"Die geheimnisvolle Welt der Bienen" (Disney+)
Naturfilmer Bertie Gregory: "Geht es den Bienen schlecht, geht es uns Menschen schlecht"

  • von Luisa Paulin
Das ist durchaus eine komplizierte Aufgabe für Bertie Gregory: Wie bringt man das Leben der kleinen Bienen auf die Leinwand?
Das ist durchaus eine komplizierte Aufgabe für Bertie Gregory: Wie bringt man das Leben der kleinen Bienen auf die Leinwand?
© National Geographic
Der preisgekrönte Naturdoku-Produzent und Kameramann Bertie Gregory spricht im Interview über sein neuestes Projekt "Die geheimnisvolle Welt der Bienen" (ab 1. April auf Disney+) und die große Rolle, die die kleinen Lebewesen für den Planeten tragen.

Um die Welt reisen und wunderschöne Filmaufnahmen von Flora und Fauna einfangen, das ist Bertie Gregorys Beruf – zumindest zum Teil. Der Brite ist Filmemacher, Umweltaktivist und Produzent für unter anderem National Geographic und die BBC. Inzwischen hat er bereits mehr als acht TV-Projekte für NatGeo produziert, darunter die Emmy-ausgezeichnete Reihe "Animals Up Close". Nebenbei wurde er 2023 auch vom "People Magazine" zu einem der "Sexiest Men Alive" gekürt.

Jetzt läuft sein neuestes Projekt "Die geheimnisvolle Welt der Bienen" auf Disney+ an, das unter anderem vom Oscar-Preisträger James Cameron mitproduziert wurde. Gregory, der zuvor hauptsächlich Säugetieren, Pinguinen oder Meeresbewohnern auf der Spur war, macht hier das große Drama der ganz Kleinen sichtbar. Im Interview spricht der Naturfilmer über seinen Werdegang, über gängige Fehlschlüsse, was das Filmen von Natur-Dokumentationen angeht, und seine ambivalenten Gefühle hinsichtlich des Klimawandels. (In Deutschland startet die Doku am Sonntag, 5. April, 22 Uhr, auf National Geographic WILD und bereits am 1. April auf Disney+.)

"Das gefährlichste Tier auf der ganzen Welt, mit dem ich in Kontakt komme, ist der Mensch"

teleschau: Sie produzieren und drehen Naturdokumentationen, wie kommt man zu so einem Beruf?

Bertie Gregory: Meine Familie war früher ganz besessen von Wassersport. Also bin ich an der Küste von Cornwall surfend und segelnd aufgewachsen. Wenn man so viel Zeit draußen in der Natur verbringt, entwickelt man einfach eine Wertschätzung dafür. Als Teenager habe ich mit der Fotografie eine Möglichkeit gefunden, meine aus der Wertschätzung entwachsene Leidenschaft für Wildtiere und die Natur zu kanalisieren. Dazu kommt, dass Fotografie ein hervorragendes Mittel ist, um andere Menschen für das zu begeistern, was einen selbst interessiert.

teleschau: Oft wird es so dargestellt, dass Naturdokumentationen zu filmen, Unmengen an Geduld erfordert und zudem sehr gefährlich ist, stimmt das?

Gregory: Das sind tatsächlich zwei weit verbreitete Fehlschlüsse. Erstens glaube ich nicht, dass man als Naturfilmer geduldig sein muss, sondern beharrlich. Das ist eine ganz andere Fähigkeit. Ich bin unglaublich ungeduldig, aber sehr beharrlich. Zweitens würde ich sagen, dass unser Beruf als sehr gefährlich wahrgenommen wird, aber das gefährlichste Tier auf der ganzen Welt, mit dem ich in Kontakt komme, ist immer der Mensch. Ich würde behaupten, dass ein Spaziergang durch die Straßen von New York weitaus gefährlicher ist, als die meisten Tiere, mit denen ich zu tun habe.

teleschau: Was ist wiederum eine Schwierigkeit beim Filmen von Natur und Wildtieren, die den wenigsten bewusst ist?

Gregory: Es läuft ständig etwas schief. Ich glaube, wir vermitteln oft dieses Bild, dass wir einfach so um die Welt hüpfen, eine tolle Zeit haben und eine unglaubliche Begegnung mit Tieren nach der anderen erleben. In Wirklichkeit besteht mein Job zu einem Prozent darin, Tiere zu filmen, die coole Sachen machen, und zu 99 Prozent darin, Probleme zu lösen. Das bringt uns zur Beharrlichkeit zurück. Ich beschreibe den Prozess gerne so: Es ist wie Münzen in einen Spielautomaten werfen. Wenn irgendwann genug Münzen in der Maschine sind, hat man auch mal Glück und wird dann reichlich belohnt.

teleschau: Was macht dieses eine Prozent aus, dass es die restlichen 99 Prozent wert ist?

Gregory: Es ist einfach magisch. Die Bilder, die wir einfangen, sind unglaublich, wenn man sie vor Ort miterleben darf, aber das Tolle an meinem Job ist, dass ich das, was ich gesehen habe, dazu auch mit der Welt teilen kann. Tiere zu beobachten, wie sie wirklich coole Dinge tun, ist mein Ziel, und wenn man sich wirklich, wirklich, wirklich viel Mühe gibt, dann kann man diese erstaunlichen Dinge sehen, die zuvor noch nie beobachtet wurden und sie dazu auch noch auf der Kamera festhalten.

Wie wird man vom Filmemacher zum Mitbewohner in einem Bienenstock?

teleschau: Wenn wir schon von Dingen sprechen, die noch niemand oder nur sehr wenige Menschen zuvor gesehen haben: Wie ist es, von Drehs mit großen Tieren wie beispielsweise Delfine oder Geparden in den Mikrokosmos der Insekten, und vor allem dem der Bienen zu wechseln?

Gregory: Zuerst dachte ich unser größtes Problem wird, dass die winzigen Bienen sicherlich viel weniger Charisma haben als beispielsweise ein Wolf oder ein Gepard. Tatsächlich strotzen sie nur so vor Charakter, aber das zeigt sich erst, wenn man sich auf ihre Welt einlässt und sie durch ihre Augen sieht.

teleschau: Wie ist das Ihnen gelungen?

Gregory: Die Technik hat dabei eine wirklich wichtige Rolle gespielt. Normalerweise verwendet man zum Filmen Makroobjektive. Damit kann man sehr, sehr nah heranzoomen. Das Problem bei herkömmlichen Makroobjektiven ist jedoch, dass die Schärfentiefe, also der Bereich des Bildes, der scharf abgebildet wird, sehr gering ist. Die Biene oder das Insekt sind also scharf, der Hintergrund ist jedoch komplett unscharf und man erkennt nicht, was um die Biene herum passiert. Für die Dokumentation haben wir neuartige "Probe Lenses" verwendet. Das sind zwar Makroobjektive, aber eben Weitwinkel-Makroobjektive. Das bedeutet, dass man nicht nur das winzige Tierchen groß im Bild sieht, sondern nun auch die Landschaft und ihre Umgebung mit auf dem Bild einfangen kann. Plötzlich wirken kleine Gänseblümchen wie Wolkenkratzer, und wir Großen können uns so viel besser in die Perspektive der Kleinen hineinversetzen.

teleschau: Wie haben Sie es geschafft, die Bienen bei der Arbeit in ihren Bienenstöcken zu filmen?

Gregory: Um im Inneren der Bienenstöcke zu filmen, haben wir im Grunde genommen ein Studio an der Seite eines Bienenstocks aufgebaut. So fliegen die Bienen in den Bienenstock hinein und gehen dort ihrer Arbeit normal nach, weil sie glauben, sie wären im Bienenstock. Aber eigentlich ist das Studio so etwas wie eine Erweiterung des Bienenstocks. Wir und unsere Kameras wurden so im Bienenstock akzeptiert, und das bedeutet, dass wir diese Welt zeigen konnten, ohne den Arbeitsablauf der Honigbienen zu stören. Wir waren selbst zeitweise wie Mitbewohner.

teleschau: Was war Ihre persönliche Lieblingsentdeckung über Bienen während der Zeit, in der Sie an dieser Dokumentation gearbeitet haben?

Gregory: Es gab so viele Highlights. Meine Lieblingsszene der ganzen Produktion habe jedoch nicht ich selbst gefilmt, was ärgerlich ist (lacht). Es ist der Angriff der Asiatischen Riesenhornissen auf einen Honigbienenstock. Diese Sequenz hatte etwas von einer Kampfszene aus "Der Herr der Ringe". Da steht dieses riesige, hungrige Monster vor den Toren und möchte in die Burg eindringen, doch die viel kleineren Honigbienen stehen tapfer zusammen, überwältigen die Hornissen mit ihrer Zahl und kochen diese dann mit ihrer eigenen Körperwärme. Aber das war für mich nicht mal der faszinierendste Teil der Szene.

teleschau: Ach so?

Gregory: Die überraschendste Stelle war für mich das, was passiert ist, nachdem eine Hornissenspäherin den Bienenstock mit Pheromonen markiert hat, um später mit ihrem Schwarm für den großen Angriff zurückzukehren. Denn die Honigbienen haben die Taktik der Hornissen verstanden und haben angefangen, duftende Pflanzen zu sammeln, zu zerkleinern und dann zu verteilen, um den Geruch der Hornissen zu überdecken. Eigentlich verbinden wir Menschen den Einsatz von Werkzeugen immer mit Schimpansen oder vielleicht noch Delfinen, aber nicht mit einem winzigen Insekt. Das zu sehen, war für mich wirklich unglaublich.

"Egal wo man lebt, man kann den Bienen helfen"

teleschau: Was ist denn eine Sache über Bienen, die eigentlich jeder wissen sollte?

Gregory: Einfache Antwort: Bienen gehören zu den wichtigsten Tieren auf dem Planeten, sie sind als Bestäuber nämlich für ein Drittel unserer Nahrung verantwortlich. Wenn es den Bienen also schlecht geht, was leider der Fall ist, bedeutet das, dass es uns als Menschen schlecht geht.

teleschau: Was müsste sich ändern?

Gregory: Im Gegensatz zu so vielen Naturdokumentationen, die ich mache, in denen ich zeige, dass eine Spezies oder ein Tier vor großen Herausforderungen steht und es sehr schwer ist, zu helfen, weil es Tausende von Kilometern entfernt ist, kann man Bienen fast überall helfen. Egal, wo man wohnt, kann man den Bienen helfen, indem man beispielsweise mehr Wildblumen pflanzt, selbst auf einem kleinen Fensterbrett einer Wohnung, das hilft! Und wenn man dann genau hinschaut, kann man selbst den positiven Unterschied in seiner Umgebung sehen, wenn man beobachten kann, wie die Blumen von den Bienen bestäubt werden. Damit hat man den Bienen geholfen und kann sie auch noch bei ihrer Arbeit beobachten. Win-win.

teleschau: Sie sagen, dass der Mensch die gefährlichste Spezies auf dem Planeten ist. Sie sind viel unterwegs und sehen die Auswirkungen der Klimakrise und der Umweltzerstörung aus erster Hand an verschiedensten Orten. Was geht einem dabei durch den Kopf? Ist da Hoffnung, dass man mit den eigenen Bildern etwas Positives erwirken kann, oder ist es eher ein Versuch, diese Bilder festzuhalten, so lange es sie noch gibt?

Gregory: Irgendwo ist es beides. Letzteres ist definitiv die deprimierendere Option. Was ich aber auch gesehen habe und was mir Hoffnung gibt, ist die Tatsache, dass die Natur unter den richtigen Umständen unglaublich schnell darin ist, sich zu regenerieren. Wenn sie das nicht wäre, hätten wir ein noch viel größeres Problem. Also ja, ich sehe immer und immer wieder, wie Menschen in der Natur extremen Schaden anrichten, aber ich durfte auch immer wieder beobachten, wie die Natur in der Lage war, sich davon zu erholen. Hier sind die Bienen auch noch mal ein wunderbares Beispiel, sie sind kein abstraktes, abwegiges Konzept, sie wohnen in unseren Gärten, direkt vor unseren Haustüren, und man kann helfen und seine Hilfe sehen, man sieht die positive Veränderung, die man mitbewirkt hat.

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