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Mein Leben als Mensch (Teil 28): Gar nicht pipieierleicht

Beim täglichen Altern gerade wieder erhebliche Unzulänglichkeiten an mir festgestellt. Oder: Ehrlich gesagt, habe nicht ich diese festgestellt, sondern Carla. Sie erbat meine Gesellschaft bei den Hausaufgaben, mit deren Anfertigung sie rechtzeitig am Sonntagabend gegen neunzehn Uhr begann.

Von Jan Weiler

Ich fand das ein bisschen spät, musste mich aber dahingehend belehren lassen, dass sie vorher keine Zeit gehabt habe und dass Schule schließlich nicht alles im Leben sei und ich das schon noch lernen würde. Sie gab ihrer Hoffnung Ausdruck, dass ich mich ein wenig entspannen würde, wenn sie aufs Gymnasium käme. Carla neigt zu einer für eine Neunjährige sehr abgeklärten Weltsicht. Vor einigen Tagen veranstaltete ihre Schule einen Spendenlauf für arme Kinder. Dieser sah vor, dass die Kinder um den Sportplatz laufen sollten und ein Sponsor für jede gelaufene Runde einen gewissen Betrag spendete. Ich fragte Carla, wie ihr das gefallen habe, und sie antwortete: "Die hätten mir genauso gut vorher sagen können, wie viel sie brauchen. Dann hätte ich das selber gespendet und mir die dämliche Rennerei erspart."

Ich mag Sport, aber ich finde, sie hatte recht. Nun sass sie am Küchentisch und jammerte über die Sinnlosigkeit des Seins. Ich setzte mich zu ihr, und wir sahen die Aufgaben an. Zahlen. Verbunden mit Rechenzeichen. Endlose Zahlenkolonnen marschierten über das weiße Arbeitsblatt wie Flüchtlingsströme an einem Wintertag. 515+39+197+153. Addieren und Quersumme bilden. Zwanzigmal. Dreißigmal. Dann dasselbe noch mal, aber mit Subtrahieren. Sie beugte sich wie ein kafkaesker Buchhalter über die Zahlen und schmierte das Ergebnis von 186+235+37+328 aufs Papier. Ich bekam Mitleid, aber ich durfte es nicht zeigen, im Gegenteil. Sie erwartete von mir Erklärungen. "Das muss man können", sagte ich. "Wofür?" "Für später." "Um später was zu tun?" "Um es später zu können." "Wofür?" "Himmelarsch, keine Ahnung! Rechnen kann man gut gebrauchen, und zwar für alles Mögliche." Schriftlich addieren ging noch. Das kann ja jeder. Wir begaben uns zum Abziehen. Schon etwas mühsamer. Dann "Malnehmen", wie ich sagte. Carla sah mich kopfschüttelnd an und sagte: "Das heißt multiplizieren." Ach so, stimmt.

Ich hatte keinen Schimmer, was zu tun war

Ich erinnere mich düster, dass beim Multiplizieren so ein schräger langer Bart entsteht und dass es sehr einfach ist, aber ich wusste nicht mehr, wie der Bart zustande kam. Carla zeigte es mir, ich machte ein paar ihrer Aufgaben. Sie war ganz zufrieden. Dann mussten wir dividieren. Ich hatte keinen Schimmer, was zu tun war. Von wegen divide et impera: Weder teilte noch herrschte ich. "Das kannst du nicht?", frohlockte Carla. "Doch schon, aber es ist mir momentan entfallen." "Das ist doch pipieierleicht." "Ist es gar nicht", maulte ich. Sie zeigte mir, wie man schriftlich teilt, aber ich bekam es nicht hin. Es ist so lange her. 30 Jahre, da kann man doch mal was vergessen. "Gib’s zu, du schnallst es nicht", verlangte Carla. "Okay. Stimmt. Zufrieden?" "Und ich dachte, man kann es gut gebrauchen, wenn man groß ist!?" "Das ist auch so", jammerte ich. "Na, dann mach das mal schön zu Ende, und ich sehe es mir später an." Sie stand auf und ging ins Wohnzimmer. Ich hörte, wie sie mit einer Freundin telefonierte, dann sah sie fern. Ich brauchte 20 Minuten für ihre Divisionen. Und die meisten stimmten sogar, wie sie mir mitteilte, nachdem sie alles nachgerechnet hatte. Ich bekam noch ein Küsschen, und dann musste ich ins Bett. War ja schon spät.

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