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"Das innere Auge": Oliver Sacks und die Tricks des Hirns

Wie weitermachen, wenn über Nacht die Fähigkeit zu lesen oder zu sprechen schwindet? Der Mediziner Oliver Sacks beschreibt in seinem neuen Buch, wie Patienten den Verlust zu kompensieren lernen. Am Ende wird er selbst zum Betroffenen.

Seit vier Jahrzehnten plaudert der New Yorker Neurologe Oliver Sacks aus seiner Praxis. Unter dem jüngsten Titel, "Das innere Auge", stellt er jetzt eine Konzertpianistin vor, die keine Noten mehr erkennt, einen Schriftsteller, der plötzlich nicht mehr lesen kann, und eine kontaktfreudige Kunstexpertin, die nach einem Schlaganfall nicht einen einzigen Satz mehr über die Lippen bringt. In dem Buch geht es aber auch um Sacks selbst: Ein Melanom im rechten Auge raubt ihm nach und nach das Sehvermögen.

Es sei eine Ironie, dass Menschen von einer Krankheit oft an ihrem empfindlichsten Nerv getroffen werden, sagte Sacks im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa. Die Patienten, deren Fall er in seinem neuen Buch schildert, geben sich aber nicht geschlagen. Sie machen den Verlust durch andere Fähigkeiten wett. Die Pianistin gleicht das Unvermögen, Noten zu erkennen, durch ein phänomenales Gedächtnis aus: Sie spielt und variiert Musik, die sie hört, vor ihrem Publikum aus dem Kopf. Ein Blinder findet sich über seine verschärfte akustische Wahrnehmung im Alltag zurecht.

Willen und Kreativität der Betroffen

Das Gehirn von Erwachsenen ist durchaus noch in der Lage, sich an neue Realitäten anzupassen, schreibt Sacks. Wo das nicht möglich ist, sind Hilfsmittel zur Hand: Die kommunikationsfreudige Patientin aus der New Yorker Kunstszene verständigt sich über Gebärden. Nur im Notfall greift sie zu dem Lexikon, das sie immer bei sich trägt. Sacks selbst benutzt einen Stock, um den für ihn leeren Raum auf seiner rechten Seite zu ertasten, wie er im Gespräch erzählt.

Er bewundert den Willen seiner Patienten und die Kreativität, mit der sie ihre Behinderung meistern. Der Schilderung seines eigenen Leidens fehlt der positive Aspekt. Wissenschaftlich akribisch und ohne die Begeisterung, die er für Fortschritte der anderen aufbringt, notiert Sacks die Veränderungen bei sich. Es klingt entgeistert, ungeduldig, sogar wehleidig. Wenn ihm die Worte fehlen, skizziert er: Strichmännchen statt vertrauter Menschen, Striche und Figuren ohne Bedeutung, Bilder ohne Tiefe.

Neurologie als Bestseller-Thema

"Das innere Auge" ist Sacks’ zehntes Buch. Es ist eine Sammlung von Essays über mitreißende Schicksale, deren Hintergrund der Autor im Arztkittel mit seinem Fachwissen ergänzt. Sacks lehrt, welche bizarren Störungen des Gehirns der Mensch erfahren kann, und mit welchem Einsatz er die Oberhand zurückgewinnt.

Seit Sacks Geschichten über Patienten schreibt, die aus der Schlafkrankheit auftauchen, farbenblind sind oder das Gesicht der eigenen Familie nicht identifizieren können, hat er eine weltweite Leserschaft. Sein Buch "Zeit des Erwachens" wurde von Harold Pinter zum Theaterstück umgeschrieben und kam mit Robin Williams und Robert De Niro in die Kinos. Sacks Bestseller, "Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte", wurde sogar zur gleichnamigen Oper vertont.

Sacks wuchs in London als Sohn eines Familienarztes und einer Chirurgin auf, studierte an der Oxford Universität und sammelte in Kalifornien erste Erfahrungen im Klinikalltag. Warum Neurologie? "Nichts fasziniert mich so sehr wie die Komplexität des Hirns", sagte Sacks der dpa. "Der Mensch wird durch sein Gehirn definiert", und weiter: "Im Gehirn sind unsere Talente eingebrannt, unsere Werte. Ein neues Herz oder ein Nierentransplantat verändert die Identität eines Menschen nicht."

Gisela Ostwald/DPA / DPA
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