervte Ex bis zum gegensätzlichen Ermittler-Duo, das toll harmoniert. Die Teamwechsel im Brandenburger "Polizeiruf", sie funktionieren jedenfalls prächtig.
Polizeiruf 110: Goldraub – So. 29.03. – ARD: 20.15 Uhr