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Für mehr Toleranz: Eine Fotografin erfindet Barbie neu – und setzt ein wundervolles Zeichen

Rund 100 Barbies besitzt Jessica Kroll-Holtmann. Darunter keine einzige Prinzessin. Ihre Puppen tragen Trenchcoat und Sonnenbrille – und sind queer.

Von Linda Göttner

Die Queerdolls stehen für mehr Toleranz
Queerdoll

Sie gilt als klischeehaftes Lieblingsspielzeug der Mädchen, kommt perfekt gestylt und geschminkt daher, wird seit jeher wegen ihrer überidealisierten Weiblichkeit kritisiert und steht für viele symbolisch für oberflächlichen Konsum. Doch muss das so bleiben? Kann sie mehr sein als Schönheit und Plastik? Die Fotografin Jessica Kroll-Holtmann hat sich zur Aufgabe gemacht, die Barbie in ein anderes Licht zu rücken: Sie inszeniert sie homo- oder transsexuell. Auf Englisch – oder in "modernem Deutsch" – könnte man sie auch queer nennen.

Alles fing mit einem Flohmarktbesuch an, bei dem Kroll-Holtmann ein paar Kens kaufte. "Ich finde die einfach unglaublich niedlich", erzählt sie im Gespräch mit dem stern. Und weil sie im gemeinsamen Haushalt mit ihrer Lebensgefährtin nicht alles mit Regenbogenfähnchen dekorieren wollte, wurden die Kens zur Deko umfunktioniert. Doch damit nicht genug – die 50 Jährige machte die Barbies zu ihrem Projekt. "Sie sind nicht so richtig modern", findet sie. Darum verpasste sie ihnen ein Umstyling, steckte sie in Skinny Jeans und Lederjacke, dazu ein Dreitagebart und eine Undercut-Frisur.

Bild der Barbie-Puppe modernisieren

Doch zur modernen Barbie gehörte für sie noch mehr: "Wenn man eine Barbie und einen Ken nebeneinander legt, dann sieht man schon: Die passen nicht zueinander." So kam ihr die Idee, die Barbies von der konventionellen Prinz-und-Prinzessin-Paarung loszulösen und sie moderner in Szene zu setzen – verliebt in das gleiche Geschlecht.

Für Kroll-Holtmann entwickelte sich vor rund vier Jahren daraus ein spannendes Fotomotiv, das ihr zunächst für Geburtstagskarten diente. Eine Freundin macht sie auf die Foto-App Instagram aufmerksam, die damals noch nicht ganz so angesagt war wie heute. Abseits vom Trend, sein Essen zu fotografieren, fand sie dort die Möglichkeit, eine relevante Botschaft zu vermitteln. "Ich selbst habe Glück, dass ich nicht unter Diskriminierungen leiden muss. Aber es gibt viele, denen das begegnet. Deswegen dachte ich, ich mache etwas gegen Homophobie, Transphobie, für Gleichstellung, Akzeptanz, Vielfalt und letztlich auch etwas über Liebe."

Gesellschaftlich immer noch notwendig

Für die Hobbyfotografin ist der Aufruf zur Toleranz immer noch sehr wichtig. Grundsätzlich habe sich das Bewusstsein für queere Menschen in der Gesellschaft zwar verbessert. "Aber die Aussagen der AfD sind zum Teil beängstigend. Leider unterstellt ja auch die CDU Ministerin Anja Karliczek dass Kinder aus Regenbogenfamilien schlechter entwickelt sind. Das ist natürlich völliger Quatsch", so Kroll-Holtmann. Angekommen in Gleichberechtigung und Vorurteilsfreiheit sei die Gesellschaft noch nicht. Für das Alltagsleben queerer Menschen gibt es für sie noch einige erstrebenswerte Entwicklungen: "Ich würde mir für alle wünschen, dass sie zumindest auch beruflich Akzeptanz und Gleichstellung erfahren."

Mehr Verständnis schaffen

Für ihren großen Wunsch setzt sie in Kleinarbeit an: Mit den Puppen stellt sie den queeren Alltag nach und möchte damit gleichsam die Normalität dieser Beziehungsform vermitteln sowie das konventionelle Bild der Barbie aufbrechen. Ihre Puppen sind farbig, trans- oder homosexuell, eine sitzt im Rollstuhl. Durch die liebevoll und süß anmutenden Szenarien soll der Betrachter mehr Verständnis für gleichgeschlechtliche Beziehungen erlangen. "Ich möchte grundsätzlich zeigen, dass wir als queere Gemeinschaft niemandem in der Gesellschaft etwas wegnehmen, sondern einfach nur eine Bereicherung sind. Und dass es in der heutigen Zeit immer noch nötig ist, etwas dafür zu tun."

Ihre Motive findet sie im alltäglichen Leben, ihre liebsten Fotos sind in Urlauben mit ihrer Lebensgefährtin in Dänemark entstanden. Darüber hinaus inspiriert sie aber auch das internationale Geschehen: "Ich nutze alle möglichen Feiertage für Aktionskunst." So hat sie beispielsweise zur Bundestagswahl ein Wahlbüro inszeniert oder nutzt den Christopher Street Day für ein Motiv.

Queerdoll

Ausschließlich positive Resonanz

In die Welt hinaus verbreitet Kroll-Holtmann ihre Botschaft über die sozialen Netzwerke. Hier erfahre Kroll-Holtmann ausschließlich positive Resonanz. Von einem Feedback erzählt sie besonders gerührt: Einer ihrer Fans bestellte einen "Queerdoll"-Kalender nach Seattle und filmte sich dabei, wie er ihn freudestrahlend auspackte. Andere schrieben ihr, dass sie sich ein solch positives Bild queerer Menschen bei ihrem Coming-Out gewünscht hätten.

Der Beschluss zur "Ehe für alle" im Bundestag war für Kroll-Holtmann besonders berührend, in ihren Augen gar der bedeutsamste Moment für die Queer-Gemeinschaft. Ihre Kreativität will sich die 50-Jährige noch lange erhalten, denn das Thema ist und bleibt aktuell. Die Welt verändern könne sie zwar nicht, "aber ich kann dazu beitragen, dass Leute noch einmal darüber nachdenken, was ihr Bild von queer ist". Ihre Botschaft, das ist nicht zu übersehen, ist eine für eine bessere Welt mit mehr Toleranz.

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