Ironie als Superkraft Kein Weltuntergang, dafür jede Menge Ego: Warum "Wonder Man" die klügste Marvel-Serie seit Langem ist

  • von Andreas Fischer
Da haben sich zwei gefunden: Simon Williams (Yahya Abdul-Mateen II, rechts) und Trevor Slattery (Ben Kingsley) wollen eine Rolle im Kinofilm "Wonder Man" ergattern.
Da haben sich zwei gefunden: Simon Williams (Yahya Abdul-Mateen II, rechts) und Trevor Slattery (Ben Kingsley) wollen eine Rolle im Kinofilm "Wonder Man" ergattern.
© MARVEL/Disney+
Das ist alles nur Fiktion: Ein alter Bekannter und ein heimlicher Held machen sich in der neuen Marvel-Serie "Wonder Man" über Marvel lustig.

Statt Weltrettung gibt es Selbstzweifel, Eitelkeiten und eine Liebeserklärung an die Kraft des Kinos: Marvel startet mit einer ungewöhnlichen Superheldenserie ins neue Jahr. "Wonder Man" erzählt ab 28. Januar bei Disney+ von zwei Schauspielern in Hollywood, die eine Rolle in dem fiktiven Kinofilm "Wonder Man" ergattern wollen – in gemächlichem Tempo, ziemlich unterhaltsam und mit Yahya Abdul-Mateen II und Ben Kingsley hervorragend besetzt.

Im Mittelpunkt der acht halbstündigen Episoden steht Simon Williams (Yahya Abdul-Mateen II). Der hochbegabte Schauspieler ist ein perfektionistischer Kinonerd, der Hollywood eigentlich zu sehr liebt, um dort problemlos zu funktionieren. Er ist besserwisserisch, detailverliebt – und besitzt Superkräfte, die er vor der Öffentlichkeit geheim halten muss. Das allerdings fällt ihm zunehmend schwerer.

Der "Mandarin" ist zurück

Zumal schon bald ein alter Bekannter aus dem Marvel Cinematic Universe (MCU) auftaucht: Trevor Slattery, erneut verkörpert von Ben Kingsley. Slattery trat erstmals in "Iron Man 3" (2013) in Erscheinung – ein gescheiterter Schauspieler, der als falscher "Mandarin" Terrorbotschaften in die Kamera sprach. Wer diese Vorgeschichte kennt, hat zusätzlichen Spaß, nötig ist sie aber nicht. "Wonder Man" funktioniert auch ohne umfassendes MCU-Vorwissen erfreulich gut.

Williams und Slattery freunden sich an, während sie sich beide für das geplante Remake des fiktiven Films "Wonder Man" bewerben: Beide sind insbesondere angetan von der Idee, mit dem berühmten Regisseur Von Kovak (Zlatko Burić) arbeiten zu können. Die Arthouse-Ikone ist eine liebevolle Karikatur eines Autorenfilmers: selbstverliebt, visionär, permanent genervt vom Superhelden-Genre – und fest entschlossen, es trotzdem neu zu erfinden.

Die schönste MCU-Überraschung seit langem

Weniger Pathos, mehr Humor, weniger Weltuntergang, mehr Charaktere: Entwickelt von Destin Daniel Cretton und Andrew Guest ist "Wonder Man" keine klassische Superheldenserie, sondern eher eine augenzwinkernde Selbstreflexion mit deutlich reduziertem Effektgewitter. Ohne sich wirklich weh zu tun, nimmt sich Marvel selbst auf die Schippe und macht sich über Reboots, Franchise-Zwang und Superheldenmüdigkeit lustig. Auch dass es für einen Mann, der seine Superkräfte unbedingt vor der Welt verstecken möchte, nichts Größeres gibt, als die Rolle eines Superhelden mit Superkräften zu spielen, entbehrt nicht einer gewissen Ironie.

Zwischen philosophischen Gesprächen über Schauspielkunst, Kino-Magie und der Faszination des Filmemachens schwingt immer wieder ein Kommentar auf das moderne Hollywood mit. Dass dabei gelegentlich ein Hauch Elitismus durchscheint, passt erstaunlich gut zu einer der schönsten MCU-Überraschungen seit Langem - einer Serie, die sich traut, leise zu sein, wo andere laut werden.

TELESCHAU

Mehr zum Thema